Foto: Bucher

Der Bezirksbeirat Mitte und die Bezirksvordsteherin Veronika Kienzle wollen sich nicht damit abfinden, dass der geplante Hotelturm am Mailänder Platz entegegen der Vorgaben nicht begrünt wird. Eine Expertin widerspricht zudem dem Investor Strabag. Der Konzern und seine Archtikekten behaupten, man könne das Hochhaus aus Gründen des Brandschtutzes nicht begrünen.

Stuttgart - Alles war fein ausgedacht, beraten, überlegt und entschieden: Der 60 Meter hohe Hotelturm auf dem letzten unbebauten Grundstück zwischen Milaneo und Stadtbibliothek sollte begrünt werden. So sah es der Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs vor. Der Wurf aus dem Düsseldorfer Büro RKW Architektur + plante mit einer begrünten Natursteinfassade, nachdem der Investor Real Estate GmbH Strabag das Grundstück im Mai 2016 von der Deutschen Bahn AG erworben hatte.

Doch dann kam alles anders. Der Bauherr und seine Architekten machten einen Rückzieher. Der Strabag-Bereichsleiter Uwe Jaggy ließ den Gemeinderat wissen, dass die Fassadenbegrünung am geplanten Hotelturm nicht machbar sei. Man könne die Brandschutzauflagen nach den Richtlinien für Hochhäuser nicht erfüllen. Als Alternative für die Pflanzen boten Jaggy und das Büro RKW+ Kunstreliefs an, die in die Fassade eingebaut werden könnten – dort, wo zuvor Nischen mit Pflanzen vorgesehen waren. Ob diese Flächen bunt oder monochrom würden, müsse ein Wettbewerb zeigen. Fünf Künstler wolle man dazu einladen, auch welche aus Stuttgart. Beim Thema Pflanzen stellte Jaggy eine „Kompensation“ auf einem städtischen Grundstück an anderer Stelle in Aussicht. Der Aufschrei im Gemeinderat war entsprechend groß, aber keiner glaubt so richtig an eine Wende.

Kritik am Stadtplanungsamt

Ganz anders die Bezirksvorsteherin von Mitte, Veronika Kienzle, und ihr Bezirksbeirat. „Wir sind empört“, sagt Kienzle und kritisiert die Verwaltung: „Für mich ist das ein Problem der Bauprüfung. Eine Vorprüfung des Stadtplanungsamtes hätte das erkennen müssen.“ Aus ihrer Sicht sei zwar nachvollziehbar, dass man nach einer ordentlichen Prüfung noch „geringfügig etwas baurechtlich modifizieren“ müsse, aber grundsätzlich sollte man sich darauf verlassen können. Daher gehe der Bezirksbeirat auch einen Schritt weiter als der Gemeinderat: „So ein Entwurf, der als einziger ein Begrünungskonzept hat, verliert in so einem Fall seine Berechtigung als Erstplatzierter, wenn das wesentliche Merkmal nicht mehr umsetzbar ist.“ Kurzum: „Der Bezirksbeirat beantragt die Öffnung des bereits abgeschlossenen Verfahrens.“

Kienzle und der Bezirksbeirat monieren schon lang, dass das 60-Meter-Hochhaus den Blick auf die prämierte Architektur der Stadtbibliothek verstelle. „Die Strabag ist doch ein weltweit agierendes Unternehmen. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass die kein Angebot machen können, das wenigstens die Begrünung des Sockels vorsieht.“ Für Kienzle steht fest: „Hier muss das Stadtplanungsamt zusammen mit dem Investor nach einer Lösung schauen. Gar nichts tun, kann nicht sein. Ebenso wenig, wie einen Wettbewerb abschließen und dann anders bauen.“

Vorbilder stehen in Mailand und China

Die Bezirksvorsteherin will die Hoffnung nicht aufgeben, „in das total versteinerte Viertel doch noch etwas Grün zu bekommen“. Daher hat sie zuletzt eine Expertin zum Thema Fassadenbegrünung in den Bezirksbeirat eingeladen. Alina Schick von der Firma Visioverdis, Erfinderin der sogenannten „GraviPlants“ und Wissenschaftlerin an der Uni Hohenheim, eine Kombination von Pflanzen und Technik, die sogar Bäume waagrecht wachsen lässt, erklärte im Rat: „Das Problem des Brandschutzes ist lösbar, wenn die richtigen Leute zusammensitzen.“ Als Beispiele der Machbarkeit nannte die Expertin das Hochhaus Bosco Verticale in Mailand oder den Vertical Forest in Beijing/China: „Die Beispiele zeigen doch, dass es geht.“ Weiter führte sie aus: „Bei ausreichender Pflege und der richtigen Auswahl der Pflanzen ist sogar ein sehr hoher Brandschutz gegeben.“

Trotz der Ausführungen glauben nicht alle im Bezirksbeirat, dass sich in dieser Sache das Blatt noch wenden wird. Klaus Wenk von der CDU meinte resigniert: „Die Strabag hatte noch nie Interesse, die Fassade zu begrünen. Es wird ein Schandfleck werden. Man sieht, dass Politik manchmal ein bisschen hilflos ist.“ Das sieht Heinrich Huth (SPD) anders: „Wir lassen uns nicht verschaukeln. Denn nun ist offensichtlich, dass das Argument mit dem Brandschutz eine Farce ist.“ Auch Huth erwartet ein neues Angebot des Investors.

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