Auch diese Woche war das Lerncafé wieder gut besucht. Foto: Reinhard Otter

Das Lerncafé im Generationenhaus brummt und ist allabendlich voll. Doch die Hausleitung hat andere Pläne mit dem Café. Nach einem Umbau, den der Brandschutz erfordert, soll das Flüchtlingsprojekt zugunsten von Kulturabenden zusammengestutzt werden.

S-Süd - Was für eine Enttäuschung! Seit vier Jahren schreibt das Lerncafé im Generationenhaus Heslach Erfolgsgeschichte. Hierher, ins Café Nachbarschafft im Parterre des Hauses, kommen allabendlich Geflüchtete, denen es zu laut, zu eng, zu voll ist in ihren Unterkünften im Süden, die was lernen und unter hiesige Menschen kommen wollen. Und sie treffen auf Leute aus der Nachbarschaft, die helfen wollen, die etwas geben wollen und können, weil sie wissen, dass das Schicksal sie privilegiert hat. Man kann hier helfen, ohne sich auf zeitintensive Dauerverpflichtungen einzulassen. Das Lerncafé bietet niedrigschwelligen Zugang, und dieses Konzept macht die Menschen glücklich. Das Café wird stets gut besucht – um die fünf Ehrenamtliche unterrichten am Abend 20 bis 30 Geflüchtete. Und jetzt soll Schluss sein?

Über Weihnachten geschlossen

Die Helfer vom Freundeskreis waren wie vom Donner gerührt, als sie nun erfuhren, dass sie nach dem Umbau aus Gründen des Brandschutzes das Lerncafé nicht mehr weiterführen könnten wie bisher. Die unerfreuliche Nachricht der Hausleitung, Angestellte des Sozialamtes, kam per E-Mail: Das Café bleibe in den Weihnachtsferien geschlossen und werde danach nur eingeschränkt öffnen. Man könne nicht versprechen, dass das Lerncafé 2020 fortgeführt werden kann. Man überarbeite das Konzept fürs Café, wolle künftig kulturelle Veranstaltungen am Abend bieten. Ein Lerncafé nur für Geflüchtete jeden Abend unter der Woche passe da nicht hinein. Der Amtschef lässt sich moderater vernehmen: „Aus personellen Gründen muss das Angebot vorübergehend eingeschränkt werden“, so Sozialamtsleiter Stefan Spatz auf Nachfrage.

Das Lerncafé war im Oktober 2015, als viele Flüchtlinge ins Land kamen, auf Anregung des Freundeskreises Süd eingerichtet worden. Es ist eine Kooperation mit dem Generationenhaus der Rudolf Schmid und Hermann Schmid Stiftung und wurde ins Café Nachbarschaff integriert. Man schlug damit mehrere Fliegen mit einer Klappe: Den Neuankömmlingen wurde Deutsch beigebracht, die erfreulich zahlreichen Helfer wurden sinnvoll eingesetzt – unter ihnen Patienten des Pflegeheims im Haus. So wurde auch das Miteinander im Pflegeheim und im Bezirk gestärkt, die Milieus wurden durchmischt. Renate Vischer vom Freundeskreis, die das Lerncafé organisiert, erzählt von einem Obdachlosen, der in einem besseren Leben als Lektor gearbeitet hatte und nun Flüchtlingen Deutschunterricht gab. Oder von einer obdachlosen Frau, die bei Rechenaufgaben half. Denn das Café Nachbarschafft ist und war auch immer ein Treff für arme Leute im Viertel. „Hier kriegt man die Tasse Kaffee für 20 Cent“, sagt Renate Vischer.

Entrüstung im Bezirksbeirat

Im Grunde, sagt sie, finde hier jeder, der sich engagieren wolle, eine geeignete Aufgabe. In ihren Reihen fänden sich berufstätige und pensionierte Lehrer aber auch Laien. „Die Anforderungen sind so unterschiedlich! Wir haben Geflüchtete, die mit Deutsch bei Adam und Eva anfangen, welche, die auf Prüfungen lernen oder Behördenbriefe nicht verstehen.“ Als am Dienstag das die vorübergehende, einstweilige oder doch endgültige Schließung in der Sitzung des Bezirksbeirats Süd bekannt wurde, machte sich Empörung breit im Gremium. Marco-Oliver Luz vom Sozialamt, Abteilung Flüchtlinge, hatte in seinem Bericht zu den Unterkünften im Bezirk gerade noch betont, wie wichtig es sei, die Geflüchteten sozial zu ertüchtigen, hatte über „Selbstorganisation“ und „Empowerment“ referiert. Und dann das: Ein erfolgreich laufendes Projekt, das den Leuten hilft, sich gesellschaftlich einzufädeln, soll eingeschläfert werden.

Stiftungszweck noch erfüllt?

Sollten künftig im Café tatsächlich an den Abenden kulturelle Veranstaltungen Vorfahrt haben, so könnte dies mit dem Zweck der Rudolf Schmid und Hermann Schmid Stiftung kollidieren, mutmaßt Renate Vischer. Denn die Millionen der Brüder Schmid, die heute von der Stadt verwaltet werden, müssen laut Satzung genutzt werden, die Situation der Stuttgarter Mitmenschen zu verbessern. Vermutlich würde es müßig, suchte man zu klären, wie maßgeblich die Kultur Lebenssituationen zu bessern hilft.

Heide Soldner und Renate Vischer haben die Hausleitung aufgefordert, sich eine Ausweichmöglichkeit fürs Lerncafé während der Bauarbeiten zu überlegen. Es habe seinerzeit viel Mühe gekostet, den Ort als Treffpunkt zu etablieren. „Wenn Ehrenamtliche drei Monate nicht mehr die Arbeit machen dürfen, für die sie sich entschieden haben, springen sie ab. Eine Schließung von mehreren Monaten würde das Begegnungs- und Lerncafé auf Dauer zerstören“, warnen die beiden Frauen vom Freundeskreis. Bislang hat sich die Leitung des Hauses nicht geäußert.

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