Bewaffnete Fahrgäste in der S-Bahn – Gedankenlosigkeit oder Provokation? Foto: dpa

Ein schlechter Scherz? Pure Gedankenlosigkeit? Oder nur Hysterie? Die Polizei ist den unbekannten Männern, die scheinbar bewaffnet im S-Bahn-Netz unterwegs waren, etwas näher gekommen.

Stuttgart - Wer ist dieser Mann mit Bart, langem Gewand, Kopfbedeckung – und dieser seltsamen Langwaffe? Jetzt beschäftigt sich der Staatsschutz mit dem islamistisch anmutenden Unbekannten, der Anfang April in Bad Cannstatt in eine S-Bahn der Linie S 3 einstieg und einen größeren Polizeieinsatz an der Haltestelle in Winnenden im Rems-Murr-Kreis ausgelöst hatte. „Auf den Videobildern ist der Mann klar zu erkennen“, sagt Daniel Kroh von der Bundespolizei, die den Fall an die Stuttgarter Kripo weitergeleitet hat.

Inzwischen scheint klar: Die Waffe dürfte nicht echt gewesen sein. Doch das ist den Fahrgästen erst einmal egal – auch Anscheinswaffen verfehlen ihre beängstigende Wirkung in einem S-Bahn-Abteil nicht. Immerhin hat die zunächst ermittelnde Bundespolizei die Spur etwas weiter verfolgen können.

Nachdem ermittelt werden konnte, dass der unheimliche Bärtige an jenem 4. April bereits in Waiblingen ausgestiegen war, meldete sich wenige Tage später ein Zeuge. Der saß in einem Bus der Linie 207, die zwischen Korb, Waiblingen und Fellbach verkehrt – wie auch der Unbekannte. „Der Zeuge gab an, dass der Gegenstand als nicht echte Waffe erkennbar gewesen sei“, sagt Bundespolizist Kroh. Doch mit dem Bus verliert sich die Spur.

Nur Softpfeile statt scharfer Munition?

Die weiteren Ermittlungen der Stuttgarter Kripo haben ergeben, dass es sich mutmaßlich um eine Spielzeugwaffe gehandelt hat. „Das könnte eine sogenannte Nerf-Gun gewesen sein“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Thomas Ulmer. Die verschießt Softpfeile. Deshalb der Name Nerf, eine englischsprachige Abkürzung für: Non-Expanding Recreational Foam. Zu deutsch: Formfester Spielzeug-Schaumstoff. „Das könnte also eher in Richtung Fantasyspieler gehen“, mutmaßt Ulmer. Entweder sei sich der Unbekannte ob seiner Wirkung nicht bewusst gewesen oder habe provozieren wollen – letzteres sei dann allerdings lebensgefährlich. Nicht zuletzt der Anschlag in Paris zeige den Ernst der Lage.

Noch keine Videoauswertung aus der S-Bahn liegt der Stuttgarter Polizei in einem weiteren Fall vor, der sich am 20. April abspielte. An der Haltestelle Nordbahnhof war ein Mann in eine S-Bahn der Linie S 4 Richtung Backnang eingestiegen – scheinbar mit einer Waffe am Hosenbund. Auch hier gab es eine größere Polizeiaktion: Die Bahn wurde in Freiberg am Neckar (Kreis Ludwigsburg) angehalten und durchsucht. Von dem vermeintlichen Waffenträger aber keine Spur.

Was trägt der Unbekannte an der Hüfte?

Die Videoaufnahmen vom Bahnsteig zeigen den Unbekannten – ob er wirklich eine Waffe dabei hatte, ist unklar. „Man sieht einen schwarzen Gegenstand an der Hüfte“, sagt Bundespolizei-Sprecher Kroh. Der Fall ist inzwischen auf dem Weg zur Stuttgarter Kripo. Das für Waffendelikte zuständige Dezernat wird wohl nicht viel zur Aufklärung beitragen können. Dass es sich um ein Waffenholster handelt, gilt als eher unwahrscheinlich: „Es könnte auch eine Tasche für ein Messer oder ein Mobiltelefon sein“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Ulmer.

Dabei sind Bewaffnete in einer Bahn kein neues Phänomen. Ende Dezember war ein 41-Jähriger in einer Stadtbahn der Linie U 7 von Degerloch Richtung Innenstadt unterwegs. Eine Zeugin alarmierte die Polizei, die nahm die Bahn an der Haltestelle Dobelstraße in Empfang. Glücklicherweise spitzte sich die Situation nicht zu. Der 41-Jährige nahm das Magazin aus seiner Luftdruckwaffe, legte beides auf den Boden ab und ließ sich widerstandslos festnehmen. Er erklärte, er habe in den Wald habe fahren wollen, um ein bisschen herumzuschießen. Im Januar 2016 war ein 20-Jähriger in einer S-Bahn der Linie S 3 mit einer Schreckschusswaffe unterwegs

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