Der Standort funktioniert nicht mehr, glaubt die bisherige Mieterin. Foto: Kathrin Wesely

Wieder hat ein Traditionsgeschäft dicht gemacht und eine Nachfolge ist bislang nicht in Aussicht. Seit einiger Zeit schon sind die Fenster der Johannes-Apotheke in der Rotebühlstraße 44 mit Packpapier verhängt. Offenbar blieb zu lang die Kundschaft aus.

S-West - Wieder hat ein Traditionsgeschäft dicht gemacht und eine Nachfolge ist bislang nicht in Aussicht. Seit einiger Zeit schon sind die Fenster der Johannes-Apotheke in der Rotebühlstraße 44 mit Packpapier verhängt. Noch weist ein Zettel die Kundschaft daraufhin , wo sie sich stattdessen hinwenden kann, doch Ende der Woche wird auch dieser verschwinden. Ein neuer Apotheker hat sich nach Auskunft der Landesapothekerkammer bisher nicht gefunden.

1878 beginnt die Otto-Dynastie

Es klingt, als sei dies das Aus für eine Unternehmensgeschichte, die im 19. Jahrhundert begann. Aufgeschrieben und auf der Internetseite johannes-apotheke-stuttgart.de veröffentlicht hat sie der Apotheker Hartmut Meisel. Demnach bestand eine Vorgängerapotheke in der Färberstraße 4, die 1809 eröffnet wurde. Sie wurde 1845 von dem Apotheker Louis Heimsch gekauft, der 1865 in ein neues Ladenlokal in der Rotebühlstraße 42B umzog. Einer seiner Nachfolger benannte die Apotheke Mitte der 1870er Jahre nach der damals neu erbauten Johanneskirche. 1878 trat der Apotheker Hermann Ernst Otto auf den Plan. Die Otto-Dynastie begann. „Ab diesem Jahr blieb die Johannes-Apotheke bis 1978, also 100 Jahre, im Besitz der berühmten Apothekerfamilie Otto“, schreibt Hartmut Meisel. „Sie wurde dabei, erweitert um ein Hinterhaus und das Eckhaus Rotebühlstraße 44, zur größten Apotheke im deutschen Reich. Hier gab es mehrere Laboratorien, eigene Unterrichtsräume für Apothekerpraktikanten, Mikroskopierzimmer, eine homöopathische und eine allopathische Apotheke, eine pharmazeutische Fabrik mit angegliederter Schule für die Mitarbeiterkinder und ein Beratungszimmer für Ärzte“.

Die Ausstattung war so üppig, dass sogar Pharmazeuten der Universität Tübingen anrückten, um in den Laboratorien ihre Studien zu betreiben, so Meisel. Nach der Übernahme durch die Söhne Hans und Hermann Otto wurde die Apotheke zu Beginn des 20. Jahrhunderts ständig erweitert. Die Brüder waren berufspolitisch und wissenschaftlich sehr engagiert. Hans Otto war ab 1930 Vorsitzender des Deutschen Apothekervereins in Württemberg, musste aber unter politischem Druck sein Amt 1933 aufgeben. Sein Bruder starb 1943, und am 25. Juli 1944 zerstörte ein Luftangriff das ganze Anwesen. Hans Otto verlor dabei seine Frau. 1948 fand man am Feuersee eine Interimsbleibe für die Apotheke. 1961 konnte Herwig, ein Sohn von Hermann Otto, in den Hochhausneubau am alten Standort ziehen. Als Herwig Otto 1978 starb, endete nach 100 Jahren eine lange Familientradition.

Die Kundschaft bleibt aus

Hartmut Meisel, Fachapotheker für Offizinpharmazie, übernahm und führte die Apotheke bis zum Sommer 2013 mit seiner Frau Ingrid. Schon einen Monat nach Meisels Ausstieg zog Silvie-Alexandra Eckert ein. Doch nach einem Jahr musste die Apothekerin die Segel streichen, die Kundschaft blieb aus. Der Standort funktioniere nicht: „Es ist nicht der einzige Laden, der dort leer steht.“ Die 44-Jährige versucht nun ihr Glück in einem anderen Stadtteil.

Für die Johannes-Apotheke gibt es bislang keinen Interessenten, sagt Stefan Möbius, Pressesprecher der Landesapothekenkammer. Das sei kein ungewöhnlicher Einzelfall: „Seit Anfang 2008 haben in der Stadt 25 Apotheken geschlossen“, im selben Zeitraum seien nur drei neue eröffnet worden. Es gibt bislang auch noch keinen anderen Nachmieter für das Ladenlokal. Man sei auf der Suche, heißt es bei den Volkswohl-Bund-Versicherungen, denen die Immobilie Rotebühlstraße 44 gehört.

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