S-Süd Dialogtheater „Flüchten & Ankommen“ Premiere mit echten Geschichten

Von Petra Mostbacher-Dix 

Viele Passagen des Stücks  gingen den Zuschauern unter die Haut. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Viele Passagen des Stücks gingen den Zuschauern unter die Haut. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Das Dialogtheater hat mit Geflüchteten das Theaterstück „Flüchten & Ankommen“ erarbeitet. Nun feierte es im Generationenhaus Heslach Premiere.

S-Süd - Seine Augen füllen sich mit Tränen. Einen Moment lang muss sich der Musicaldarsteller Enrique Victor Bisa fangen, bevor er stimmgewaltig anfängt zu singen „Ich weiß, die Nacht wird vergehen und die Wolken fliehen ...“. Saeeds Geschichte hat den Mimen ebenso berührt wie sein Publikum. Zumal sie der minderjährige Jeside, der da trauernd auf dem Boden kauert, selbst erzählt hat, aufgenommen auf Datenträger.

Von erschütternden Geschichten

Sie handelt von seiner Flucht vor dem Terror des Islamischen Staats aus dem Irak, die der Minderjährige mit seinen drei Cousins und einer Cousine wagte. Zwei seiner Verwandten ertranken dabei im Mittelmeer. Der überlebende Cousin gab daraufhin auf, ging in den Irak zurück. Saeed indes machte weiter, floh über die Balkanroute. In Bulgarien war er Monate inhaftiert, wurde geschlagen und gedemütigt, bevor er es schließlich nach Deutschland schaffte und schließlich nach Stuttgart zu seinem Onkel.

Saeeds Geschichte war eine von mehreren, die nun im Generationenhaus Heslach in Form eines interkulturellen Theaterprojekts Premiere hatte. „Flüchten & Ankommen“ heißt das Stück, das zwei Macher des Dialogtheaters, die Sozialpädagogin Barbara Rochlitzer und der Theaterpädagoge Karlo Müller, seit September entwickelten – und zwar gemeinsam mit Geflüchteten aus Syrien, dem Iran, dem Irak und anderen Ländern, sowie mit Menschen, die, bis auf eine Ausnahme, nicht in Stuttgart geboren sind. „Alle Szenen haben einen realen Hintergrund, sie sind so oder so ähnlich geschehen, wir haben nichts erfunden, nur etwas ausgeschmückt“, erklärte Müller, bevor es für die zwölf Schauspielenden losging. Fast alle von ihnen standen das erste Mal auf einer Bühne.

Vier Szenen spielten sie, die vom Alltag und Kriegsausbruch im Heimatland, den politischen Aktivisten, der Flucht über das Mittelmeer und schließlich der Ankunft und dem Leben in Deutschland handeln. Viele Passagen davon gingen unter die Haut. Etwa wenn die Schlepper in rauem Ton den Geflüchteten das Geld abknöpfen, bevor sie diese auf ein Schlauchboot mit angeschlagenem Motor quetschen, das sie allein mit Hilfe ihrer Handys übers Meer zu navigieren versuchen. Als sie denken, dass alles zu spät ist, sehen sie Lichter – ein Schiff, dessen Crew sie rettet.

Und hoffnungsfrohen Geschichten

Im Ankunftsland finden die Geflüchteten eine Welt vor, die ihnen Einiges an Umdenken und Anpassung abverlangt und ihnen mitunter sonderbar erscheint. Nicht alles klappt, wie sie sich es vorgestellt haben. Schlange stehen auf dem Amt, Streitereien im Flüchtlingsheim um Alltägliches wie Putzdienste, Deutschkurse, die nicht jeden nehmen. Und warum kann Rafaat seinen Sohn nach einem Jahr aus Syrien nach Deutschland nachholen, während Sido schon seit zwei Jahren und drei Monaten auf seine Familie wartet, die in der Türkei festsitzt? Alles nur wegen des subsidiären Schutzes? Durch diesen gilt er zwar als schutzbedürftig, wird aber nicht als Flüchtling nach der Genfer Konvention anerkannt. Und warum rauchen die Deutschen Haschisch am Wochenende, wenn es doch verboten ist? Was ist überhaupt mit Integration gemeint?

„Flüchten & Ankommen“ schildert nicht nur die Geschichten der Geflüchteten, ihre Ängste, ihre Trauer, ihr Gefühl, einsam und verloren zu sein, in einem neuen Land mit einer anderen Kultur. Die Szenen erzählen auch von der Freude, überlebt zu haben und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Ich will gut Deutsch lernen“, sinniert da einer, „ein Auto kaufen“, eine andere, ein dritter betont, er möchte „wieder als Apotheker oder Arzt“ arbeiten. Wünsche, die in einem mitreißenden, versöhnlichen Tanz münden, den Enrique Victor Bisa choreografiert hat. Wie schrieben die Macher des Dialogtheaters zu Beginn ihres Projekts im Herbst? Die Mitspielenden sollten unter anderem die Möglichkeit haben neue Erfahrungen mit Menschen aus anderen Kulturen zu sammeln und Freunde zu finden. Die Theateraufführung wiederum solle dazu beitragen, durch interkulturelle Begegnungen eine Gemeinschaft zu stiften und in der Verschiedenheit Chancen für ein Zusammenleben zu entdecken. Der Anfang ist gemacht.

Das Dialogtheater spielt „Flüchten & Ankommen“ nochmals am 12. Januar 2018 um 20 Uhr im Gebrüder Schmid Zentrum, Generationenhaus Heslach, Gebrüder-Schmid-Weg 13.

Redaktion Stuttgart-Süd

Ansprechpartner
Nina Ayerle und Alexandra Kratz (Kaltental)
s-sued@stz.zgs.de

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