Shirkan war bereits mit neun Jahren von der Musik „angefixt“, wie er sagt. Foto: Linsenmann

Der iranische DJ Shirkhan rockt mit knallhartem Reggae-Mix den Club Schräglage.

S-Mitte - Elmar Jäger geht an Krücken. Kann gefährlich sein, so ein Leben als DJ. Ein Kreuzbandriss beim Performance-Finale in Essen. Elmar Jäger aber lächelt. Nein, er hat Glanz in den Augen, denn draußen erwartet der Master of Ceremony des Stuttgarter Sentinel Soundsystems auf einen ganz besonderen Kollegen: auf den Iraner Shirkhan, einen Star der internationalen Reggae-Szene. Der DJ wird den Club in jener Nacht in brodelnde Schräglage versetzen.

Und dann kommt er auch schon, eine halbe Stunde vor Mitternacht, direkt vom Flieger. Man kennt sich, Shirkhan strahlt: „Prima Atmosphäre in Stuttgart“, sagt er, denn die Jugend der Stadt ist outdoor in dieser lauschigen Sommernacht. Party-Stimmung in allen Gassen. Zehn Grad hatte Shirkhan abends in Stockholm, jetzt steigt er vom Pullover aufs T-Shirt um. Alles in Schwarz. Passt prächtig zum geometrisch präzisen Bart, gestutzt wie ein englischer Rasen: Der Mann hat Kontur. Und mit Krücken kennt sich der Basketballer auch aus. Ein geschmeidiger Athlet. Im Club passt die Zahl der Gäste noch locker an den Tischkicker. Zeit also, fürs Gespräch über den aufregenden Weg dieses mit Spannung erwarteten Gastes.

Mit zehn Jahren hatte er den ersten Auftritt

Mit neun Jahren war Shirkhan mit seiner Familie aus dem Iran geflüchtet, mitten im Iran-Irak-Krieg. Da war er schon „angefixt“ von verbotener westlicher Musik. Heimlich hatte er geschmuggelte Michael-Jackson-Kassetten gesammelt. Ein Stück Freiheit? „In meiner Familie hatte ich die Freiheit. Meine sehr politischen Eltern waren schon in Opposition zum Schah, und nun auch zu den Mullahs. Die haben das unterstützt.“ Sie waren politisch Verfolgte, denen die Flucht nach Schweden gelang. Shirkhan hat weiter „wie verrückt Musik gesammelt“. Mit zehn Jahren hatte er den ersten Auftritt, jedoch keine Flausen im Kopf: „Meine Eltern sind Akademiker, aber das hat nicht gezählt. Wir waren richtig arm, ich musste lernen, lernen, lernen.“ Dann hat er studiert, sieben „verdammt lange Jahre“. Er ist Lehrer geworden, im Stockholmer Emigranten-Quartier Rinkeby – und DJ. 2003 hat er das Safari Sound-System gegründet und ist erfolgsmäßig richtig „durch die Decke geschossen“.

DJ als Hauptberuf? „Man muss das Eisen schmieden, solange es glüht. Lehrer bleibe ich trotzdem. Vorerst jedenfalls“, sagt der frisch Vermählte. Seine Heimat vermisst er. „Klar“, sagt er. „Aber derzeit gibt es kein Zurück.“ Jetzt hat er erst einmal Hunger und geht zum Imbiss. Vor dem Club stehen die Leute Schlange, unten ist es schon ordentlich voll. Kurze Konzentration noch Backstage. Dann, um 1.30 Uhr, ist es soweit. Auf dem Weg zum Pult ist Shirkhan eines wichtig: „Reggae ist eine Haltung, eine Philosophie. Das ist die Stimme des Volkes, der Unterdrückten.“

Nicht die Spur von weichspülendem Mainstream

Entsprechend klingt der Soundmix, den Shirkhan serviert: hammerharter, techno-grundierter Reggae, von Hip-Hop-Gewittern durchsetzt, mit Bass & Drum gewürzt, dass die Vibrations von den Zehen- bis zu den Haarspitzen schießen. Geniales Timing, genialer Rhythmus, nicht die Spur von weichspülendem Mainstream. Starkstrom-Reggae – und die gut 400 Besucher machen jede Wendung mit.

Anderthalb Stunden später japsen die Synapsen, schnappen nach Luft. Tief unten tobt der Bär. Tosende Schräglage, bis in den dämmernden Morgen. Um 6.30 Uhr geht der Flieger zurück nach Stockholm. Und am Morgen danach macht sich Shirkhan, the Master of Ceremony, wieder auf den Weg zur Schule. Zu seinen Kids.

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