Zaber Taleb war mit seiner Familie zwei Jahre auf der Flucht. Foto: Bartek Langer

Der Freundeskreis Flüchtlinge hilft syrischen Familien. Diese erzählen bei einem Infoabend ihre Geschichte.

Rutesheim - Mehr als zwei Jahre ist Zaher Taleb mit seiner Frau und den beiden Kindern auf der Flucht gewesen, bevor die aus einem kleinen Ort nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus stammende Familie in Rutesheim ein neues Zuhause fand. Ihr beschwerlicher Weg führte sie über die Türkei, Algerien, Tunesien und Libyen. Am Ende erreichten sie nach einer zehnstündigen Überfahrt in einem überfüllten Fischerboot die Küste Italiens. Diese Strapazen nahm die Familie, die bis dahin ein sorgenfreies Leben führte, nicht ohne Grund auf sich. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien vor vier Jahren, der tausenden Menschen den Tod brachte und Millionen zur Flucht zwang, ging es ums nackte Überleben.

Ein Fakt, der bei der Flüchtlingsdebatte, die häufig auf die wirtschaftlichen Interessen der Zuwanderer reduziert wird, unter den Tisch fällt. „Daher ist es wichtig, dass den Menschen bewusst wird, welches Leid den Flüchtlingen widerfahren ist und was sie dazu getrieben hat, ihrem Land den Rücken zu kehren“, erklärte Manfred Momberger. Aus diesem Grund nahm er am Donnerstagabend die Zuhörer im Rutesheimer Bürgersaal auf eine fotografische Rundreise durch Syrien, um ihnen das Herkunftsland der Neuankömmlinge, aber auch die tragischen Entwicklungen näherzubringen – in der Hoffnung, das eine oder andere Vorurteil abbauen zu können. Er und seine Frau Karin besuchten das Land mit einer Reisegruppe im November 2010 – vier Monate vor Beginn des Bürgerkriegs.

Doch bei der vom Freundeskreis Flüchtlinge und dem Internationalen Frauentreff initiierten Veranstaltung ging es nicht nur ums Land, sondern auch um Leute. Gebannt hörten die Zuhörer im voll besetzten Bürgersaal zu, als die drei derzeit in Rutesheim lebenden Familien – drei weitere sollen in den nächsten Wochen eine Anschlussunterbringung in der Stadt beziehen – von ihrer abenteuerlichen Flucht erzählten. So unterschiedlich ihre Schicksale auch waren, eines eint sie: die Hoffnung auf ein friedliches Leben. In Deutschland, an dem sie, darüber herrschte Konsens, vor allem die Demokratie und die Bildungsmöglichkeiten schätzen. Leise Kritik kam derweil am mangelnden Interesse einiger Erwachsener an einem Deutschkurs der Stadt auf, der zweimal pro Woche angeboten wird. Doch allem voran brannte den Bürgern unter den Nägeln, welche Möglichkeiten es gibt, den Flüchtlingen zu helfen.

Die Flüchtlingshilfe nimmt in Rutesheim ohnehin einen hohen Stellenwert ein. Etwa 30 Ehrenamtliche leisten in Abstimmung mit der Stadt im neu geschaffenen Freundeskreis Flüchtlinge humanitäre Arbeit. Mehrere Arbeitsgruppen haben sich gebildet, die verschiedene Angebote betreuen. Eine davon verantwortet die Patenschaften. „Alle syrischen Familien haben einen Paten, der sie ganz intensiv begleitet“, erklärte Manfred Momberger, einer der Engagierten, und merkte an: „Derzeit haben wir mehr Hilfswillige als Hilfesuchende.“

Die große Hilfsbereitschaft unter den Bürgern hatte sich schon bei einer Informationsveranstaltung der Stadt im vergangenen November abgezeichnet. Deren Ziel war es, ehrenamtliche Helfer für die Inte­gration der Neuankömmlinge zu gewinnen. Zahlreiche Rutesheimer stellten sich damals zur Verfügung. „Inzwischen haben wir sogar Anfragen von außerhalb der Stadt“, sagte Natascha Bauer, die im Rathaus für die Asylbetreuung zuständig ist. Hilfe sei vor allem bei den alltäglichen Dingen nötig. „Dass sie bei Problemen den Frauenarzt konsultieren sollten, das kennen viele Frauen gar nicht“, berichtete Bauer, die jene Maßnahmen „solide Lebensberatung“ nennt. Ein großes Augenmerk liege auch auf der Organisation verschiedener Projekte. „Flüchtlinge, die handwerklich begabt sind, können beispielsweise bei Wohnungsrenovierungen mit anpacken“, sagte sie.

Wenn es Arbeit gebe, sei Zaher Taleb stets zur Stelle, berichtete der Hausmeister der Stadt, der gemeinsam mit dem 34-Jährigen regelmäßig in städtischen Gebäuden nach dem Rechten sieht. Sobald seinem Asylantrag entsprochen werde, möchte er auf eigenen Füßen stehen, sagte der Neu-Rutesheimer. Und als studierter Ingenieur hat er in der hiesigen Wirtschaftsregion dazu auch beste Karten.

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