Rutesheim Beckham, Hahn und Star-Allüren

Von Bartek Langer 

Willi Burger sorgte für einen reibungslosen Ablauf bei der WM 2006. Foto: factum
Willi Burger sorgte für einen reibungslosen Ablauf bei der WM 2006. Foto: factum

Willi Burger aus Rutesheim hat als Sicherheitschef der Fifa bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Stuttgart nach dem Rechten geschaut. Dabei musste er so manche brenzlige Situation entschärfen – zum Beispiel mit Victoria Beckham.

Rutesheim - Wenn Willi Burger am Samstagabend beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana in seinem Wohnzimmer die Füße hoch legt, dann wird es nicht lange dauern, bis sein Blick zwischen der Seitenauslinie und der Zuschauertribüne landet. Denn sein Interesse gilt weniger der Aufstellung auf dem Spielfeld, als jener am Spielfeldrand. „Wer nicht im Besitz einer entsprechenden Berechtigung ist, hat dort unten nichts zu suchen“ betont der Rutesheimer. Dass ihn Fragen umtreiben, für die das gemeine Fußballvolk nach dem Anpfiff nichts übrig hat, erklärt sich mit seiner früheren Funktion im Dienst des Fußballverbandes Fifa: Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland schaute der heute 75-Jährige als ehrenamtlicher Sicherheitschef am Spielort Stuttgart nach dem Rechten.

Vier Wochen lang oblag Burger, dem rund 1000 Sicherheitskräfte unterstanden, die Hoheit über alle sicherheitsrelevanten Abläufe in der und um das Gottlieb-Daimler-Stadion. „Die Fifa war während des Turniers der Inhaber des Hausrechts“, erklärt der 75-Jährige, der während eines von der Bundesregierung ausgearbeiteten nationalen Sicherheitskonzeptes eingesetzt wurde, das auch die Mitwirkung der Polizei und des Katastrophenschutzes einschloss. Der Rutesheimer hatte das letzte Wort, wenn es um die Gewährleistung und Sicherheit im Stadionbereich, die Sicherheitskontrollen und auch die Erteilung von Stadionverboten ging.

Wenn der 75-Jährige in dem dicken Aktenordner mit den drei bunten Kringelgesichtern des WM-Logos vorne drauf blättert, dann kommen die Bilder von einst wieder auf. „Eigentlich wollte ich das gar nicht machen“, erinnert er sich. Doch dann sei der Innenminister Wolfgang Schäuble höchstpersönlich an ihn herangetreten. „Die Bundesregierung schlug der Fifa vor, pensionierte hochkarätige Polizeibeamte als Sicherheitsbeauftragte zur Verfügung zu stellen“, erklärt der Rutesheimer. Dass ihm das Ehrenamt als Fifa-Sicherheitschef nahe gelegt wurde, kam nicht von ungefähr. Burger stand über 40 Jahre im Dienst der Polizei. Er war Referent im Stab des Inspekteurs für Einsatz und Organisation, bevor er die Schutzpolizei in Stuttgart leitete und bis zu seiner Pensionierung mehrere Jahre als Inspekteur tätig war.

Wembley-Rasen in Baden-Baden

Sechs Partien, davon auch das Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Portugal, gingen in Bad-Cannstatt ohne Zwischenfälle über die Bühne. „Stuttgart hat sich bei dem Turnier großartig verkauft“, betont Burger, der trotz permanenter Anwesenheit am Rasen nicht einmal den aktuellen Spielstand vernahm. Denn über mangelnde Arbeit durfte er sich nicht beschweren und nicht selten musste er den ein oder anderen Sonderwunsch erfüllen. „Es gab Mannschaften, die sehr unauffällig waren, doch die Anspruchsvollsten waren die Engländer“, erzählt der Rutesheimer, dem die Star-Allüren der Kicker über den täglich herausgegebenen Lagebericht zu Ohren kamen. „Für ihren Trainingsplatz in Baden-Baden ließen sie schon mal original Wembley-Rasen aus der Heimat einfliegen“, berichtet der 75-Jährige, der die Fußballer auch gewähren ließ, als sie sich entgegen des Protokolls gleich mit zwei Bussen in Richtung Stadion aufmachten.

Mit nur einem Bus, dafür aber zu spät, reisten die Franzosen an und stellten den Zeitplan auf den Kopf. „Der Platz im Ausstiegsbereich am Stadion war begrenzt, deswegen konnte die Polizei nicht beide Busse gleichzeitig abfertigen“, erklärt Burger. Der Gegner Schweiz bahnte sich zwar mit Polizeischutz, doch ohne Blaulicht den Weg durch den dichten Verkehr der Landeshauptstadt, berichtet Burger, den der Schweizer Mannschaftsführer nach der Ankunft zur Rede stellte und ob der vermeintlichen Ungleichbehandlung Beschwerde einlegte.

Sonderbehandlung für Frau Beckham

Doch es waren weniger die Spieler, als die Spielerfrauen, die den Sicherheitschef auf Trab hielten. Allen voran: Victoria Beckham, die einstige Sängerin der „Spice Girls“ und Frau von Starkicker David Beckham. „Frau Beckham hatte an jedem Spielort einen Raum für ihre Kinder verlangt, um mit ihnen zu spielen, bevor sie auf die Tribüne ging“, berichtet Burger. Außerdem habe es die Britin nicht einsehen wollen, in einem gemeinsamen Bus mit den anderen Spielerfrauen anzureisen. „Stattdessen kamen sie und ihre Leibwächter mit einem Privatwagen ins Stadion“, erzählt Burger, der auch Rat wusste, als sich Beckham weigerte, ihren Platz neben den anderen englischen Spielerfrauen einzunehmen. „Schließlich erfreute sich ein deutscher Fußballfan an der feinen Damengesellschaft, während sie im Gegenzug seinen Platz bekam“, so der 75-Jährige grinsend.

Stadionverbot für gallisches Huhn

Weitaus unkomplizierter waren laut Burger hingegen die Fußballfans. „Zwar wollte eine Schweizer Fangruppe mit einer überdimensionalen Kuhglocke ihre Mannschaft anfeuern und die Franzosen waren drauf und dran, ein lebendiges gallisches Huhn auf die Tribüne zu setzen, doch das Verbot nahmen sie ohne Widerworte zur Kenntnis“, erinnert sich der Rutesheimer, der indes ein Auge bei jenen Fans zudrückte, die Kartenfälschern aufgesessen waren. „Den Sitzplatz gab es zwar nicht mehr, doch wir konnten die Fans noch im Stadion unterbringen“, so Burger, der sich bei seiner Arbeit stets dem WM-Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ verpflichtet fühlte. „Wir wollten einfach gute Gastgeber sein!“

Bei der Austragung der Spiele hat die Fifa alles bis ins kleinste Detail geplant. Welche bizarren Ausmaße dies bisweilen annahm, das musste Burger auch am eigenen Leib erfahren, der wie alle anderen hochrangigen Funktionäre eine strikte Kleiderordnung einzuhalten hatte. „Ein dunkelblauer Anzug, ein blaues Hemd sowie eine orangeblaue gestreifte Krawatte waren Pflicht“, berichtet der 75-Jährige. Als wäre das nicht genug, waren auch noch der Anlass und die Tageszeit maßgeblich. „An spielfreien und heißen Tagen durfte ich ein blaues kurzärmliges Hemd mit dunkelblauer Hose ohne Jacke tragen, an Spieltagen waren Krawatte und eine Jacke vorgeschrieben“, erzählt der Rutesheimer, der sich bis 18 Uhr mit braunen Schuhen und braunen Gürtel zeigen musste, während er abends schwarze Schuhe und einen schwarzen Gürtel aus dem Schrank holte.

Auch die strengen Sponsoren-Richtlinien machten dem Sicherheitschef ein ums andere Mal zu schaffen. „Das gesamte Stadiongelände musste komplett frei sein von Fremdreklame, Werbemaßnahmen standen nur den offiziellen Partnern zu“, erklärt der Rutesheimer, der schon mal in den beiden an der Mercedesstraße befindlichen Gaststätten sämtliche mit dem Logo des Stuttgarter Hofbräus versehenen Gläser aus den Regalen entfernen ließ.

Wo landet der Kaiser?

Außerdem mussten die Sterne auf den Mercedes-Bussen, die die Mannschaften vom Hotel zum Stadion transferierten, überklebt werden. „Der Sponsor Hyundai stellte zwar den Fuhrpark, aber er hatte keine eigenen Busse“, erklärt Burger, dem das Sponsoring spätestens dann den letzten Nerv raubte, als er sich nach einem alternativen Hubschrauberlandeplatz für Franz Beckenbauer und Co. umsehen musste. „Der Kaiser wurde von einem privaten Unternehmen geflogen, dem das Landen aber auf dem Landeplatz der Polizei am Stadion nicht erlaubt war“, berichtet Burger, der auf dem benachbarten Daimler-Werksgelände fündig wurde. Doch als man bei dem Automobilhersteller davon Wind bekam, dass die Prominenz in Untertürkheim in Hyundai-Autos chauffiert werde, sei ihnen das Lachen schnell vergangen. Burger musste sich direkt an den Daimler-Chef Dieter Zetsche wenden, der schließlich ein salomonisches Urteil fällte: „Untertürkheim ist die Wiege des Automobils, wir heißen Hyundai zu Hause willkommen!“, lautete seine Antwort.

Auch wenn er als Sicherheitschef nicht selten an seine Grenzen stieß, das Ehrenamt habe sein Leben bereichert. „Der gute Geist innerhalb des Organisationskomitees bewegt mich bis heute“, sagt der 75-Jährige, der trotz einer erfolgreichen Zusammenarbeit nicht mit Kritik an der von Skandalen gebeutelten Fifa spart. „Der Sport und auch alle die dahinter stehen, haben eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft, Korruption muss mit allen Mitteln bekämpft werden“, fordert er.

Dass die DFB-Elf am Samstag in ihrem zweiten Vorrundenspiel gegen Ghana einen guten Job machen werde, davon ist Willi Burger überzeugt. Gleiches erwartet der Rutesheimer übrigens auch von seinen Nachfolgern in dunkelblauen Anzügen und mit orangeblauen Krawatten, die er am Spielfeldrand nicht aus den Augen lässt.

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