Großer Theaterspaß: „Das Portal“ im Schauspielhaus Stuttgart. Szene mit Sebastian Röhrle (li.) und Sebastian Blomberg, liegend Marco Massafra. Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Tops und Flops – ein Rückblick auf die Saison in dem von Burkhard C. Kosminski geführten Stuttgarter Schauspielhaus.

Das Beste kommt zum Schluss, so lautet ein Sprichwort. Es trifft nicht zu auf die soeben beendete Saison im Staatsschauspiel Stuttgart. Die endete zwar musikalisch hervorragend mit der Musicbanda Franui und Sängerinnen und Sängern des benachbarten Opernhauses. Doch das Zusammenspannen des so melancholischen wie poetischen „Hotel Savoy“-Romans von Joseph Roth, den wiewohl zeitgemäß von Franui interpretierten Operettenliedern und den gewollt überzeichneten Spielszenen funktionierte nur bedingt.

 

Auch zwei andere Adaptionen von Romanklassikern im Schauspielhaus – Kafkas „Amerika“ in der Regie von Viktor Bodó und Orwells „Farm der Tiere“, inszeniert von Oliver Frljic – hatten nicht unbedingt dazu animiert, die Vorstellung ein zweites Mal zu besuchen. Mit Theatertexten hingegen, ob über vierhundert Jahre alt oder jüngst als Auftrag fürs Stuttgarter Staatsschauspiel erdacht, hat das Haus künstlerisch überzeugt.

Gelungener Auftakt

Wie brillant die Saison schon begann! Der Hausherr Burkhard C. Kosminski setzte zum Auftakt auf William Shakespeare: „Was ihr wollt“, eine Verwechslungskomödie, mit der sich auch die Diskussion um fließende Geschlechtsidentitäten thematisieren ließ. Der Regisseur ließ sein Ensemble ebenfalls vieles tun, was es wollte. Wie vorwitzig etwa Felix Strobel als bayerisch parlierender Narr auftrat und nicht nur die Mitspieler, sondern auch das Publikum foppte: Das war großer Theaterspaß.

Dunkle Momente wurden dabei nicht weggealbert. Der eitle Diener Malvolio, gespielt von Matthias Leja, wird von Kollegen so fies gedemütigt, dass nur ein Mensch mit einem steinernen Herzen nicht mit dem dummen Kerl in den gelben Strumpfbändern mitleiden würde.

Überhaupt zeigte das Ensemble sein komödiantisches Talent – vielleicht, gerade weil die Zeiten so düster sind. Die mutmaßlich lustigsten Momente der Saison gehörten Boris Burgstaller und Gábor Biedermann in Simon Stephens Auftragsstück für Stuttgart, „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“, das eigentlich vom Tod eines jungen Mannes handelt. Es kommt in dem Drama auch ein Polizist Lukas (Gábor Biedermann) vor, der von seinem äußerst neugierigen Nachbarn Karl (Boris Burgstaller) im Hausflur aufgehalten und genervt wird.

Komödienspaß und dramatische Tränen

Biedermanns indignierte Miene, wenn der ganz in Rosa gewandete und mit Sauerkrautdauerwellen-Perücke verkleidete Burgstaller immer näher an den Nachbarn rückt und vor lauter Aufregung gedankenverloren einen Teebeutel ausdrückt und wieder in Biedermanns Tasse fallen lässt, das ist schon sehr gelungener Slapstick.

Camille Dombrowsky und Felix Jordan in „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“ Foto: Katrin Ribbe/Björn Klein

Doch an diesem Abend im Kammertheater hatten man auch mit Tränen zu kämpfen. Es war schon herzzerreißend, Camille Dombrowsky zu sehen, wie sie tapfer versucht, nach dem Tod eines jungen Mannes (Felix Jordan), ihres Freundes und Lebensmenschen, nicht zu verzweifeln.

Ein gewagtes Unterfangen war es, einen ironiebegabten Autor auf einen ebenso ironiebegabten Regisseur treffen zu lassen, zumal, wenn es sich auch noch um ein Stück über das Theater selbst handelt. Die Rede ist von Nis Momme Stockmann, dessen Stück „Das Portal“ von Herbert Fritsch uraufgeführt wurde.

Das hochtourige überkandidelte Spiel, für das der Regisseur bekannt ist, konnten zwar nicht alle im Ensemble durchgängig auch noch mit interessanten Figureninterpretationen kombinieren. Doch der Abend war ein Spaß für alle, die auch Vergnügen daran haben, von Eitelkeiten und (in dem Fall vergleichsweise harmlosen) Machtspielchen im Kunstbetrieb zu erfahren.

Dass der Abend überhaupt stattfinden konnte, lag auch an Sebastian Röhrle, der kurzfristig einsprang, nachdem ein Ensemblemitglied krank geworden war. Er lieferte sich als intriganter Chefdramaturg Ivan Eisenstern hoch komische Szenen mit dem von Sebastian Blomberg (ein Gast, den man gern häufiger in Stuttgart auf der Bühne sehen würde!) als Theaterdirektor Elias Geldoff.

Ihre Streitereien gipfeln allesamt in einer Keilerei. Auch Marco Massafras Theaterautor Ricardo Cornwald, dessen stets panischer Blick amüsiert, kommt dabei zu Schaden. Stockmann lässt seinen Intendanten sagen: „Die Theaterreferenzen sind raus. Niemand interessiert ein Theaterstück über das Theater! Das könnte in der Summe doch schnell eitel wirken.“ Fritsch und das Ensemble zeigten allerdings, dass solche Eitelkeit maximale Unterhaltsamkeit entfachen kann.

Womöglich von derlei geglückten Produktionen inspiriert, wird es auch in der kommenden Spielzeit ein Stück übers Theater geben. Shakespeares „Lear“. Die Kenner wissen, dass da ein König, aber kein Künstler vorkommt, doch Falk Richter schreibt das Drama um und inszeniert es auch. Er macht aus dem alten Lear einen alten Regisseur, der mit der nachfolgenden Generation im Clinch liegt.

André Jung, der schon vor Jahren in Johan Simons Inszenierung den Lear (damals strandete der von seinen Töchtern verstoßene King in einem Stall mit echten Schweinen) gespielt hatte, übernimmt die Titelrolle. Es wird sich zeigen, wie dies „in der Summe“ wirken wird. Es bleibt jedenfalls spannend.

Saisonbilanz Staatstheater Die Bilanz des Stuttgarter Balletts ist in der Ausgabe am 3. August erschienen; es folgt noch eine Bilanz der Staatsoper.

Info

Entdeckung
Gabor Biedermanns komödiantisches Talent konnte diese Saison ausgiebig bewundert werden, besonders in Simon Stephens „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“, in Dario Fos „Offene Zweierbeziehung“ und in Joseph Roths „Hotel Savoy“. Auch Marco Massafra hatte etwa in Nis Momme Stockmanns „Das Portal“ mit Sinn für lustig hysterische Auftritte begeistert.

Nebenspielplatz
Die Lust an der kleinen Form: Abseits der drei Bühnen sind etwa im Foyer des Kammertheaters Produktionen des Regie-Nachwuchses (darunter Nora Abdel-Maksouds „Jeeps“ in der Regie von Sebastian Kießer) zu entdecken. Auch mit Gesprächsreihen und Lesungen bleibt das Schauspiel relevant auch für Menschen, die keine Dauergäste im Schauspiel sind.

Israel
Das Engagement des Theaters zeigt sich darin, neben lang geplanten Werken wie Joshua Sobols Stück „Der große Wind der Zeit“ auch kurzfristig Produktionen mit Bezug zu Israel und zum Attentat der Terrororganisation Hamas ins Programm aufzunehmen.

Ärgernis
Nicht die Schuld des Theaters, doch dass die herausragenden Schauspielerinnen Evgenia Dodina und Camille Dombrowsky das Ensemble verlassen, schmerzt schon sehr.