Im Sommer 2019 befragten die Theatermacher Foto: Tanja Seid

Die Theaterleute fordern die Menschen in ihrem Stadtteil auf, am neuen Stück mitzuschreiben, und sammeln ihre Träume, Alpträume, ihre wahren Geschichten und historischen Kenntnisse. Im Sommer feiert das Stück seine Uraufführung auf dem Marienplatz.

S-Süd - Wer zum Kuckuck ist das Volk? Und was will es? Das Theater Rampe hat sich auf eine beschwerliche Recherche gemacht, die vor langem begann, noch anhält und am 10. Juni in einer Premiere gipfeln wird. Titel und Thema sind noch offen, nur die Besetzung steht in Teilen. Warum machen es sich diese Theaterleute vom Zahnradbahnhof nur so irre schwer? Weil sie relevantes und bewegendes Theater machen wollen, erklärt die Dramaturgin Paula Kohlmann. Die Rampler wollen nicht bloß diejenigen erreichen, die es eh schon wissen – die Arrivierten, die Kulturbeflissenen, die selbst einen öde-hermetischen Theaterabend ungerührt absitzen, einen grandiosen Abend aber mit flamboyantem Sprachschatz überschütten und sowieso schon beim Pausensekt ihr beflissenes Urteil parat haben.

Verständlich & draußen

Was für ein Theater all die gerne hätten, die nicht kommen, haben die Rampe-Leute vorigen Sommer auf dem Marienplatz erfragt. Ein Bauwagen mit Stühlen davor diente als mobiles Büro, das die Neugier der Passanten weckte. „Theater soll so selbstverständlich sein, wie das allmorgendliche Zähneputzen“, forderte eine Dame. Ein Herr wünschte ein „für mehr Menschen zugängliches Theater“. Ein junger Mann befand, dass Theater lehrreiche Beispiele für ein emotional und spirituell austariertes Leben geben solle. Eine Passantin wollte mehr Mundart, eine andere mehr Politik. Ein Herr wünschte mehr Spaß statt Ernst und ein weiterer, Theater solle „schnucklig und klein“ sein. Das Meinungsbild, resümiert Paula Kohlmann, sei so vielfältig gewesen wie die Stadtgesellschaft selbst. Und doch hätten sich ein paar kleinste gemeinsame Nenner herausdestillieren lassen: „Viele wünschten sich, dass Theater im öffentlichen Raum stattfindet.“ Oben auf der Wunschliste hätten aktuelle, lokale und politische Themen gestanden, die man sich allerdings witzig, unterhaltsam und vor allem verständlich verpackt wünsche. All dies kommt den ursprünglichen Formen des Volkstheaters recht nahe.

Volkstheater-Ensemble entsteht

Die Theaterleute hatten nun also eine grobe Vorgabe, wohin die Reise gehen könnte. Und bald gesellte sich auch Personal dazu: Das Volkstheater-Ensemble formierte sich, das nicht bloß aus Schauspielern besteht. Ihm gehören auch Zahnmediziner an, Pädagogen, Ingenieure, Fotografen, Altenpfleger und allerlei andere Leuten, die bei diesem Projekt mitwirken wollen. Ensemble, Regie (Nina Gühls­torff) und Dramaturgie (Paula Kohlmann) sind da. Fehlt nur noch der Stoff.

Und hier ist abermals die Mitarbeit der Stadtteilbewohner gefragt. Gesucht werden Geschichten aus und über den Stuttgarter Süden: „Historisches, Aktuelles, Wirkliches, Ausgedachtes, Gutes und Schlechtes, Utopien und Wünsche“, wie es auf dem Flugblatt heißt, das die Theaterleute dieser Tage verteilen. Alle, die mitwirken wollen, treffen sich immer freitags von 16 bis 18 Uhr im Foyer des Theaters Rampe. Die gesammelten Geschichten sind der Grundstock für das Stück, das entsteht und das am Mittwoch, 10. Juni, auf dem Marienplatz vom Volkstheater-Ensemble uraufgeführt wird.

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