Die Züge der Linien S 1 und S 3 enden in Bad Cannstatt und drehen wieder in die entgegen gesetzte Richtung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die nächste Streckensperrung in Stuttgart steht an. Diesmal betroffen ist die Verbindung zwischen Bad Cannstatt und Hauptbahnhof. Ein Notfahrplan wird eingerichtet. Doch wie kommt der eigentlich zustande?

Von Mittwoch bis Freitag, 20. bis 22. November, kommen auf Berufspendler und Schüler wieder Beeinträchtigungen im S-Bahn-Netz Stuttgart zu. Dann ist die Verbindung zwischen Bad Cannstatt und dem Hauptbahnhof wegen Weichenarbeiten gesperrt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die S 1, S 2 und S 3, sondern auf alle Linien. Während die Bahnkunden an den drei Tagen mit zusätzlichen Umstiegen auf den Busersatzverkehr und längeren Fahrzeiten rechnen müssen, haben die Verantwortlichen im Vorfeld bereits ihre Arbeit getan. Doch wie plant man einen Ersatzverkehr, damit nicht das ganze Netz zusammenbricht?

 

Ständi Baustellen bei der S-Bahn Stuttgart

„Es ist ein wenig wie Tetris spielen“, erklärt der Angebotsplaner Holger Hirsemann – nur eben mit S-Bahnen. Seit nunmehr 15 Jahren ist er unter anderem für die Baustellenplanung bei der S-Bahn-Stuttgart verantwortlich. Und die Arbeit geht dem 50-Jährigen nicht aus. Knapp 200 Baustellen im Jahr gilt es zu bearbeiten, Tendenz steigend. Im Klartext: Im vergangenen Halbjahr gab es an neun von zehn Betriebstagen eine Baustelle im S-Bahn-Netz Stuttgart.

Ein Überblick über das S-Bahn-Netz. Foto: Grafik/S-Bahn

In der Regel rund zwei Jahre vor Baubeginn kommt die InfraGo, die für den Erhalt der Bahninfrastruktur verantwortlich ist, mit dem Antrag auf die Planer zu. „In kleineren Fällen kann dies auch nur wenige Wochen sein“, sagt Hirsemann. Dann beginnt die große Rechnerei: Fahrzeuge, Personal, Busersatzverkehr, Fahrgastinformation sowie Abstimmung mit großen Veranstaltungen – alles muss berücksichtigt werden. Das oberste Ziel: „Das gesamte Netz muss vernünftig weiterlaufen“, sagt Hirsemann. Die nun anstehende Sperrung sei dabei nicht die schwierigste, aber sehr anspruchsvoll. Es gilt, einen dauerhaften Takt in Richtung Landesmesse auf den Fildern von der Innenstadt aus zu ermöglichen, „schließlich findet an zwei Tagen der Sperrung auch der Messeherbst statt“.

Umleitungen um einen Zug-Stau zu vermeiden

Die Hauptaufgabe ist, dafür zu sorgen, dass „sich die Züge nicht an den Eckpunkten in Bad Cannstatt und am Hauptbahnhof stauen“, erklärt Hirsemann. Die logische Folge: Die S-Bahnen müssen auf andere Streckenabschnitte ausweichen. Denn einfach nur vor dem gesperrten Abschnitt zu wenden, ist nicht möglich. Im Schnitt sieben Minuten dauere ein solcher Vorgang. Dabei muss nicht nur der Fahrer vom vorderen zum hinteren Ende des Zuges wechseln, sondern „das Führerhaus muss auch neu eingestellt werden“, erklärt Hirsemann. Auf der Stammstrecke im innerstädtischen Tunnel beträgt der Takt aber gerade einmal zweieinhalb Minuten, weil dort alle S-Bahn-Linien verkehren. Das würde unweigerlich zum „Megastau“ führen.

Am Computer von Holger Hirsemann entsteht der Notfahrplan. Foto: Alexander Müller

In der Regel fahren die Linien 1, 2 und 3 nach Bad Cannstatt ab, die Linien 4, 5 und 6 über den Abzweig zum Nordbahnhof. Einziger Ausweg: Die drei ersten Verbindungen werden per Notfahrplan auf die anderen Linien umgeleitet. Die S 15 nach Bietigheim-Bissingen, die S 24 nach Marbach am Neckar und die S 36 nach Marbach. Die ersten Ziffern sind dabei bewusst gewählt, sie deuten auf die ursprüngliche Linie hin. Auch den S-Bahnverkehr einfach oberirdisch im Hauptbahnhof verkehren zu lassen, gehe nicht, stellt Hirsemann klar: „Dann wäre nicht nur das S-Bahn-Netz Stuttgart, sondern der gesamte deutsche Fernzugverkehr betroffen.“

Eine ganz andere Lösung musste dagegen an der vorübergehenden „Sackgasse“ Bad Cannstatt gefunden werden. Dort können die S-Bahnen nicht umgeleitet werden, sondern müssen tatsächlich wenden. Mit fünf Gleisen für den Nahverkehr ist nur Platz für zwei Linien – ohne einen Stau zu provozieren. Die Wahl fiel auf die Linien S 1 aus Kirchheim/Teck und S 3 aus Backnang. Hingegen endet die S 2 bereits in Waiblingen. Der Vorteil: „So können wir auf der S 3 trotz der beengten Gleisverhältnisse einen 15-Minuten-Takt aufrecht erhalten“, erklärt Hirsemann.

S-Bahn Stuttgart: Arbeiten können nicht aufs Wochenende verlegt werden

Die Bauarbeiten auf das Wochenende zu verlegen sei nicht möglich gewesen. Unter anderem verhindere dies die bereits laufende Wochenendsanierung auf der S 1 zwischen Bad Cannstatt und Esslingen. Ziel der gesamten Bautätigkeit sei es, die neuesten Vorgaben der S-Bahn Stuttgart erfüllen zu können. „Bis Ende 2027 sollen die infrastrukturellen Störungen im Netz um mindestens ein Fünftel reduziert werden“, sagt der Bahnsprecher Reinhold Willing. Bis dahin wird es noch einige weitere Baustellen geben – und viel zu planen.

Veränderte Linien und Busersatzverkehr

Geänderte Linienführung
Die S 1 verkehrt zwischen Bad Cannstatt und Kirchheim (Teck) im 30-Minuten-Takt. Sowie zwischen Herrenberg und Bietigheim als S 15 von 6 bis 19 Uhr alle 15 Minuten, ansonsten alle 30 Minuten.

Ersatzbusverkehr
Die Busse verkehren zwischen 6 und 19.30 Uhr im 5-Minuten-Takt zwischen den Haltestellen am Arnulf-Klett-Platz am Hauptbahnhof und dem Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt. Darüber hinaus fahren diese alle zehn Minuten. Bei der SSB verkehrt zur U 1 auch die U 19 zwischen Wilhelmsplatz und Arnulf-Klett-Platz. Vereinzelt fahren auch Direktbusse vom Hauptbahnhof nach Winnenden oder Backnang.

VfB-Fans betroffen
Für den Ausbau des Digitalen Knotens Stuttgart ist von Freitag, 22. November, 5 Uhr, bis Sonntag, 24. November, 21 Uhr, die Strecke zwischen Bad Cannstatt und Esslingen gesperrt. Ein Ersatzbus (S 1E) ist eingerichtet – mit Haltestellen in Mettingen, Obertürkheim, Untertürkheim und am Neckarpark. Betroffen ist auch das Bundesligaspiel des VfB Stuttgart gegen den VfL Bochum am Samstag, 23. November (15.30 Uhr).