Neu im Repertoire des Stuttgarter Balletts: Marco Goeckes „Le spectre de la rose“ (mit Agnes Su und Adam Russell-Jones) Foto: Stuttgarter Ballett

Abschied? Etwas unfreiwillig rückte das Thema bereits in dieser Spielzeit in den Vordergrund. Dabei steht die letzte Saison seines Intendanten Reid Anderson dem Stuttgarter Ballett erst noch bevor.

Stuttgart - Diese Spielzeit wird sich denjenigen, die das Stuttgarter Ballett vor allem für seine Neuschöpfungen schätzen, als schmerzvoll einprägen. In ihrem Verlauf kamen der Kompanie gleich beide Hauschoreografen abhanden. Von Demis Volpi hat sich der Noch-Intendant Reid Anderson zum Ende der Saison getrennt; ausschlaggebend war mit einer nicht unbedingt tanzfreudigen Umsetzung des „Salome“-Stoffs ein Ereignis, das bereits in der Saison davor lag. Marco Goecke bleibt dem Stuttgarter Ballett zwar noch bis Sommer 2018 erhalten. Doch dann muss auch der international gefragte Choreograf weichen – auf Wunsch des designierten Intendanten Tamas Detrich, dem der enorme Rückhalt Goeckes bei den Tänzern möglicherweise suspekt war. Das hat in einer Spielzeitbilanz nichts zu suchen? Doch, denn dem als sensiblen Künstler bekannten Choreografen ging diese Nachricht körperlich näher, als sich ihr Überbringer ausmalen konnte. Krankheitsbedingt musste deshalb die wichtigste Premiere der Saison abgesagt werden: Marco Goeckes „Kafka“ wird vorerst nicht in Stuttgart tanzen.

Und so rückt die Koproduktion mit der Oper, für die Demis Volpi als Regisseur verantwortlich zeichnete, verstärkt in den Fokus; „Der Tod in Venedig“, Benjamin Brittens letztes Musiktheaterwerk, wird auch in der nächsten Spielzeit für ein volles Haus sorgen. Denn gelungen ist Volpi im Dialog mit seiner Bühnenbildnerin Katharina Schlipf ein beeindruckender, vielseitig bespielbarer Raum, der mal verheißungsvoll glitzert, mal die kreative Blockade seines Helden in nüchterne Leere übersetzt. Durch ihn führt der Choreograf sein Personal höchst lebhaft, als wären der Schriftsteller Aschenbach, der schöne Knabe Tadzio und ihre Begleiter tatsächlich in verwinkelten Gassen unterwegs. Nur der Tanz kommt etwas kurz, vor allem, wenn man die letzte Koproduktion mit der Oper, Christian Spucks Inszenierung von „Orphée et Euridice“, vor Augen hat. Eine Handvoll Cranko-Schüler und zwei Solisten reichen Volpi, über Ballettsaaletüden für Tadzio und seine Freunde sowie über etwas kantige, dafür vergoldete Götterposen kommt der Abend tänzerisch nicht hinaus.

„Verführung!“ mit viel tänzerischem Talent

Getanzt wurde in dieser Saison dennoch reichlich, auch wenn sie an Neuem arm war. Katarzyna Kozielska verstärkte den sehenswerten Abend „Verführung!“ mit der Uraufführung „Dark Glow“. Was macht Menschen so empfänglich für Extremismen, aber auch für die leuchtenden Displays der digitalen Medien, fragt Kozielska und inszeniert eine groß besetzte, schwarze Gruppe unter tief hängenden Scheinwerfern. Daneben bringt sie Elisa Badenes als hellwaches, nervös auf Spitze tanzendes Individuum in innere Konflikte. Weil „Dark Glow“ sich erst von seinem Ende her erschließt, bleibt der Anfang diffus; dafür sind Kozielskas klassisch fundierten Bewegungen elegant und scharfkantig, erkunden mit herausfordernden Balancen ein fragiles Gleichgewicht. Getanzt wird zu einer Auftragskomposition von Gabriel Prokofiev. Mit Sidi Larbi Cherkaouis „Faun“, Marco Goeckes „Le spectre de la rose“ und Maurice Béjarts ­„Bolero“ standen weitere große Namen auf dem „Verführung!“-Programm, das viel tänzerisches Talent entdecken ließ: Pablo von Sternenfels als animalischer Lover sowie Agnes Su und Adam Russell-Jones als sehr gegenwärtige Rosengeister haben sich eingeprägt.

Ähnlich beeindruckten auch die acht Damen, die sich im März auf der Bühne im Schauspielhaus für Jirí Kyliáns „Falling Angels“ einfanden: durch die tänzerische Perfektion, die Steve Reichs „Drumming“ einfordert, aber auch durch die kleinen Tricks, durch die sie sich klug entziehen. „Nachtstücke“ hieß dieser Abend, der Edward Clugs „Ssss . . . “ zurückbrachte und mit „Qi“ eine Uraufführung von Louis Stiens daneben setzte, die nach der Energie fragt, die Tänzer antreibt – ob auf dem Dancefloor oder im Ballettsaal. Stiens gelingt eine überzeugende Konzentration auf die pure Kraft des Tanzes, der in „Qi“ in Person des Energiebündels Hyo-Jung Kang die lockere Abfolge von Soli, Duetten und Gruppenszenen eröffnet. Fast zu flott wechseln sich die Bilder ab; und auch viele Bewegungsmotive nehmen die Schnörkel der barocken Musik stellenweise zu ernst.

Das Gedächtnis der Kompanie geht in den Ruhestand

Mit „Don Quijote“, „Krabat“, „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Romeo und Julia“ kamen die Freunde des Handlungsballetts in dieser Saison auf ihre Kosten. Umso trauriger, dass sich die Riege starker Helden an ihrem Ende ausgedünnt präsentiert: Constantine Allen, Pablo von Sternenfels, Robert Robinson und Adam Russell-Jones verlassen die Kompanie ebenso wie Myriam Simon und Magdalena Dziegielewska. Mit Georgette Tsinguirides, einst Crankos Assistentin, geht das Gedächtnis der Kompanie in den Ruhestand. Nach mehr als siebzig Jahren Dienst am Ballett ist das mehr als verdient – und steht doch für den Umbruch, der dem Stuttgarter Ballett bald bevorsteht.

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