Saisonauftakt Bachakademie „Wenn Luthers Lehre nur ausgerottet wäre!“

Von Markus Dippold 

Hans-Christoph Rademann dirigiert Foto: Holger Schneider
Hans-Christoph Rademann dirigiert Foto: Holger Schneider

Reformatorischer Eifer: Mit Kantaten von Bach und Telemann hat die Bachakademie in Stuttgart die Saison eröffnet.

Stuttgart - Wenn Luthers Lehre nur ausgerottet wäre! Dies, dies ist fort für fort der Babylon’schen Hure Wunsch und Wort.“ Man zuckt heutzutage gewaltig zusammen, wenn man diese Stelle aus Georg Philipp Telemanns Kantate „Wertes Zion sei getrost“ hört, schlägt sie doch alle Ökumene-Türen mit einem Knall zu. Der Tenor Sebastian Kohlhepp, die Gaechinger Cantorey und Hans-Christoph Rademann am Dirigentenpult kosten den Moment aus, setzen ihn in der Lautstärke ab, heben ihn mittels der Artikulation hervor.

Luthers Choral „Ein feste Burg“ als Roter Faden

Es ist einer von vielen nachdrücklichen Augenblicken am Samstag im Beethovensaal. Rademann eröffnet die Saison seiner Bachakademie mit Kantaten Telemanns und Bachs und huldigt damit dem Reformationsgedanken, der in Gestalt von Martin Luthers Choral „Ein feste Burg“ den gedanklichen Roten Faden des Programms bildet. In Telemanns Kantate wirkt dieser schlichte Satz jedoch wie ein Solitär. Das eröffnende Duett „Wertes Zion, sei getrost“ changiert zwischen jubilierenden Koloraturen und fast schon hektischen Wortkaskaden. Auch in den Chorsätzen „Seid böse, ihr Völker“ und „Halleluja!“ finden sich ausdrucksstarke Wort-Ton-Bilder. Die Gaechinger Cantorey mit ihrem transparenten Klangbild ist dafür ein idealer Interpret. Und die farbreiche besetzte Continuo-Gruppe rückt mit ihren rumpelnden Figurationen, dem wuchtigen Gestus immer wieder in den Vordergrund, bildet ein starkes Gegengewicht zu den virtuosen Streichern und dem höhenlastigen Chor.

Rademann und sein Ensemble zeigen sich in diesen Momenten, aber auch über weite Strecken in Johann Sebastian Bachs Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ BWV 76 als nahezu perfekte Interpreten: den Text ausdeutend, die musikalische Rhetorik plastisch nachzeichnend, affektstark und vielfältig im Klang.

Licht und Schatten bei den Vokalsolisten

Es dauert aber einige Zeit, bis diese künstlerischer Höhe erreicht wird, denn die Kombination aus kleiner Sängerschar und akustisch großem Raum ist in Bachs „Ein feste Burg“ BWV 80 ein Problem. Im offenen, polyfon strukturierten Eingangschor verlieren sich die Chorstimmen, erzeugen einen dünnen Klang. Licht und Schatten zeigen sich auch bei den Vokalsolisten. Gerlinde Sämann (Sopran) ziseliert feinste Klangfärbungen und brillante Koloraturen, wirkt aber phasenweise allzu gedämpft, während der Bassist Krešimir Stražanac überwiegend grobkönig zur Sache geht, in den textlastigen Rezitativen auch mal eigenwillig phrasiert. Den stärksten Eindruck hinterlässt Sebastian Kohlhepp mit gestochen scharfen Koloraturen, ebenmäßig durchgeformter Stimme und herausragender Textverständlichkeit.

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