Theresa Szorek und Lars Schwarze improvisieren die Musik zum Film. Foto: /Kathrin Wesely

In der Markuskirche wird Fritz Langs „Metropolis“ von 1927 auf Großleinwand gezeigt. Zwei Musikstudenten begleiten das filmische Monumentalwerk von 145 Minuten Länge live: Theresa Szorek mit Gesang, Lars Schwarze an der Kirchenorgel.

S-Süd - So wuchtig und grandios das Stummfilmepos „Metropolis“ ist, so wuchtig und gnadenlos waren seinerzeit auch die Kritiken: Blödsinnigkeit, Plattitüde, Kitsch diagnostizierten die Rezensenten anno 1927. „Nimm zehn Tonnen Grausen, gieße ein Zehntel Sentimentalität darüber, koche es mit sozialem Empfinden auf und würze es mit Mystik nach Bedarf, verrühre das Ganze mit Mark (sieben Millionen) und du erhältst einen prima Kolossalfilm“, ätzte etwa die Satirezeitschrift Simplicissimus. Auch das Publikum kannte kein Erbarmen mit dem teuersten Film der damaligen Zeit. Er floppte.

Die Orgel ist das Herzstück

Die Markusgemeinde indessen, die Fritz Langs Monumentalwerk am kommenden Sonntag, 26. Januar, zeigt, braucht sich keine Sorgen zu machen, dass ihre Kirchenbänke leer bleiben. Bislang waren die alljährlichen Stummfilmabende Ende Januar brechend voll. Nicht nur, dass Langs „Metropolis“ längst rehabilitiert und zu den wegweisenden Werken der Filmgeschichte addiert wurde. Das Kino-Event in der Markuskirche ist einfach umwerfend mit seinem knatternden 35-Millimeter-Projektor und der Jugendstil-Architektur als Rahmung. Die Organisatorin Jutta Schöllhammer gibt stets eine kompakte, sachkundige Einführung, und in der Pause, wenn die Filmrolle gewechselt wird, stehen in der Sakristei Sekt und selbst gemachte Häppchen parat. Vor allem hält der Abend selbst für jene, die den Film schon zig-mal gesehen haben, immer eine Überraschung parat: die Live-Begleitung auf der Walcker-Orgel.

Am Sonntag wird Lars Schwarze an der 1908 von der Orgelbaufirma E. F. Walcker & Cie. erbauten und mehrfach umgerüsteten Kirchenorgel sitzen und die 145 Minuten lange, restaurierte Fassung von „Metropolis“ live begleiten. Eine Besonderheit dieses Abends ist, dass die Orgelimprovisation gesangliche Akzente erhält. „Die Orgel ist das Herzstück, die Stimme zuständig für die Specialeffects“, erklärt die Sopranistin Theresa Szorek, die auch einige Instrumente beherrscht und punktuell zum Einsatz kommen lässt. Teils illustriere sie das Geschehen auf der Leinwand, teils verstärke sie dadurch die vorherrschende Stimmung einer Szene.

Parallelen zur Gegenwart

Szorek und Schwarze, beide 25 Jahre alt, beide Studierende der hiesigen Hochschule für Musik, bringen bereits Erfahrung mit in der Live-Begleitung von Stummfilmen. Die Originalmusik von Gottfried Huppertz zu „Metropolis“ haben sich die beiden zur Vorbereitung zwar angehört, ebenso eine spätere Vertonung aus den 1950er Jahren. „Das hat uns sicher beeinflusst“, sagt Schwarze, „aber wir machen unsere eigene Musik.“ Die jungen Musiker haben konkrete Vorstellungen und ein Konzept. Die architektonisch klaren Kanten und die schlichte Gliederung von Gut und Böse in der filmischen Erzählung eigneten sich dazu, für die tragende Figuren und wiederkehrende Orte musikalische Leitmotive einzusetzen. Das klinge dann „ein bisschen wie bei Richard Wagner“, erklärt Lars Schwarze schmunzelnd.

Die beiden tüfteln daran, Textfragmente in die Begleitung einzufädeln, die Theresa Szorek singt, spricht oder wispert. Diese Texte dürfe man nicht so verstehen, als seien sie den Filmfiguren in den Mund gelegt, erklären die Musiker. Vielmehr gehe es ihnen um gedankliche Querverbindungen und kulturhistorische Verwandtschaften – beispielsweise zwischen der Maschinen-Maria im Film und der Automaten-Puppe Olimpia in E.T.A. Hoffmanns Märchen vom „Sandmann“.

Langs Film ist ein Science Fiction, der in einer technokratischen Zwei-Klassen-Gesellschaft spielt. Als eine Revolte im Anzug ist, soll eine Maschine die Ordnung wieder herstellen. Doch diese Maschine droht eine zerstörerische Macht über die Menschen zu gewinnen. Jutta Schöllhammer erblickt in der Geschichte eine Reihe Parallelen, die sich zur Gegenwart ziehen lassen: „Der Film erhält wieder Aktualität, wenn man beispielsweise an die Digitalisierung der Arbeit denkt und die Verführungen durch das Internet“.

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