Das Repertoire der beiden Künstler reicht von Klassik über Pop bis Chanson. Foto: factum/Bach

Obertöne, Harfe und Gitarre: „The Lady and The Cat“ geben in der Rutesheimer Schultunrhalle ein Konzert der ganz besonderen Art. Das Publikum staunt über die Töne aus einer anderen Welt.

Rutesheim - Bittere Kälte kriecht trotz bevorstehenden Frühlingsanfangs den Konzertbesuchern unter den Mantel, als sie zum Konzert unterwegs sind. Dann auf der Bühne eine ungewöhnliche Dekoration: ein abgeschabter Ohrensessel, der schon bessere Tage erlebt hat, und eine Stehlampe mit Fransen von Uroma. Und ungewöhnlich sollte der ganze Abend in der Schulturnhalle weitergehen.

Anna-Maria Hefele, die „Lady“, aus bayrischer Instrumentenbauerfamilie, hat nicht nur eine klassische Gesangsausbildung am renommierten Mozarteum in Salzburg absolviert und beherrscht Harfe, Ukulele und Nyckelharpa – sie kann etwas ganz Außergewöhnliches: Sie singt allein mehrstimmig. Eine ausgefeilte Obertontechnik macht’s möglich! Karlheinz Stockhausen hat einst in der Neuen Musik auch schon mit Obertönen experimentiert.

Die Obertöne entstehen, so weiß ein Teilnehmer von Hefeles kürzlich angebotenem Workshop zu berichten, im Rachenraum und mit Hilfe der Zunge. Der Körper dient dabei als Resonanzboden, ähnlich wie bei der Geige.

Großes Repertoire – Klassik, Pop, Chanson und Folklore

Begleitet wird die graziöse Sängerin in schwarzem Kleid, Hut und Riemensandaletten von Jan Henning, der „Cat“, Gitarrist und Musikproduzent mit Zweitwohnsitz in Los Angeles. Er gilt als einer der vielseitigsten und innovativsten Gitarristen der L.A.-Szene. Er spielt einen sechssaitigen Piccolo-Bass in Baritonstimmung, wobei auch er Obertöne erzeugen kann. Mit seiner Technik des „two-hand-clapping“ produziert er auch Töne ausschließlich am Griffbrett der Gitarre. Beide Musiker spielen erst seit einem Jahr zusammen. Bei einem Radiotermin des SWR war ursprünglich ein Trio geplant – der dritte Mann kam nicht – und so wurde kurzerhand ein Duo daraus, das seither europaweit auf Tour ist. Skandinavien, Österreich, Italien – und jetzt die Deutschland-Premiere in Rutesheim, was das überaus rührige Kulturforum mit Inge Burst ermöglicht hat.

Das Repertoire der beiden Ausnahmekünstler reicht von Klassik über Pop und Chanson bis zur Folklore. Die Vielseitigkeit des Duos, die ungewöhnliche Besetzung (Harfe und Gitarre) und die besondere Obertontechnik sind das Alleinstellungsmerkmal der beiden. Nach dem Auftakt mit einem Gitarrensolo folgt zuerst ein traditionelles Stück aus Wales, danach eine australische Komposition. Die Obertöne klingen hier ein bisschen wie ein Didgeridoo. Dann kommt eine Art Geige mit Klaviatur, die Nyckelharpa, zum Einsatz.

Ein besonderer Abend für Kenner und Liebhaber

Die Sängerin hat auch ein Lied Hildegard von Bingens für Obertongesang umgeschrieben: Hier wird besonders die spirituelle Dimension der besonderen Technik deutlich. Es sind Töne wie aus einer anderen Welt. Auch bei einem romantischen Stück füllen perlende, irgendwie überirdische Töne den Raum – und das Publikum staunt. Mal metallisch-vibrierend, mal klirrend, dann wieder zart schwebend und groovy swingend interpretiert Anna-Maria Hefele Gershwins „Summertime“.

Auch Mozarts Frühlingslied „Komm lieber Mai und mache“ hört sich in der Bearbeitung der beiden Künstler bizarr an: Der Oberton klingt hier wie eine Vogelstimme, was sicher auch beabsichtigt ist. Natürlich hat die Sängerin auch einen echten Jodler auf Lager, der aber aus der Volksmusikecke verscheucht worden ist und ganz anders klingt. Zum Schluss ertönt das elegische „Over the Rainbow“ und das verblüffte Publikum entlässt die Künstler erst nach einer Zugabe.

Es war ein Abend der besonderen Art: für Kenner und Liebhaber (die im Workshop selbst Obertöne gelernt haben) und für Neugierige, die etwas ganz Außer­gewöhnliches erleben wollten.

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