In Untertürkeim sind Exponate zur Firmengeschichte zu sehen. Foto: Achim Zweygarth

Zwei Konditormeister, die 1857 an der Furtbachstraße ihre Firma gründeten, haben die Marke Eszet erfunden.

S-Mitte - Dagegen kann jede Nuss-Nougat-Creme einpacken. Erst knackig, dann zart schmelzend ist sie im Mund, die wohl einzige Schokolade, die es zum Brotbelag gebracht hat. Eszet-Schnitten verbinden viele Menschen mit Genuss aus der Kindheit – oder auch nicht. Nämlich dann nicht, wenn die Eltern beschlossen hatten, dass es einfach zu dekadent sei, wenn das Kind sich die dünnen Schokoladentäfelchen aufs Brot packt.

Nur wenige Schokoladenliebhaber freilich dürften wissen, dass der Geburtsort des süßen Brotbelags in Stuttgart liegt. Genauer gesagt an der heutigen Furtbachstraße in Mitte. Dort eröffneten 1857 die Konditormeister Ernst Staengel und Karl Ziller ihren Betrieb. Damit waren sie in guter Gesellschaft, denn bis dato hatte Stuttgart schon einen guten Ruf als Schokoladenstadt. Unternehmen wie Moser und Roth, die später fusionierten, oder Waldbaur hatten wenige Jahre zuvor den Handel mit der süßen Ware aufgenommen. Auch Schweizer Firmen wie Tobler und Suchard hatten Dependancen in Stuttgart. Zudem boten zahlreiche Konditoren ihre Leckereien aus Kakao und Zucker an.

Das Sortiment umfasste anfangs mehr als 500 Artikel

Staengel und Ziller dachten sich einen griffigen Namen für ihre Firma aus: Weil alles, was den Laden verließ, die beiden Initialen der Firmengründer, nämlich S und Z, als Qualitätssiegel aufgedruckt bekam, nannten sie ihr Unternehmen schlicht „Eszet“. 1904 ließen sie diesen Namen sogar als Wortmarke beim kaiserlichen Patentamt in Berlin eintragen. „Es war damals für die Firmen wichtig, eine eigene Marke zu kreieren“, sagt Anne Hermann vom Wirtschaftsarchiv in Hohenheim. Dort sind zahlreiche Unterlagen aus der Geschichte der großen Firmen in Baden-Württemberg archiviert – darunter natürlich auch die des Stuttgarter Schokoladenherstellers.

In der Tradition ihres Handwerks boten Staengel und Ziller zunächst ein umfangreiches Sortiment an. Mehr als 500 Artikel, darunter Ostereier, süßen Christbaumschmuck und Süßholz-Bonbons, gab es bei der Firma zu kaufen. „Und natürlich Schokolade in Tafelform, schon seit den Anfängen der Firma“, erzählt Hermann. Das Geschäft lief gut, 1860 zog das Unternehmen in die Olgastraße, 1898 schließlich nach Untertürkheim, wo heute noch eine Stadtbahnhaltestelle den Namen „Eszet“ trägt.

Als Staengels Söhne Otto und Ernst um 1900 in den Betrieb einstiegen, änderte sich die Philosophie. „Ihr Leitspruch lautete: ‚In der Beschränkung zeigt sich der Meister’“, erzählt Anne Hermann. Zuerst flogen die Saisonartikel aus dem Sortiment, später reduzierten die Söhne den Bestand von 500 auf sechs Schokoladensorten. 1931 folgte ein weiterer Wendepunkt in der Firmengeschichte: Elisabeth Staengel, die Frau von Otto Staengel, übernahm nach dem Tod ihres Mannes und dessen Bruders als erste Frau das Unternehmen.

Unter ihrer Regie entstanden 1933 die nur einen Millimeter dicken, fürs Frühstück gedachten Eszet-Schnitten – also der Brotbelag, der die Firma berühmt gemacht hat. Die Schokoschnitten waren zwar luxuriös, aber durchaus erschwinglich: 1935 kostete das Sechser-Paket 35 Pfennig. Zum Vergleich: Ein Arbeiter bekam in der Regel einen Stundenlohn von etwa 70 Pfennig. Elisabeth Staengel blieb bis 1973 alleinige geschäftsführende Gesellschafterin. Zu dem Zeitpunkt aber war die Schokoladen-Industrie längst im Wandel. Steigende Rohstoffpreise und eine Konzentration auf wenige Großbetriebe machten den Mittelständlern das Leben schwer. 1975 schließlich schlug für die Firma Eszet das letzte Stündlein: Sie konnte sich nicht länger auf dem Markt halten und wurde liquidiert. Die Markenrechte wurden an den Kölner Stollwerck-Konzern verkauft.

Immerhin, die Eszet-Schnitten gibt es auch heute noch unter diesem Namen. Vermutlich dürften also noch weitere Generationen von Kindern mit ihren Müttern streiten, ob es sinnvoll ist, sich zum Frühstück Schokolade aufs Brot zu legen. Zumindest einen Werbespruch, der sich vielen Menschen ins Gedächtnis gebrannt hat, werden die Sprösslinge immer auf ihrer Seite haben: „In der allergrößten Not schmeckt Eszet auch ohne Brot.“

Im Heimatmuseum Rotenberg, Württembergstraße 312, läuft zurzeit eine Ausstellung zur Industrialisierung Untertürkheims, in der auch die Geschichte von Eszet erzählt wird. Geöffnet ist auf Anfrage unter der Rufnummer 33 86 89.

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