Das Gerüst an der zweijährigen Baustelle auf der Königstraße ist weg, aber die Lärmbelastung bleibt vorerst. Foto: Mariin Haar

An den Beispielen Europahaus und Ex-Karstadtgebäude fragen sich viele: Warum sanieren Investoren in der Innenstadt aufwendig, statt abzureißen und neu zu bauen? Ein Bau-Experte lüftet das Geheimnis.

S-Mitte - Das Gerüst ist weg, der Lärm bleibt. Auf der Baustelle an der Königstraße scheint es lauter zu sein als jemals zuvor. Die Belagsarbeiten vor der Ladenzeile, die ab dem 5. Dezember die irische Billig-Textilkette Primark beherbergen wird, sind ohrenbetäubend laut. Die Gehwegplatten müssen passend gemacht werden – für Passanten ist das kein Spaß. Da fallen in der Innenstadt auch die Reinigungskräfte kaum noch auf, die mit Laubbläsern bewaffnet, Zigarettenkippen lärmend vom Gehweg pusten. Der gute alte Besen scheint ein Relikt aus vergangenen Tagen zu sein.

Aber auch die neue Zeitrechnung hat ihre Tücken. Selbst die Investoren, die auf der Königstraße oder in der Nadlerstraße (Europahaus) bauen, schätzen das Alte. Statt das ehemalige Gebäude von Karstadt oder das Europahaus einfach abzureißen, werden sie aufwendig entkernt und saniert. Das Prozedere hat beim Ex-Karstadthaus an der Ecke König-/Schulstraße nun zwei Jahre gedauert. Viel länger als der Totalabriss und Neubau, wie ein Bauarbeiter bestätigt. Aber nicht nur die Bauzeit erhöht sich bei diesem Verfahren, auch die Kosten seien bedeutend höher.

Sanieren dauert länger und ist teurer

Warum also bevorzugen die Immobilien-Investoren dieses teurere Verfahren, das die Menschen länger mit Lärm, Dreck und Unannehmlichkeiten belastet? Der Bauarbeiter lacht und meint: „Weil es unterm Strich mehr Geld bringt.“ Im Falle des neuen Primark-Domizils hätte der Investor eine Vielzahl von neuen Baurichtlinien einhalten müssen. Alle diese Vorschriften hätten bedeutet, dass am Ende eines Neubaus eine Geschossfläche weniger herausgekommen wäre als bei der Kernsanierung.

Was eine Fläche bei einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis auf der Königstraße (330 Euro) und durchschnittlichen Mietzeit von zehn Jahren bedeutet, kann sich jeder ausmalen. Viel, viel Geld. Jedenfalls viel mehr als die höheren Baukosten der Kernsanierung im Vergleich zum Neubau.

Nicht alles, was in der Stadt derzeit passiert leuchtet jedem sofort ein. Dazu gehört auch die Tiefgarage des Ex-Karstadthauses. Die rund 200 Plätze werden in ihren Dimensionen genauso bemessen sein, wie zu den Zeiten, als noch Hertie hier Waren feilbot – passend für einen VW-Käfer oder einen Opel Kadett. Heutige SUV-Fahrer werden dagegen ihre liebe Mühe haben, sich mit einem Platz zu begnügen. „Das ist ein Witz“, sagt ein Bauarbeiter, „solche Autos werden wahrscheinlich immer zwei Parkplätze belegen.“ Warum der Mann es aberwitzig findet? „Weil die Bauvorschrift die genau gleiche Anzahl der Parkplätze haben wollte, wie vor der Sanierung.“ Was in der Theorie gut klingt, dürfte in der Praxis das Gegenteil bewirken – also weniger nutzbare Parkplätze. Definitiv fehlen werden vier konventionelle Parkplätze, da jene für E-Autos reserviert sind.

Wann das Parkhaus öffnet? An diesem Donnerstag ist zwar die Bauabnahme, aber ob Betreiber Apcoa vor der offiziellen Eröffnung von Primark am 5. Dezember die Schranken öffnet, ist unwahrscheinlich. Auch wenn bereits ein Drogerie-Markt im Gebäude eröffnet hat und eine Telekommunikationsunternehmen bald nachziehen dürfte, wird es kaum gelingen. Denn das Treppenhaus der Tiefgarage verbindet den ganzen Komplex, der teilweise noch im Rohbau ist. Daher gilt bis auf Weiteres: Das Gerüst ist weg, der Lärm bleibt.

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