Die Bauarbeiten für eines der größten Bahnprojekte in Deutschland haben am Dienstag begonnen.
Stuttgart - Die Deutsche Bahn AG hat am Dienstag unter starken Sicherheitsvorkehrungen den Bau ihres Großprojekts Stuttgart 21 begonnen. Bahn-Chef Rüdiger Grube versprach vor 400 geladenen Gästen den "Dialog mit den Gegnern". 2000 demonstrierten mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert im Bahnhof.
Den Weg zum Festakt in der kleine Schalterhalle nutzte ein bekannter Gegner des auf 4,1 Milliarden Euro veranschlagten Infrastruktur-Neubaus zum Schaulauf: Der Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) schüttelte zehn Minuten vor dem auf 13 Uhr terminierten Festakt viele Hände.
Palmer, der in der Landeshauptstadt 2012 erneut als OB-Kandidat antreten will, munterte auf: "Das ist nicht unumkehrbar, es ist noch nicht vorbei", rief er den Gegnern den Tiefbahnhofs zu. Bahnhofs- und Streckenneubau seien auch in den nächsten zwei Jahren noch zu stoppen. "Das ist immer noch billiger, als weiterzumachen", glaubt Palmer, der nach seiner öffentlicher Bitte von Bahn-Chef Rüdiger Grube persönlich zum Baustart eingeladen worden war.
Grube aber ließ in der kleinen Schalterhalle keinen Zweifel daran, dass er mit dem Baustart vom bisherigen Dampfzug- aufs ICE-Tempo wechseln will. "Wir bauen nach unendlichen Diskussionen 121 Kilometer neue Strecke und drei Bahnhöfe. Wer das nicht will, den verstehe ich nicht", sagte Grube. Er wolle mit den Gegnern dennoch im Gespräch bleiben und sei zuversichtlich, dass der Kostenrahmen von maximal 4,5 Milliarden Euro mit Hilfe des erfahrenen Projektchefs Hany Azer nicht überschritten werde. Das Hauptgebäude des alten Bahnhofs bleibe erhalten, erinnerte Grube.
"Die junge Generation wird Danke sagen"
"Stuttgart 21 bleibt Chefsache", sagte Grube. Sollte es Probleme geben, "werden wir sie öffentlich machen", verspricht er Transparenz. Bisher nennt die Bahn allerdings noch nicht einmal einen neuen Zeitplan für die jeweiligen Bauabschnitte. Große Projekte, so Grube, "provozieren große Gefühle". Stuttgart 21 sei ein einmaliges Projekt. Grube: "Packen wir es an."
Stuttgart 21 und die auf 2,1 Milliarden Euro kalkulierte Strecke bis Ulm seinen ein "wichtiger Beitrag zur Stärkung der Schiene, für die wir gar nicht genug tun können", sagte der Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Stuttgart und der Weg nach Ulm bildeten bisher für den schnellen Schienenverkehr erhebliche Engpässe. Er habe während seiner Ausbildung zum Müller in Stuttgart viel Zeit im Hauptbahnhof zugebracht, so der promovierte Staatswissenschaftler. Angesichts erwarteter Zuwächse im Personen- und Güterverkehr sei der Ausbau hier zwingend, sagte Ramsauer. "Wir müssen diese Kraftanstrengung unternehmen."
Auch Ministerpräsident Günther Oettinger sieht das Projekt als alternativlos an. Die von den Gegnern favorisierte neue Trasse im Neckartal sei dort nicht durchsetzbar. "Heute ist ein großer Tag für den Süden", so der scheidende Regierungschef. Andere Länder beneideten Baden-Württemberg um das Projekt. An Grube gewandt regte Oettinger an, "die Kostenentwicklung in den nächsten Jahren offen zu legen". Das Land zahlt an Stuttgart 21 bis zu 930 Millionen und an der Strecke Wendlingen-Ulm einen Festbetrag von 950 Millionen Euro.
Für Stuttgarts OB Wolfgang Schuster und die Regionaldirektorin Jeanette Wopperer (beide CDU) ist Stuttgart 21 ein nachhaltiges, ja grünes Projekt. Man starte zwar "mit zehnjähriger Verspätung", so Schuster, könne aber für die Stadt nach 2019 Brachflächen für ein modellhaftes, 80 Hektar großes Stadtquartier samt 20 Hektar Park neu nutzen. "Ich lade die Gegner zum kritisch-konstruktiven Dialog über diese Chance ein", sagte Schuster. Die SPD im Gemeinderat fordert von ihm seit Monaten, den Dialog mit den Bürgern über die Gestaltung des Stadtquartiers zu führen. Für die gelernte Architekten Wopperer ist Stuttgart21 ein gelungenes Beispiel nachhaltiger Stadtentwicklung.
Alle Redner hievten zusammen mit dem Projektsprecher und SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Drexler zwischen den Bahnsteigen 5 und 6 eine Prellbock hoch. Der Zugstopper kommt allerdings nicht ins Museum, sondern wird beim Umbau des Gleisvorfelds verwendet. Bis Juli 2012 werden überwiegend nachts und an Wochenenden 15.300 Meter Gleise und 142 Weichen versetzt oder ausgebaut. Auf diese Weise können die heutigen Bahnsteige um 120 Meter vom Kopfbahnhof abgerückt und so die Baugruben für den Tiefbahnhof geöffnet werden.