Der Vorzeige-Off-Space, die Waggons am Nordbahnhof, musste weichen. Foto: Heinz Heiss

In der Treffpunkt-Galerie haben Kulturschaffende überdie Bedeutung von Off-Spaces für die Stadt diskutiert.

S-Mitte - Was ist übrig geblieben von Utopia Parkway? Das Projekt brachte im vergangenen Jahr sechs Wochen lang rund 100 Künstler in das leer stehende Gebäude zwischen Marien- und Tübinger Straße. Dort gab es Ausstellungen zu sehen, Lesungen und Performances, einige Künstler übernachteten in dem großen, vormals von Geschäftsräumen dominierten Komplex im eigens dafür eingerichteten Künstlerhotel. Zwischendurch wurde gefeiert, drinnen wie draußen.

Die Antwort ist, dass nichts von Utopia Parkway übrig geblieben ist. Dort, wo das Projekt stattfand, klafft heute ein Loch. In einigen Monaten wird an der Stelle das Gerber stehen, ein Komplex aus Büros, Einkaufszentrum und Gastronomie. „Das ist natürlich nicht die Nachhaltigkeit, die wir uns gewünscht haben“, sagt Demian Bern von der Galerie Interventionsraum, der die Zwischennutzung Utopia Parkway mitinitiiert hat. Am Freitagabend war er einer von vier Teilnehmern der Podiumsdiskussion zum Thema „Stellenwert von Off-Spaces in Stuttgart“ in der Treffpunkt Galerie am Rotebühlplatz.

Zunächst bemühte man sich auf dem Podium zu klären: Was überhaupt ist ein Off-Space? Die Meinungen gingen nur in Teilen auseinander. Bern sieht einen Off-Space als subjektiv gestalteten Raum, deren Nutzer nicht an den Profit denken. Sein Gegenüber, der Dekumo- und Waggons-Mitinitiator Oliver Scholz indes sah keinen Widerspruch zum ökonomischen Aspekt. Für den Architekten Lukasz Lendzinski ist ein Off-Space sogar gar nicht an einen Ort gebunden, sondern viel mehr ein Zustand. Sie alle sind Experten, wenn es darum geht, freie Orte in der Stadt zu erobern. Und sie alle wissen nur zu gut, wie schwierig dies sein kann. Auch die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle, saß auf dem Podium. „Ich bin ja die Schutzpatronin in Sachen Interimsnutzung“, sagte sie zu Beginn, „das sind nicht nur die Kapillare des kreativen Nervensystems, sondern das ist auch eine ökologische und ökonomische Notwendigkeit“.

Neue Mitarbeiterin für leer stehende Orte

Alle lobten die jüngsten Entwicklungen in der Stadtverwaltung, die kürzlich eine halbe Stelle mit einer Architektin besetzt hat, die sich ausdrücklich um die Vermittlung von leer stehenden Orten kümmert. „Das zeigt, dass sich die Wahrnehmung der Stadt geändert hat“, sagte Scholz. Man setze große Hoffnungen in diese neue Stelle, sagte auch Demian Bern. Denn die Hürde bei der Akquise seien meist Sprachbarrieren. „Je nach dem mit wem man spricht, muss man das Projekt anders beschreiben“, sagte er. Oft gälten die Kulturschaffenden noch immer als Chaoten, da sei ein Netzwerkknotenpunkt an offizieller Stelle eine große Hilfe. Kienzle aber warnte: Die Architektin könne als Schutzpatronin dienen und helfen, die richtigen Stellen anzugehen, die Überzeugungsarbeit aber müssten die Antragsteller immer noch selbst machen. „Sie ist keine Genehmigungsbehörde, dafür fehlt ihr die Weisungsbefugnis“, sagte sie weiter.

Durch die zunehmende Privatisierung müssten außerdem in Zukunft verstärkt Investoren und Privateigentümer angegangen werden, schon bei Utopia Parkway war die Stadt zu keiner Zeit in die Verhandlungen involviert. Die Stadt könne dann im Idealfall als Repräsentant und Sprachrohr fungieren, um bei Privateigentümern mehr zu erreichen. Die nächsten Projekte sind die Belebung des Wilhelmspalais und die Aktion 27 hours urban action von Lendzinski, der den Kreativen die Aufgabe stellt, die Stadt schöner zu machen, und so – wenn auch nur temporär – in die Stadtplanung einzugreifen.

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