Kaum Nachfrage nach G8: Mit dem G9-Modell hat das Gymnasium Rutesheim gute Erfahrungen gemacht. Foto: Simon Granville

Zehn Jahre nach Start des Modellversuchs gibt es für dessen Fortführung am Rutesheimer Gymnasium bei allen Beteiligten nach wie vor eine große Zustimmung.

 
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Im Landkreis Böblingen wird es wohl auch künftig ein Gymnasium geben, an dem Schülerinnen und Schüler nach neun Jahren das Abitur ablegen können, und nicht – wie sonst weithin üblich – nach acht Jahren. Der Gemeinderat von Rutesheim hat jetzt nahezu einstimmig bei einer Enthaltung beschlossen, beim Kultusministerium Baden-Württemberg einen entsprechenden Antrag zu stellen.

1997 ist das Gymnasium in der Robert-Bosch-Straße mit 136 Schülern an den Start gegangen. Inzwischen besuchen rund 1450 Jugendliche die Schule, darunter gut 1000, die von auswärts nach Rutesheim kommen. Zum Schuljahr 2004/2005 führte das Land Baden-Württemberg G 8 ein, also nach der Grundschule in nur noch acht anstatt bisher neun Jahren zum Abitur. Zum Ende des Schuljahres 2011/2012 legte dann der Doppeljahrgang G 8 und G 9 das Abitur ab.

Kaum Nachfrage nach G8

Inzwischen hatte das Kultusministerium den Schulversuch „Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur an den allgemeinbildenden Gymnasien“ entwickelt, an dem 44 der rund 300 Gymnasien im Land teilnehmen konnten. In Rutesheim waren sich die Schulkonferenz, die Gesamtlehrerkonferenz der Gemeinderat und die Stadt einig, dies zu tun und neben G 8 auch G 9 anzubieten. Das wurde vom Ministerium ab dem Schuljahr 2013/2014 bewilligt. Bei der Schulanmeldung für das Schuljahr 2012/2013 hätten rund 90 Prozent der Eltern erklärt, dass sie ihr Kind im Gymnasium Rutesheim für G 9 und nicht für G 8 angemeldet hätten, wenn das möglich gewesen wäre, schreibt der Erste Beigeordnete Martin Killinger in der Beschlussvorlage für den Gemeinderat.

Auch heute, zehn Jahre später, gebe es in Rutesheim von Seiten der Eltern so gut wie keine Nachfrage nach G 8, erklärte der Schulleiter Jürgen Schwarz auf Nachfrage. Derzeit besuchen rund 180 Kinder die fünfte Klassenstufe in sechs Parallelklassen. Damit seien die Kapazitäten voll ausgeschöpft, so Schwarz. Das Kultusministerium hatte schon 2012 mitgeteilt, dass der Schulversuch eine „Weiterentwicklung des Gymnasiums und nicht die Rückkehr zum früheren unverkürzten gymnasialen Bildungsgang“ sei. „Wir schaffen damit ein Angebot, das auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisses und Lernvoraussetzungen unserer Gymnasiasten ausgerichtet ist und ihnen größere Spielräume für außerschulisches Engagement, Familie und Freunde, für sportliche und musische Interessen eröffnet“, heißt es weiter.

Mehr Raum für Freunde, Sport, Freizeit

Diese Freiräume will das Rutesheimer Gymnasium auch künftig nutzen. Denn viele Schüler, Eltern und Lehrkräfte würden das G 8 mit jeweils über 30 Wochenstunden Unterricht in den Klassenstufen 5 bis 10, teilweise sogar 35 bis 37 Unterrichtsstunden objektiv als eine zu große Belastung sehen, erklärt Martin Killinger weiter. Für sinnvolle Freizeit- und Vereinsaktivitäten wie Sport oder Musik bleibe zu wenig Zeit.

Deswegen beantragt die Stadt als Schulträgerin in Abstimmung mit der Schule auch jetzt wieder die Fortführung des Modellversuchs in Rutesheim. Die erneute Verlängerung soll laut Kultusministerium zunächst bis zum Schuljahr 2028/2029 möglich sein. Laut Schulleiter Jürgen Schwarz hatte die Schulkonferenz einstimmig für die Fortführung des Modellversuchs gestimmt, die Gesamtlehrerkonferenz mit 93 Ja-Stimmen bei einer Gegenstimme.

Angebot nur von Eltern gewünscht?

Der Gemeinderat Fritz Schlicher (GABL) fragte bei der Behandlung des Themas in der jüngsten Sitzung des Gremiums, wie realistisch ein neunjähriges Gymnasium angesichts des derzeitigen Lehrermangels sei und ob es nicht vor allem die Eltern seien, die dies wollten. Derzeit läuft ein Volksbegehren für G 9, das von Elterninitiativen gestartet wurde. Die Bürgermeisterin Suanne Widmaier entgegnete, dass das G 9 nicht nur etwas sei, was sich die Eltern wünschten. Vielmehr mache diese Schulform Sinn, weil sie sich bewährt habe. „Wir müssen durch unsere Beschlüsse zeigen, wohin wir gehen wollen“, betonte sie. Martin Killinger sagte, die Stadt und die Schulgemeinschaft hätten damals aus guten Gründen den Antrag für die Teilnahme am G 9-Modellversuch gestellt. Es werde dort eine gute Arbeit gemacht. „Wir hoffen, dass auch in vier Jahren diese Schublade nicht zugemacht wird“, sagte er.