Wie (un)pünktlich ist die S-Bahn an meiner Haltestelle? Unsere Datenauswertung gibt erstmals die Antwort. Verspätungen sind vielfach der Normalzustand.
Dieses Schaubild zeigt den Alltag Tausender S-Bahn-Fahrgäste. Wenn sie am Flughafen in eine S 3 steigen oder in Kirchheim / Teck in eine S 1, ist der Zug quasi immer pünktlich. Spätestens in Bad Cannstatt oder an der Schwabstraße ist das nicht mehr so, im Durchschnitt fahren hier fast alle Linien drei bis vier Minuten später ein als geplant. Spätestens bei der Ankunft in Backnang oder Herrenberg ist klar: Verspätung ist bei der S-Bahn der Normalzustand.
2024 ist das bislang unpünktlichste S-Bahn-Jahr aller Zeiten. Eine Datenauswertung unserer Redaktion zeigt erstmals für alle Haltestellen in der Region, wie (un)pünktlich die S-Bahn dort einfährt. Der Netzplan wird zum Verspätungsbarometer: Statt der Linienfarbe zeigt unsere Grafik die durchschnittliche Verspätung bei allen Haltestellen.
Alle Verspätungen in einem Schaubild
Die Fahrtrichtungen der Linien sind nach Fahrtrichtung getrennt – weil die Verspätungen sich typischerweise auf der Stammstrecke aufbauen und dann bis zur Endhaltestelle anwachsen. Man kann das im Schaubild für jede einzelne Linie nachvollziehen – zunächst für die Bahnen in Fahrtrichtung Westen, also etwa die S 1 ab Kirchheim/Teck oder die S 2 ab Schorndorf:
Bis zur Endhaltestelle summiert sie sich für die meisten Linien auf im Schnitt mehr vier Minuten. Das gilt vor allem für die Linien S 1, S 2 und S 3, die die Stammstrecke komplett durchqueren. Aber auch auf der S 4, S 5 und S 6 / 60, die nur ab oder bis zur Schwabstraße fahren, ist ein Stammstrecken-Effekt zu sehen.
Auch für die S-Bahnen in Fahrtrichtung von West nach Ost zeigt sich das deutlich. Hierzu zählen etwa die S 3 vom Flughafen bis Backnang oder die S 5 von der Schwabstraße bis Bietigheim-Bissingen:
Die Durchschnittswerte beziehen sich auf die Zeit von Januar bis Juli 2024. Ausgenommen sind Wochen mit größeren baustellenbedingten Einschränkungen – weil Bahnen, die nicht fahren, auch nicht verspätet sein können.
Nicht ausgewertet haben wir beispielsweise zwei Wochen im Januar, als die Stammstrecke gesperrt war, oder den Februar während der Sperrung der Flughafenstrecke. Auch die Sommerferien mit der gesperrten Stammstrecke sind ausgenommen. Laut der S-Bahn wurde im ersten Halbjahr an neun von zehn Tagen am Netz gearbeitet.
Unter Volllast meist verspätet
Das Schaubild zeigt somit, wie (un)pünktlich die S-Bahn unter Volllast fährt. Zwar zeigen die Daten ganz deutlich, dass die Stammstrecke der Flaschenhals ist. Trotzdem betont ein Bahnsprecher auf Nachfrage: „Die Verspätungen sind nicht strukturell.“
Rein rechnerisch geht der Fahrplan auch auf der Stammstrecke auf, wenn alle zweieinhalb Minuten eine Bahn hindurchfährt. Sobald jedoch das Ein- oder Aussteigen etwa während der Rush Hour zu lange dauert, ein Signal gestört ist oder eine Bahn ungeplant stehen bleibt, staut es sich auch auf den anderen Linien. Verspätungen können mangels Puffer zudem nur schwer abgebaut werden.
Wird es 2026 besser?
Eine zweite Stammstrecke wie in München steht in Stuttgart nicht zur Disposition. Mehr Kapazität soll die Umstellung auf digitale Leit- und Signaltechnik bringen, der Sprecher erwartet 20 Prozent mehr Kapazität. Der neue S-Bahn-Chef Matthias Glaub hatte zu seinem Antritt Ende August erklärt, der „deutliche Qualitätssprung“ werde „die S-Bahn stabilisieren und damit unseren Fahrgästen in Zukunft eine verlässlichere Alltagsmobilität sichern.“ Wann die Technik tatsächlich genutzt werden kann, ist abhängig vom Fortschritt der Stuttgart-21-Baustelle. Frühestens 2026 wird es soweit sein.
Derzeit jedoch kämpft die Bahn mit extrem niedrigen Pünktlichkeitswerten. 2024 meldete sie für fünf Monate ein Allzeittief. Im April kamen nur 85,3 Prozent aller Züge mit unter sechs Minuten Verspätung an. Im November 2023 lag der Wert sogar nur bei 78,2 Prozent. Die Bahn bestätigt auf Nachfrage, dass die Pünktlichkeit unter den vielen Baustellen der letzten Monate weiter gelitten hat. Teils hätten „komplizierte Verkehrskonzepte“ mit weniger Gleisen die Verspätungsanfälligkeit erhöht, ebenso Großveranstaltungen wie die Fußball-EM.
In der ersten Woche nach den Sommerferien war insbesondere der Mittwoch problematisch, fast jeder fünfte Zug war deutlich verspätet. Bis Pünktlichkeit bei der S-Bahn wieder zum Normalzustand wird, dürfte es also noch dauern.