Hinterm Lindenmuseum fielen zuletzt die Bäume vor dem Weraheim. Foto: Achim Zweygarth

Beim Ortstermin beklagen Bürger, dass im Zentrum Stamm für Stamm das Grün totem Grau weicht.

S-Mitte - Schon die rote Linie ist vertrackt. Sie verläuft auf dem Stadtplan direkt am Rand des Gehwegs und trennt verwaltungsrechtlich den Norden Stuttgarts von der Stadtmitte. Eine Bezirksvorsteherin, zwei Mann vom Amt stehen mit zehn bewegten Bürger auf dem Gehweg in deren Wohnviertel, grob beschrieben: dem Viertel oberhalb des Lindenmuseums. Sie alle wähnen sich in der Stadtmitte, tatsächlich sind sie im Norden.

Damit ist die Bezirksvorsteherin, Veronika Kienzle, für die Straßenseite gegenüber nicht zuständig, sondern ihre Kollegin Andrea Krueger. Das macht das Anliegen jener Bürger nicht einfacher: Die Rettung der Bäume im Viertel, die wegen Neubauten gefällt wurden und werden, zumindest ein Ersatz für Gerodetes. Was früher grünte, ist heute totes Grau. Das ist die Klage. Diejenigen, die sie führen, zählen allem Augenschein nach keineswegs zum Kreis der typischen Umweltbewegten. Einer hat sich zur Baumbeschau gar eine Fliege um den Hals gebunden.Kienzle zählt zu den Grünen, Krueger zur CDU. Grüne haben viel zu tun in diesem Viertel. Die EnBW hat gebaut. Das Katharinenhospital hat gebaut und baut weiter. Das Weraheim ist gerade am Bauen. Die Duale Hochschule will bauen. Hinzu kommen ungezählte private und gewerbliche Baustellen. Und auf jeder einzelnen wurden oder werden Bäume gefällt.

Wer einen Baum fällt, muss für neue Bäume sorgen

Für Menschen, die nicht im Zentrum der Großstadt leben, mag die gesamte Versammlung merkwürdig anmuten. Es geht um drei Bäume hier, fünf Bäume ums Eck, mal fünfzehn Bäume eine Straße weiter. Der Parkplatz hinter dem Neubau des Katharinenhospitals, „der ist vorbildlich“, sagt Wolfgang Böhm. Er ist einer der Herren vom Amt, vom Stadtplanungsamt. Zwischen zwei Autos sprießt jeweils ein Baum. Nun ja, ein Gehölz, das Baum werden will. Bauherren, die einen Baum fällen, müssen mindestens einen, meist zwei nachpflanzen. Für die Setzlinge ist ein Stammumfang von 20 bis 25 Zentimeter vorgeschrieben. Das entspricht etwa dem Handgelenk einer zartgliedrigen Frau. So sieht der vorbildliche Innenstadt-Baum aus.

An Regeln zum Grün in der Großstadt ist grundsätzlich kein Mangel. Sie sind in einer Schutzverordnung festgeschrieben, die derzeit überarbeitet wird. Hermann-Lambert Oediger erklärt sie, Böhms Abteilungsleiter. Wo immer ein Baum gefällt werden soll, schickt die Stadt einen Gutachter. Der entscheidet über angemessenen Ersatz. Böhm hat jeden künftig zu fällenden und künftig zu pflanzenden Baum in seinen Plänen eingezeichnet.Allerdings klagen die Anwohner, dass von all der Mühe nichts zu sehen ist. Wo sind sie denn alle, bitteschön, die Ersatzbäume? Sie sprießen zum Beispiel auf dem Flachdach hinter einem Architekturbüro am Herdweg oder im Garten über der Tiefgarage eines Neubaus an der Sattlerstraße. Der Innenhof des Zweckquaders, den die EnBW schräg gegenüber in Grau gegossen hat, soll ebenfalls bepflanzt werden. „Uns ist das wichtig“, sagt Oediger.

Für so gut wie jedes Grundstück gilt anderes Baurecht

Allerdings scheitert die Schutzverordnung ebenso regelmäßig wie der gute Wille. Denn gerade hier im Quartier hat das Amt ein juristisches Problem, das sich schon beim Blick auf die Häuser den Straßenzug hinauf und hinunter ahnen lässt: Die architektonischen Stilrichtungen reichen von der säulenbewehrten Villa bis zur Stahl-Glas-Fassade, auf der ein neongrünes Plastiksegel thront. Für so gut wie jedes Grundstück gilt anderes Baurecht. Auf mancher Parzelle sind die Vorschriften seit hundert Jahren unverändert, auf anderen gelten gar keine, für wieder andere hat der Gemeinderat Sonderregeln beschlossen. Wo kein Recht gilt, gilt auch kein Unrecht. „Das wird auch mal ausgenutzt“, sagt Oediger. Dann entfällt die Pflicht zum Ersatzbaum.

Allzu oft entfällt sie auch, weil dort, wo gepflanzt werden soll, Leitungen in der Erde liegen. Dann ist das Buddeln verboten. Oder sie wird an höherer Stelle missachtet. Vor dem Lindenmuseum weist eine Tafel auf 250 freie Plätze im Parkhaus rechterhand hin, auf 325 geradeaus. Direkt dahinter sollte eigentlich eine Baumreihe stehen. Stattdessen steht dort eine Reihe Autos. Der Bauherr hat es vorgezogen, statt Beete anzulegen, einen Parkplatz zu planieren. Das war das Land. Nicht zum ersten Mal, sagt Kienzle, aber „wir kämpfen weiter um jeden Baum“. Das ist wörtlich zu nehmen.

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