Der Bummel über die Rutesheimer Autoschau hat am Wochenende viele Familien angelockt. Foto: Hans Jörg Ernst

Der Automarkt verändert sich rasant. Bei der Rutesheimer Autoschau suchen Kunden Orientierung zwischen Verbrenner, Hybrid und Elektro – mit teils überraschenden Tendenzen.

Auf den ersten Blick sah vieles aus wie immer: Die Leonberger Straße war gesperrt, zwischen Altem und Neuem Rathaus reihten sich blank polierte Fahrzeuge aneinander, Besucher öffneten Türen, blickten in Kofferräume, setzten sich probeweise hinters Steuer. Dazwischen standen Fahrräder, kleine E-Mobile, Informationsstände und Menschen mit Kaffee oder Eis in der Hand. Die von der Leonberger Kreiszeitung veranstaltete Rutesheimer Autoschau blieb auch in ihrer 27. Auflage das, was sie seit Jahren ist – eine große Automeile mitten in der Stadt.

 

Doch in den Gesprächen über Farbe, Platzangebot und Ausstattung schwang diesmal eine andere Frage mit. Was kauft man denn, wenn sich der Markt gerade so grundlegend verändert? Verbrenner, Hybrid oder Elektro? Eine der in Deutschland etablierten Marken oder vielleicht einen der neuen Herausforderer aus China?

Besonders sichtbar wurde dieser Wandel beim Autozentrum Epple. Das Rutesheimer Autohaus führt seit November die chinesische Marke BYD. Für Geschäftsführer Jörg Epple war dieser Schritt folgerichtig. BYD dränge verstärkt auf den deutschen und europäischen Markt. Vor allem bei der Batterietechnik sieht er den Hersteller stark aufgestellt: BYD entwickle und produziere seine Batterien selbst, während andere Hersteller sie zukaufen müssten.

„Keine Billig-Alternative, sondern Erweiterung des Angebots“

Dass chinesische Autos schlechter verarbeitet seien, hält Epple für ein überholtes Vorurteil. Die Qualitätsanmutung sei inzwischen hochwertig. „Bei den größeren Fahrzeugen ist das schon Premium-Niveau“, sagte er. Das Interesse der Kunden habe ihn überrascht. BYD werde deutlich stärker angekommen, als er erwartet habe. Wichtig sei allerdings, dass Service und Ansprechpartner vor Ort vorhanden seien. Für Jörg Epple ist BYD keine Billig-Alternative, sondern eine Erweiterung des Angebots. Die Marke bringe neue Kunden ins Haus.

Nur wenige Meter weiter setzte Auto Epple aus Rutesheim auf Opel und Cupra. Chinesische Marken ins Portfolio aufzunehmen, sei derzeit kein Thema, sagte der Verkaufsberater Christian Schwenkkrauß. Man sei mit dem etablierten Angebot zufrieden. Auch er sieht die Nachfrage aber in Bewegung. Stark gestiegene Kraftstoffpreise hätten Hybrid- und Elektrofahrzeugen zusätzlichen Schub gegeben.

„Erschreckend gut“ sei die Qualität von BYD aus China, urteilen Annika und Markus aus Weissach. Foto: Hans Jörg Ernst

Ähnlich selbstbewusst klang es beim Autohaus Weeber aus Leonberg. Der Verkaufsberater Petros Koufalis sieht eine hohe Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, er verwies zugleich auf ein ausgewogenes Bild zwischen E-Auto und Verbrenner. Volkswagen habe mit seiner vollelektrischen ID-Modellfamilie alles richtig gemacht. Da sei alles dabei, vom kleineren Elektrofahrzeug über SUV-Modelle bis zum ID.7 Tourer. „Die Reichweiten liegen realistisch von 350 oder 400 bis zu 600 Kilometern“, so Koufalis.

Auch bei BMW und Mini war der Wandel am Stand sichtbar. Verkaufsleiter Michael Streicher vom Autohaus Müller beschrieb die Nachfrage klar in Richtung Elektro verschoben. Von zehn auf der Autoschau ausgestellten BMW-Modellen seien nur noch zwei reine Verbrenner, dazu vier Plug-in-Hybride und vier vollelektrische Fahrzeuge. Bei Mini war das Verhältnis noch klarer: Drei von vier ausgestellten Fahrzeugen sind rein elektrisch unterwegs.

Microcars aus China – in Italien bereits verbreitet

Trotzdem erklärte Streicher den Hybrid nicht für erledigt. Gerade für Kunden mit eigener Photovoltaikanlage und Wallbox bleibe er interessant. Moderne Plug-in-Hybride kämen elektrisch deutlich weiter als frühere Modelle, das gehe inzwischen in Richtung 100 Kilometer. Auch gebrauchte Elektroautos, etwa Leasingrückläufer, würden stärker nachgefragt. Für manche Kunden senkten sie die Einstiegshürde in die Elektromobilität.

Auch beim Autohaus Temiz & Hocke aus Höfingen setzte man mit KIA auf Elektroantrieb. Dass aber Elektromobilität längst nicht nur bei den großen Marken Thema war, zeigte ein kleiner Stand an der Leonberger Straße. Joachim Stickel, bekannt durch Joes Carwash, präsentierte kleine elektrische Fahrzeuge: Seniorenmobile, 45-km-Microcars und kleine Nutzfahrzeuge. Die Fahrzeuge stammten überwiegend aus China. Auf die Idee gekommen sei er im Urlaub in Italien, wo solche E-Mobile viel selbstverständlicher unterwegs seien.

BYD: „Erschreckend gut“, sagt ein Besucher

Bei den Besuchern zeigte sich die ganze Spannbreite der Stimmung. Manfred Rebmann äußerte sich skeptisch. Elektroautos allgemein und auch chinesische Fahrzeuge seien für ihn derzeit keine Alternative. „Ich sorge mich um den Autostandort Deutschland, wenn chinesische Hersteller den Markt mit subventionierten Elektroautos fluten.“ Anders klang Sebastian Völgele aus Rutesheim. Er war mit den Kindern unterwegs: Autos anschauen, etwas essen, über die Schau schlendern. Ein Autokauf steht bei ihm nicht an. Wenn es aber so weit wäre, ginge die Richtung für ihn klar zum Elektroauto. Chinesische Marken seien durchaus eine Alternative.

Rutesheimer Autoschau: ein Markt, der vieles gleichzeitig bietet

Am Stand des Autozentrums Epple betrachteten Annika und Markus aus Weissach einen BYD. Kurzfristig planen auch sie keinen Autokauf. Wenn es aber so weit wäre, käme für sie ein Elektroauto infrage. „Erschreckend gut“, sagte Markus beim Blick auf Verarbeitung und Anmutung. Für die heimische Autoindustrie sei das keine beruhigende Entwicklung.

So war die Rutesheimer Autoschau mehr als eine Fahrzeugausstellung mit Rahmenprogramm. Zwischen Altem und Neuem Rathaus zeigte sich ein Markt, der vieles gleichzeitig bieten will: elektrisch, bezahlbar, vertraut, modern und offen für neue Marken.