Nicht immer ist die Polizei im öffentlichen Nahverkehr an Bord. Oft sind Kontrolleure ohne Schutz unterwegs. Foto: Stefanie Schlecht

Der Tod eines Zugbegleiters hat Entsetzen ausgelöst. Aliihsan Badem ist seit vielen Jahren in Stuttgarter S-Bahnen als Kontrolleur unterwegs. Er erzählt, was er erlebt.

Aliihsan Badem, da übertreibt man nicht, ist ein Bahnmitarbeiter durch und durch. Seit der Ausbildung schafft der 59-Jährige bei der Deutschen Bahn, inzwischen rund 40 Jahre lang. Nicht wenige davon als Fahrscheinkontrolleur in der Stuttgarter S-Bahn. Doch seit dieser Woche ist einiges anders.

 

Am Montag ist einer seiner Kollegen, der 36 Jahre alte Serkan C., ums Leben gekommen. Der Zugbegleiter überprüfte in einem Regionalexpress in der Nähe von Kaiserslautern einen Fahrgast. Der hatte kein Ticket – und reagierte mit Schlägen. Serkan C. starb zwei Tage später an den Folgen einer Hirnblutung.

„Man weiß nicht genau, was da passiert ist und warum“, sagt Badem nachdenklich. Es gebe viele Fragen. Grundsätzlich könne so etwas jeden Menschen treffen. Doch so schlimm der Fall auch sei: „Angst habe ich nicht. Ich mache meinen Job gern.“

Und das, obwohl auch er immer wieder unangenehme oder gar gefährliche Situationen erlebt. „In der S-Bahn passiert alles mögliche, das geht quer durch die Gesellschaft. Am Anfang denkt man oft, so etwas gibt’s doch nicht. Aber es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt er. Manche Leute ohne Fahrschein versuchten, das Prüfpersonal einzuschüchtern. Man werde beleidigt und bedroht. Kollegen und er seien auch schon körperlich angegriffen worden. Dann versuche man, zu deeskalieren, und verständige die Polizei: „Das Leben ist viel wichtiger, man muss sich auch schützen.“

Die Bahn berichtet davon, dass körperliche Übergriffe auf Mitarbeitende seit einigen Jahren zunähmen. Im Jahr 2024, das sind die neuesten Zahlen, sei der Wert bundesweit auf 3324 Taten angestiegen, so ein Bahnsprecher gegenüber unserer Zeitung: „Das ist eine Zunahme um fast sechs Prozent binnen eines Jahres.“ Das sei inakzeptabel, aber ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht nur das Zugpersonal zu spüren bekomme, sondern auch Polizei oder Rettungskräfte.

Von einer generellen Verschlechterung der Situation will Badem indes nicht sprechen. Seinen Erfahrungen nach gibt es Wellenbewegungen, ein Auf und Ab im Benehmen der Fahrgäste. Manchmal ragten auch einzelne Tage heraus, an denen die Stimmung besonders gereizt sei. „Und dann gibt es wieder Tage, an denen es komplett ruhig zugeht, das kann man vorher nie sagen.“

Wochenende als Risiko

Klar ist: An Wochenenden ist die Lage kritischer. Dann sind mehr Jugendliche unterwegs, das führt laut dem erfahrenen Kontrolleur häufiger zu Stress. Die Prüfer in der S-Bahn sind in Gruppen zu zweit oder zu viert unterwegs, damit niemand alleine ist. „Zu bestimmten Uhrzeiten oder auch bei Ereignissen wie Fußballspielen fährt auch der Sicherheitsdienst mit“, erzählt Badem. Wenn ein ertappter Schwarzfahrer sich nicht ausweisen könne oder allzu aggressiv reagiere, hole man die Polizei dazu. Manchmal meldeten sich bei Auseinandersetzungen auch Polizeibeamte in Zivil, die zufällig in der Bahn seien, etwa auf dem Weg zur Arbeit.

Dürfte es noch mehr Schutz sein? In diese Richtung wird derzeit viel diskutiert, auch wenn es als illusorisch gelten dürfte, dass die Bundespolizei ständig präsent ist. Badem und seine Kollegen würden sich nicht verweigern: „Je mehr man geschützt ist, desto besser.“

Die Stuttgarter S-Bahn ist ein eigener Kosmos. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Doch die negativen Erfahrungen will der 59-Jährige nicht zu sehr an sich heranlassen. „Mir persönlich macht das nichts aus. Wenn einer gereizt reagiert, kann es ja sein, dass er schlicht einen schlechten Tag hatte und dann eben versucht, das bei jemand anderem herauszulassen“, sagt er. Das dürfe man nicht zu schwer nehmen.

Und gelegentlich drückt der erfahrene Kontrolleur auch mal ein Auge zu. „Ich habe mal kurz vor dem Hauptbahnhof einen Mann kontrolliert, der hatte keinen Fahrschein. Als ich gefragt habe, warum, sagte er, dass er gerade aus dem Gefängnis entlassen worden sei“, erinnert sich Badem und schmunzelt. Er habe ihm daraufhin seinen Entlassungsbrief gezeigt. „Das war für mich dann okay, man muss auch mal menschlich vorgehen.“ Der Mann habe sich sehr dafür bedankt, dass er, kaum aus dem Knast raus, nicht gleich wieder Ärger wegen Schwarzfahrens bekommen hat.

Eine Frau droht mit Karate

Das geübte Auge des erfahrenen Prüfers erkennt ohnehin oft schon im Voraus, wo es gleich etwas zu diskutieren gibt. „An der Schwabstraße ist mal ein Mann im schicken Anzug eingestiegen, der hat uns gleich ganz nervös angeschaut. Als wir dann mit der Kontrolle begonnen haben, sagte er, das habe er schon geahnt.“ Eine Fahrkarte hatte er nicht – dafür Bargeld, mit dem er gleich die Strafe bezahlt hat.

Einmal, erinnert sich Badem, habe eine zierliche Dame nicht verstanden, was er von ihr wolle. „Die sagte, ich solle mich vorsehen, sie könne Karate. Da musste ich lachen.“ Ein Ticket hatte sie bei sich, also ging’s ohne Kampfkünste zu Ende. Bei aller Aggressivität: Solche Schmunzelmomente gibt es eben auch.