Die sich schließende Tür einer S-Bahn hat Volker Imhof Ungemach bereitet. Foto: LG/Piechowski

Der Erdmannhäuser Volker Imhof hat einen Albtraum erlebt, als er mit der S-Bahn fahren wollte. Die Bahn rätselt, wie es dazu kommen konnte.

Erdmannhausen - Ohne seinen Blindenstock ist Volker Imhof mehr oder weniger aufgeschmissen. Mit dem langen Stab kann er Stolperfallen am Boden aufspüren, Hindernisse, die auf seinem Weg liegen, erspüren oder Bordsteine rechtzeitig erkennen. Doch der Stock wurde ihm zum Verhängnis am Abend des 27. Juli.

Der Erdmannhäuser wollte auf dem Weg von der Arbeit nach Hause am Stuttgarter Hauptbahnhof gerade in die S-Bahn in Richtung Marbach einsteigen, als sich die Tür vor seiner Nase zuschob und dabei seinen Stock einklemmte. Dann rollte der Zug los. Volker Imhof wundert sich, wie das passieren konnte, und warum sich die Tür nicht wieder öffnete. Der Stock habe einen Durchmesser von immerhin zwei Zentimetern und müsse doch von der Technik erkannt werden, sagt er.

Der sehbehinderte Erdmannhäuser Gemeinderat (Grüne) erzählt, dass ihm sogar ein Mann zur Hilfe geeilt sei. Doch selbst mit vereinten Kräften habe man es nicht geschafft, den Stock herauszuziehen. Der Diplom-Informatiker gibt zu bedenken, dass er bei dem Vorfall sogar noch Glück hatte. „Ich hatte meine Hand nicht in der Schlaufe des Stocks“, erklärt er. Ob er sich in der heiklen Situation so schnell aus der Schlaufe hätte befreien können, vermag er nicht zu sagen. Dann hätte ihm gedroht, mitgeschleift zu werden.

Schöne Wende einer dramatischen Geschichte

Volker Imhof weist zudem darauf hin, dass unter Umständen auch andere Wartende in Gefahr waren. Schließlich habe der Stock schätzungsweise 40 bis 50 Zentimeter aus der Tür herausgeragt, womit er bei der Fahrt vielleicht den einen oder anderen Wartenden am Bahnsteig hätte verletzen können. Also wollte er den Fall bei der Bundespolizei anzeigen. Man habe ihm jedoch gesagt, dass keine Straftat vorgelegen habe. Es sei denn, ein Zeuge könne bestätigen, dass es eine Gefährdunggab. „Dann kann die Polizei aktiv werden“, sagt Imhof.

Alles in allem sei die Situation an jenem Mittwoch Ende Juli „keine angenehme Sache“ gewesen, fasst der 56-Jährige zusammen. Allerdings habe die für ihn dramatische Geschichte noch eine schöne Wendung genommen. „Der Mann, der mir mit dem Stock geholfen hat, bot mir an, mich nach Marbach zu begleiten“, berichtet Volker Imhof. Eigentlich hatte er vor, am Ziel seine Tochter anzurufen, um sich abholen zu lassen. Das war dann aber nicht mehr nötig. „Der Stock aber machte noch eine gewisse Reise“, erzählt Imhof.

Eine Frau rettet den Stock

Der Vorfall war nämlich auch Passagieren in der S-Bahn, in der der Stock klemmte, aufgefallen. Ganz besonders offenbar einer Frau, die gleich beim Halt am Nordbahnhof die Tür öffnete, ausstieg, den Stock an sich nahm und mit der nächsten S-Bahn zurück zum Hauptbahnhof eilte.

„Sie hat mich am Bahnsteig gesucht und auch gefunden“, erzählt Volker Imhof. Leider habe er sich in der ganzen Hektik gar nicht richtig bei der Dame bedanken können. Dafür sicherte er sich zumindest die Visitenkarte des Mannes, der ihn ebenfalls unterstützt hatte und ihn ein Stück des Weges begleitete.

Volker Imhof wollte die Sache auch bei Sven Hantel, dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Baden-Württemberg, melden, habe ihn aber nicht sofort ans Telefon bekommen – und es dann zugegebenermaßen auch nicht mehr versucht. Er wolle das aber nachholen.

Solche Vorfälle gleich melden

Allerdings wäre es aus Sicht eines Pressesprechers der Bahn am besten gewesen, das Geschehen so schnell wie möglich dem Unternehmen mitzuteilen. „Ich appelliere daran, nicht 14 Tage mit der Meldung zu warten, wenn so etwas passiert“, sagt er. Sonst werde es schwierig, das betreffende Fahrzeug aufzuspüren und zu überprüfen. Eventuell sei es mittlerweile auch schon gewartet und damit das Problem gar nicht mehr akut. „Wir haben ein großes Interesse daran, dem nachgehen zu können, um gegensteuern zu können“, sagt der Pressesprecher. Kunden könnten sich in solchen Fällen per E-Mail an ran-baden-wuerttemberg@deutschebahn.com melden.

Der Mitarbeiter der Pressestelle kann sich aber keinen rechten Reim darauf machen, wie das von Volker Imhof geschilderte Malheur geschehen konnte. Zum einen seien die Türen mit Detektoren ausgestattet, die Gegenstände ab einem Durchmesser von 30 Millimetern erkennen könnten. Und unmittelbar dahinter seien Lichtgitter angebracht, die dann spätestens bei dem offenbar dünneren Stock hätten Alarm schlagen müssen.

Denkbar sei indes aber auch, dass das Problem gar nichts mit der Technik zu tun hatte. Denn am Stuttgarter Hauptbahnhof könnten die Zugführer wegen des regen Betriebs – um Zeit zu sparen – die Türen auch zentral schließen. Wobei dann genau nachgeschaut und die Situation über Monitore beobachtet werden müsse. Er wisse jedenfalls bislang von keinem Fall, wo ein Stock eingeklemmt worden sei.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: