Pelzmichl heißt die bärtige Figur, die Billy Tröge mit der Kettensäge erschaffen hat Foto: KontrastPlus/Pfullingen

Mitten im Wald räkelt sich eine hübsche Frau und wartet auf Erlösung. Es ist die Urschel, Pfullingens bekannteste Sagengestalt. Sie und viele andere Figuren finden sich auf dem neuen Sagenweg der Stadt.

Pfullingen - Wer Urschel erlösen will, muss drei Mutproben überstehen. Vielleicht findet sich ja ein solch mutiger Bursche unter den Wanderern, die auf dem im letzten Sommer eröffneten Sagenweg unterwegs sind, dessen überlebensgroße Holzfiguren von Billy Tröge stammen.

Eigentlich ist Pfullingen auf der Schwäbischen Alb mit seinen knapp 19 000 Einwohnern eine normale, bodenständige Stadt. Doch der Schein trügt. Das zeigt der Marktbrunnen neben dem Rathaus, auf dessen Sockel die bekanntesten Pfullinger Sagengestalten abgebildet sind. Das sind eine ganze Menge. Seit vielen Generationen werden in Pfullingen geheimnisvolle Geschichten und Sagen überliefert. Sie erzählen zum Beispiel das Schicksal der Urschel und das des schlafenden Zaren. Sie erklären, was es mit dem fünflöchrigen Hosenknopf „Remmsele“ auf sich hat, wo der Pelzmichel haust und was das Waldmännle Gutes getan hat.

Billy Tröge hat mit seiner Kettensäge diesen Gestalten jetzt eine Form gegeben und sie am Pfullinger Urschelberg aus Eichen- und Buchenstämmen „geschnitzt“. Tröges Holzskulpturen sind wirklich ein „sagenhafter“ Anblick, eingebettet in eine wunderbare Wanderung inmitten der Natur.

Wer alle elf Stationen des Sagenwegs aufsuchen will, sollte mindestens drei Stunden Zeit einplanen und sich mit gutem Schuhwerk auf den Weg machen. Walking-Stöcke können an steileren Wegabschnitten, die gerade in der kalten Jahreszeit durch altes, feuchtes Laub schmierig und rutschig sein können, gut gebraucht werden. Der Weg ist so angelegt, dass problemlos nur die Etappen gegangen werden können, die geschottert und eben sind, ohne dass der Themenweg deshalb seinen Reiz verlöre.

Es ist einer dieser für die Schwäbische Alb typischen Wintertage – die Sonne schafft es mit ihrem Licht nicht durch den Hochnebel. Der Blick vom Urschelberg hinunter auf Pfullingen ist verschleiert, die warme Allwetterjacke, Mütze und Handschuhe tun gute Dienste. Nur ein paar Unentwegte sind mit ihren Hunden am Friedhof vorbei hinauf zum Markstein an der Schillerlinde unterwegs, ein Ehepaar hat mit seinem Auto direkt den Wanderparkplatz Hämmerle unterhalb des Waldcafés angesteuert und sich die rund 1,5 Kilometer hinauf zum „Gesicht der Urschel“ gespart.

Der Sagenweg hat zwar elf Stationen, mit dem Marktbrunnen in der Innenstadt sogar zwölf, aber er verlangt weder eine Reihenfolge, in der diese aufgesucht werden, noch eine Vollständigkeit. Schon zwei oder drei Stationen genügen, um sich in die Welt der Feen und Waldgeister hineinzuversetzen.

Martin Fink hat sich vor ein paar Jahren hingesetzt und einige der bedeutendsten Sagen aus Pfullingen in einem Büchlein zusammengefasst. Als Stadtrat befürwortete er den Beschluss, einen Sagenweg anzulegen. Wie es dazu kam? Es klingt fast wie ein Märchen. Vor etwa drei Jahren sah der damals 22 Jahre alte Billy Tröge einen alten Baumstumpf im Pfullinger Wald. „Daraus muss ich etwas machen“, war sein spontaner Gedanke. Tröge ist mit den sagenhaften Geschichten seiner Heimatstadt aufgewachsen und mit ihnen vertraut. Er weiß, wo die Feen und Geister anscheinend hausen sollen, er kennt ihre Lieblingsplätze. Und genau dort hat er jetzt, nachdem der Gemeinderat auf das Talent des Autodidakten aufmerksam geworden war und ihn mit der Ausgestaltung des Sagenwegs betraut hat, direkt vor Ort gesägt. Zum Beispiel das „Gesicht der Urschel“.

Oder den Pelzmichel. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, grimmig dreinschauend, steht die Skulptur ein bisschen abseits im Wald. Er ist sozusagen das Pfullinger Pendant zum Knecht Ruprecht, soll das ganze Jahr über in der „Schetterhöhle“ wohnen und um den Nikolaustag herum in die Stadt hinunter gehen und Kinder mit Äpfeln und Nüssen beschenken. Trotzdem, so erzählt Martin Fink, sei der Pelzmichel nicht die Figur, die bei kleinen Kindern auf dem Sagenweg am besten ankomme. Ihre Lieblingsfigur sei das Waldmännle, „weil sie in den Hohlraum an seiner Seite so gut hineinschlüpfen können“, vermutet Fink, der beobachtet, dass Mädchen und Buben, sobald sie etwas größer sind, unterschiedliche Favoriten haben. „Mädchen stehen auf die Urschel, die auf der Lichtung am Ursulaberg liegt. Wahrscheinlich wegen ihrer langen Haare“, mutmaßt er. „Buben bevorzugen den Haule.“ Das ist ein Knecht, der mit seinem Schimmel durch die Pfullinger Wälder reitet und den Kopf unter dem Arm trägt. „Das imponiert.“

Unumstrittene Lieblinge sind die drei Nachtfräulein. Sie stehen auf einer Wiese, genießen an schönen Tagen die Sonne und sollen – so will es die Sage – unter dem Schutz der Urschel stehen und mit ihr gemeinsam im Berg wohnen. Sie sind fleißig und haben oft abends vom Hörnle herunter den Weg in den Ort gesucht, um den armen Webern beim Spinnen zu helfen, heißt es. Wer im März an ihrem Standort vorbeigeht und sich dann nach rechts orientiert – den Sagenweg verlassend – kommt auf eine sonnenverwöhnte Wiese, die dann von blühenden Küchenschellen übersät ist. „Das“, versichert Cornelia Gekeler vom Pfullinger Tourismusbüro, „ist keine Sage.“ Genauso wenig wie die vielen blühenden Orchideen im Juni und Juli auf dem sogenannten Skihang der Pfullinger, auf dessen „Startrampe“ sich die Urschel räkelt.

Wer sich auf die Spuren der Pfullinger Sagen macht, sollte zuvor zu Hause noch in der Knopf-Kiste kruschteln und schauen, ob sich dort ein fünflöchriger Hosenknopf findet. Der sollte dann auf jeden Fall eingesteckt und am sogenannten Remmselesstein in die weit geöffnete, riesengroße hölzerne Hand gelegt werden. Das bringe Glück, heißt es in der Sage.

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