Steht der Bahnhofsturm auf Eichen- oder Eisenbetonpfählen? Foto: PPFotodesign.com

Steht der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf Eichen- oder auf Eisenbetonpfählen? Die Bahn pocht auf Eisen. Doch die Gegner des Tiefbahnhof-Projekts legten am Donnerstag bei der Erörterung zum erweiterten Grundwassermanagement in Sachen Eiche nach.

Stuttgart - Steht der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs, wie von der Bahn selbst bis 2009 behauptet, auf Eichen- oder auf Eisenbetonpfählen? Die Bahn pocht auf Eisen. Doch die Gegner des Tiefbahnhof-Projekts legten am Donnerstag bei der Erörterung zum erweiterten Grundwassermanagement in Sachen Eiche nach.

Die Frage, auf welches Material sich der Turm stützt, ist wichtig. Die Bahn will im Abstand von zehn Metern zum Wahrzeichen das Grundwasser im Schlossgarten für eine trockene Baugrube um bis zu zwölf Meter absenken. 289 Eichenpfähle könnten aber bei jahrelangem Wasserentzug faulen.

Ein eindeutiger Beleg für Eiche unterm Turm?

Der pensionierte Ingenieur Hans Heydemann präsentierte im Kongresszentrum der Messe am Donnerstag Bilder aus dem Hessischen Wirtschaftsarchiv. Er hatte sie von der damals am Bahnhofsturm tätigen Baufirma Wayss & Freytag erhalten. Sie zeigen ein fertig gestelltes Turmfundament und Arbeiter, die für die Bahnhofshalle Eichenpfähle rammen. Ein eindeutiger Beleg für Eiche unterm Turm? Nein. Auch die fehlende Listung des Turms in einer Firmenpublikation, mit der unter Nennung vieler Gebäude für den neuen Eisenbeton geworben wird, bringt keine endgültige Klärung. Ein Statikblatt aus 1914 und der Auszug aus einem Handbuch für Eisenbetonbau aus 1922, auf die die Bahn setzen, brächten diese auch nicht, sagte Heydemann. Klar sei aber die Wirkung des Wasserentzugs auf Holz. Die S-21-Gegner sagen, dass das Fundament die Turmlast dann womöglich nicht mehr tragen könne und fordern eine klärende Bohrung. Die Bahn schließt eine Gefährdung aus. Bei Eisenbeton würde sich der Turm nur um einen Zentimeter senken.

Dem Landesamt für Geologie in Freiburg wäre eine Klärung lieber. Professor Ralph Watzel: „Wenn es kein Eisenbeton ist, muss man sich der Frage stellen, ob es weitere technische Sicherungs- und Umschließungsmöglichkeiten des Areals gibt.“ Der Turm zeigt auf der Südseite einen laut Gegnern sich seit April deutlich verlängernden senkrechten Riss.

Vorgehen „absolut unmöglich“ und unwissenschaftlich

Forderungen erhoben am Donnerstag auch Bürger, deren Grundstücke die Bahn mit Tunneln unterqueren will. Professor Uwe Dreiss verlangte als Vertreter des Netzwerks Kernerviertel von der Bahn eine Umkehr der Beweislast. Die Bahn müsse nachweisen, dass, wenn Schäden aufträten, diese nicht durch ihre Bauarbeiten ausgelöst worden seien. Dreiss begründete seien Forderung: „Sonst müssen Geschädigte sämtliche Baudaten aus der Bahn herausprozessieren.“ An den Hängen, unter denen die Tunnel geplant seien, stünden „nicht nur Villen“, sagte Dreiss. Viele Menschen hätten zur Alterssicherung Wohnungen gekauft. Dreiss forderte außerdem, die Entschädigung für den beim Tunnelbau nötigen Grundbucheintrag zu erhöhen.

Auch die Qualität der beiden Modelle, mit denen Bahn und Land die Wirkung der geplanten Grundwasserabsenkung vorausberechnen, spielte bei der Erörterung erneut eine Rolle. Josef Lueger, Gutachter für den Bund für Umwelt und Naturschutz, sieht die Modelle als fehlerhaft und insgesamt untauglich an. Tatsächliche Absenkwerte eines Pumpversuchs aus 2010 seien zur nachträglichen Verbesserung des Behördenmodells genutzt worden. Ulrich Lang vom Landesgutachter, dem Büro Kobus und Partner, räumte ein, dass aus dem Pumpversuch noch Daten in die Kalibrierung des Modells „zur Nachjustierung“ Eingang gefunden hätten. Lueger nannte diese Vorgehen „absolut unmöglich“ und unwissenschaftlich.

Die Bahn will von den Fachbehörden inzwischen bei den kurzfristigen Abpumpraten freie Hand. Bisherige Grenzwerte sollen bei hohem Wasserandrang keine Rolle mehr spielen. Das sei für die Behörden „ein ganz neuer Gedanke“, räumt der Konzern ein .

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: