Mit der Uraufführung von Thomas Melles Drama „Die Lage“ starten die Stuttgarter Staatstheater an diesem Freitag in eine Spielzeit mit vielen Herausforderungen.
Stuttgart - In dieser Saison ist alles anders: Die Hygiene- und Abstandsregeln der Corona-Verordnung bestimmen die Spielpläne maßgeblich mit – dazu die im Juli begonnene Kurzarbeit. Fragen und Antworten zur Lage der Theater-Kunst.
Wie viele Plätze gibt es in den einzelnen Spielstätten?
Im Opernhaus können statt 1404 Plätzen jetzt 371 belegt werden, im Schauspiel statt 667 Plätzen 166, und das Kammertheater bietet statt 200 Plätzen aktuell 38. Das alles ist dem geforderten Mindestabstand von 1,5 Metern geschuldet. „Wir rechnen derzeit mit einem Viertel der vorhandenen Plätze“, sagt Vertriebsdirektor Martin Dehli, der den Kartenverkauf in den Stuttgarter Staatstheatern leitet. „Diese Beschränkung schmerzt uns alle sehr, aber das ist die Bedingung dafür, dass unser Publikum sicher ist.“ Theoretisch könnte sich durch die stärkere Berücksichtigung von Zuschauern aus einem Haushalt und von Schulkassen das Platzangebot erhöhen. In der Praxis soll aber ein breites Spektrum von Besuchern zum Zug kommen. „Da ist viel Handarbeit im Buchungsprozess“, so Dehli.
Wie gehen die Staatstheater mit den Abonnenten um?
Alle Abos bleiben bestehen. Weil aber wegen der aktuellen Abstandsregeln in allen Spielstätten weniger Sitzplätze angeboten werden können, reduziert sich die Anzahl der Vorstellungen, welche die Staatstheater in einem Abo anbieten können, zurzeit auf nur ein Viertel. Bei einem Abo mit sechs bis acht Vorstellungen wären das zwei. Neue Abos können aus diesem Grund derzeit nicht abgeschlossen werden. Auch kann das Theater nicht garantieren, dass ein Abonnent auf seinem angestammten Platz sitzen und dass der im Schauspiel-Abo eventuell gebuchte Wochentag eingehalten werden kann. Um flexibel auf die weiterhin dynamische Situation reagieren zu können, werden alle Abo-Termine nicht vorab, sondern sukzessive festgelegt und die Abonnenten schriftlich informiert.
Sind Tickets im freien Verkauf?
Ja, versichert Martin Dehli. Die Zahl der Abonnenten werde so gestaffelt, dass immer auch Karten in den freien Verkauf gingen. Damit der Spielplan auf neue Corona-Auflagen oder Lockerungen reagieren kann, planen die Staatstheater kurzfristiger. Deshalb hat sich die Vorverkaufsfrist geändert. Karten gehen nun am 15. des jeweiligen Monats für den ganzen Folgemonat in den Verkauf. Derzeit kann man also Tickets bis zum 31. Oktober erwerben, allerdings waren jetzt schon am zweiten Tag des Vorverkaufs, am Donnerstag, bis auf wenige Restkarten alle Vorstellungen ausverkauft. „Es gibt ein großes Bedürfnis nach Live-Events, und wir machen so viel Kunst, wie geht“, so Dehli.
Kurzarbeit und Tanz – wie geht das zusammen?
Mit hundert Prozent Kurzarbeit ist das Stuttgarter Ballett zu Beginn dieser Woche in die neue Saison gestartet. Doch ein Tänzer muss seinen Körper trainieren – besonders nach der langen Sommerpause. „Wir haben deshalb in dieser Woche ein freiwilliges Training auf der Probebühne der neuen Cranko-Schule angeboten; das haben auch viele genutzt“, sagt die Pressesprecherin Vivien Arnold. Bis zu 20 Tänzer konnten dort in zwei Zeitfenstern trainieren. In den nächsten zwei Woche reduziert sich die Kurzarbeit auf 25 Prozent, dann wird auch im Opernhaus trainiert. Vom 5. Oktober an wird die Kompanie wieder voll arbeiten, schließlich steht am 17. Oktober die erste Premiere an.
Wie laufen die Proben?
„Die Gruppen, die in den einzelnen Stücken der Ballettabende gemeinsam auftreten, proben auch zusammen“, sagt Vivien Arnold. Weil die Kompanie nach der Urlaubszeit kein Risiko eingehen will, wird weiter streng Abstand gehalten. Pas de deux, eigentlich seit Juli wieder erlaubt, bleiben deshalb Tänzern aus einem Haushalt und wenigen anderen Paaren vorbehalten. „Wir sind in der ersten Zeit super vorsichtig, denken aber über feste Partnerteams nach.“ Die Staatsoper hat sämtliche Projekte bis zum Jahresende so geplant, dass der Abstand zwischen den Sängern und Musikern eingehalten werden kann – das gilt für die Aufführungen ebenso wie für die Proben. „Wir haben“, so der Opernintendant Viktor Schoner, „zum Glück große Probesäle, die das ermöglichen.“ Nur für den gesamten Chor reichen sie nicht aus, deshalb probt dieser zurzeit in Gruppen – und der Spielplan ist so konzipiert, dass nirgends ein 70-Sänger-Kollektiv erforderlich ist. „Bis Ende Dezember“, so Schoner, „sind wir total coronatauglich, und es ist unser Ziel, im Dezember Planungssicherheit auch für das erste Quartal 2021 zu haben.“
Haben es Schauspieler leichter?
Auch im Schauspiel läuft es mit Abstand am besten. Die einzuhaltenden Distanzen zwischen den Spielern sind penibel festgelegt, nicht nur bei Proben, sondern auch in fertigen Inszenierungen. Beim exzessiven Sprechen, vulgo Brüllen mit viel Lautstärke und Aerosol-Ausstoß, liegt der Abstand bei sechs Metern, beim Sprechen mit Plexiglas, das nicht in die Richtung des Gegenübers zielt, bei 1,5 Metern. Stumme Interaktionen lassen etwas mehr Nähe zu, aber näher als einen Meter darf man sich auch da nicht kommen.
Welche Folgen hat die Kurzarbeit?
Die Kurzarbeit ist je nach dem Bedarf der Sparten unterschiedlich geregelt, der Vorstellungsbetrieb muss auf alle Fälle gewährleistet sein. Die einzelnen Stücke werden möglichst en suite gespielt, so reduzieren sich die Umbauzeiten auf den einzelnen Bühnen drastisch. Das Stuttgarter Ballett wird zum Beispiel im Januar das Opernhaus allein bespielen und dort zwölf Vorstellungen von „Kameliendame“ in Folge tanzen. In der Oper wird es weniger Vorstellungen geben, weil die Anzahl der Proben nicht reduziert werden soll. „Unsere Philosophie ist: Die Qualität soll nicht angetastet werden“, sagt Viktor Schoner. „Und unser Programm ist kein Notprogramm.“