Stuttgart 21 wird längst gebaut – hier ein Blick in den Fildertunnel. Manche denken, das Projekt wäre womöglich doch noch zu stoppen. Zum Beispiel die Degerlocher Obenbleiber. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Degerlocher Obenbleiber sehen sich nicht zuvorderst als Verhinderer des Großprojekts, sondern auch als konstruktive Begleiter. Trotzdem halten sie es für ein realistisches Szenario, dass doch noch alles – aus ihrer Sicht – abgewendet wird.

Degerloch - Die Deutsche Bahn hat für die Stuttgart-21-Tunnel keine computergestützte Evakuierungssimulation für einen Brandfall durchgeführt – das hat jüngst das ARD-Politmagazin Report Mainz veröffentlicht. Damit greift die TV-Sendung genau das Thema auf, das die Gruppe Degerlocher Obenbleiber schon lange an die Öffentlichkeit bringen will.

 

Im Dezember 2019 haben die Degerlocher S-21-Kritiker eine Petition im Landtag eingereicht mit dem Namen „Stuttgart 21 – brandgefährlich“. Bis heute hat die Gruppe nach eigenen Angaben keine Antwort darauf bekommen, lediglich zu zwei Anhörungen im Landtag sei sie eingeladen worden. Dank dem Bericht von Report Mainz können die Degerlocher nun aber zumindest ein Ziel ihrer Petition abhaken: die Öffentlichkeit auf den ihrer Meinung nach mehr als mangelhaften Brandschutz bei S 21 aufmerksam zu machen.

Die Obenbleiber konzentrieren sich auf einen Punkt

Acht Seiten umfasst das Faltblatt, auf dem S-21-Kritiker die Mängel des Großprojekts, das längst in Form von Baustellen in und um die Stadt klafft, aufzählen. Die Degerlocher Obenbleiber konzentrieren sich seit einiger Zeit auf einen Punkt davon: den Brandschutz. „Daran kann man es am deutlichsten klar machen, weil die Leute bei vielen anderen Sachen sagen, das wird schon irgendwie klappen‘“, sagt Doris Zilger, „aber unter dem Brandschutz kann sich jeder etwas vorstellen und weiß, dass es passieren kann, dass Züge im Tunnel verunglücken“.

Das weiß auch die Deutsche Bahn und hat eine digitale Evakuierungssimulation gemacht. Allerdings – auch das veröffentlichte jüngst der Report Mainz – nur für ein sogenanntes Kalt-Ereignis, also zum Beispiel eine Entgleisung. Feuer und Rauch haben dabei keine Rolle gespielt. Derzeit sieht der Plan der Bahn im Notfall so aus: Es gibt zwei Tunnelröhren und alle 500 Meter einen Zwischenstollen, über den man in die zweite Röhre gelangen kann, die als Fluchtweg genutzt werden soll. „Die Leute müssen also im schlechtesten Fall erst einmal 250 Meter rennen, und das in sehr enger Umgebung“, sagt Michael Köstler von den Obenbleibern.

Die zweite Röhre sei zudem auch der Zugang für Rettungskräfte, sodass die Fahrgäste bei der Evakuierung aufpassen müssten, dass sie sich nicht mit Helfern in die Quere kommen. „Es müsste eigentlich eine dritte Röhre nur zur Entfluchtung geben und alle 100 Meter Zwischenstollen“, sagt Köstler. Ulrich Ebert ist der Techniker der Gruppe und fügt hinzu: „Eigentlich ist es heute Stand der Technik, dass man einen dritten Tunnel braucht.“

Wird Stuttgart 21 dann noch teurer?

Die Obenbleiber befürchten, dass S 21 wegen dieser Mängel am Brandschutz noch teurer werden wird. Die Gruppe sieht sich nicht zuvorderst als Verhinderer, sondern auch als konstruktiver Begleiter. Mit ihrer Petition zum Brandschutz verfolgt sie mehrere Ziele. „Primär geht es uns um die Sicherheit der Menschen“, sagt Doris Zilger, „ein Toter ist einer zu viel“. Außerdem möchte die Gruppe, dass die Öffentlichkeit regelmäßig eine belastbare Auskunft zum bestehenden Brandschutzkonzept und zu den tatsächlichen Kosten des Projekts bekommt.

Mit Alternativen beschäftigt sich die Arbeitsgruppe Umstieg 21

Und letztlich, ja, letztlich haben die Kritiker nicht abgehakt, dass sich das ganze Projekt vielleicht doch noch zum Wanken bringen lassen könnte. „Es kommt alles genauso, wie wir es sagen“, sagt Ulrich Ebert, „das Projekt wird nie in Betrieb gehen. Zumindest nicht so, wie es jetzt geplant ist“. Michael Köstler meint, solange es noch einen funktionierenden Kopfbahnhof gibt, könne man immer noch umsteigen. Es gebe auch Ideen, wie man die bereits bestehenden Bauwerke der S-21-Baustelle alternativ nutzen könnte. Mit diesen Alternativen beschäftigt sich die Arbeitsgruppe Umstieg 21. „Es gibt in der Geschichte einige Großprojekte, die vor Vollendung gestoppt wurden“, sagt Gerald Kampe von den Obenbleibern. Die Gruppe bleibt am Ball. Und sobald es die Coronasituation zulässt, wollen sie sich wieder monatlich treffen. Zu besprechen gibt es genug.