S-Bahn-Ausbau Region will die S 2 trotz Kostenexplosion

Von Alexander Ikrat 

Wenn alles glatt läuft, könnte die S 2 im Frühjahr 2021 erstmals in Filderstadt-Sielmingen und Neuhausen auf den Fildern einfahren Foto: Eppler / StN-Montage: Lange
Wenn alles glatt läuft, könnte die S 2 im Frühjahr 2021 erstmals in Filderstadt-Sielmingen und Neuhausen auf den Fildern einfahren Foto: Eppler / StN-Montage: Lange

Die Kosten der geplanten Verlängerung der S 2 von Bernhausen nach Neuhausen sind um mehr als ein Viertel auf 125 Millionen Euro gestiegen. Obwohl alle Partner hinter dem Projekt stehen, ist die Realisierung der 3,9 Kilometer langen Strecke nicht gesichert.

Stuttgart - Die Kröte, die der Chefplaner der Stuttgarter Straßenbahnen AG, Volker Christiani, den Beteiligten im Lenkungskreis kürzlich auf den Tisch legte, war nicht leicht zu schlucken. Die mit der Planung beauftragten SSB hatten die Kosten der S-Bahn-Verlängerung aktualisiert und quasi eine Explosion gezündet: Mittlerweile soll es 125 Millionen Euro und damit 33 Millionen mehr als bisher gedacht kosten, die Schnellbahn nach Sielmingen und Neuhausen zu bringen. Zum Zeitpunkt der ersten Bewertung im Jahr 2009 waren die Planer noch von 92 Millionen Euro für Planung und Bau ausgegangen. „Die Kostensteigerung ist nachvollziehbar“, sagt Christiani auf Anfrage unserer Zeitung, „weil wir tief in die Planung eingestiegen sind.“ Die 92 Millionen waren sozusagen am grünen Tisch mit pauschalen Werten für bestimmte Bauleistungen ermittelt worden.

Demnach war seither nicht absehbar, dass es allein zehn Millionen Euro mehr kostet, Kanäle und Leitungen zu verlegen und den Verkehr auf angrenzenden Straßen während der Bauzeit aufrechtzuerhalten. Sieben Millionen Euro Mehrkosten entfallen darauf, dass das Grundwasser höher ansteht als angenommen und dass die tiefer gelegte Trasse deshalb teilweise nicht nur Stützwände erhält, sondern in einen Betontrog gelegt werden muss. Fünf Millionen Euro entfallen auf ein Stellwerk, Signale und Weichen vor allem in Filderstadt, weitere fünf Millionen auf Lärm- und Erschütterungsschutz.

Da am 1. Januar der sogenannte Schienenbonus wegfällt, der Schienenstrecken weniger Lärmschutz abverlangt als Straßen, wird die Strecke auf den Fildern mehr Lärmschutzwände bekommen als bisherige Neubaustrecken. Alles in allem summieren sich die reinen Baukosten inzwischen auf 104 Millionen Euro. Mit den fortgeschriebenen Kosten für Planung, Projektmanagement, Gebühren und Versicherungen summiert sich das Ganze auf 125 Millionen Euro.

„Die Partner wollen das auch zu dem Preis auf jeden Fall machen“, berichtet Christiani von den Reaktionen. Neben dem Bund als Hauptzahler der Strecke (62,4 Millionen), sind dies das Land (20,8 Millionen), der Verband Region Stuttgart (27,8 Millionen), der Landkreis Esslingen (6,9 Millionen Euro) sowie die Stadt Filderstadt und die Gemeinde Neuhausen (jeweils 3,5 Millionen Euro). Das Projekt lohnt sich nach der üblichen Kosten-Nutzen-Rechnung immer noch: „Der Faktor sieht mit 1,1 gar nicht schlecht aus“, sagt Christiani. Bei der Rechnung, die einen Faktor von mindestens 1,0 ergeben muss, damit Geld aus Berlin fließt, gilt die S 2 als ein Paket zusammen mit der Verlängerung der Stadtbahnlinie U 6 von Fasanenhof-Ost zur Landesmesse.

Christiani glaubt nicht, dass das Ganze noch unter die magische Grenze rutschen könnte. „Mit den aktuellen Zahlen fühlen wir uns sicher“, sagt der SSB-Systemplaner. Das Problem der S 2 ist vielmehr die Bauzeit. War man Anfang des vergangenen Jahres noch davon ausgegangen, dass die Strecke 2019 fertig und sogar abgerechnet sein könnte, gehen die Planer inzwischen von einer Inbetriebnahme im März 2021 aus. Als Grund werden in einer Beratungsunterlage des regionalen Verkehrsausschusses für den kommenden Mittwoch „Verspätungen aus dem Prozess für die Unterzeichnung der notwendigen Verträge“ genannt. Unsere Zeitung hatte schon im Februar 2013 kommentiert, dass der Zeitplan unrealistisch sei.

Die Schwierigkeit an der Bauzeit ist, dass das Programm, aus dem das Bundesverkehrsministerium seinen Anteil bezahlen soll, Ende 2019 eingestellt wird. Eine Nachfolgeregelung hat sich die schwarz-rote Bundesregierung im Koalitionsvertrag zwar vorgenommen, sie ist aber noch nicht in Sicht.

Laut Volker Christiani fallen rund 49 Millionen Euro Baukosten nach dem 1. Januar 2020 an, von denen rund 29 Millionen Euro auf den Bund entfielen. „Die Partner hier sagen, dass sie das nicht übernehmen können“, sagt Christiani, „und das Land sagt das auch.“ Also hängt die Verwirklichung der S-2-Verlängerung davon ab, dass der Bund das Förderprogramm neu auflegt.

Die SSB sollen das Projekt nach einhelliger Meinung bis zur Baureife weiterplanen, die Beteiligung der Öffentlichkeit eingeschlossen. Das schlägt auch der Verband Region Stuttgart den Regionalräten des Verkehrsausschusses an diesem Mittwoch vor. Anfang 2017 soll die Baugenehmigung dann vorliegen. Wenn bis dahin nicht klar ist, dass der Bund die 29 Millionen auch noch berappt, fällt der Spatenstich wohl aus – und Sielmingen sowie Neuhausen schauen S-Bahn-technisch in die Röhre.

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