Wladimir Putin hat sich und sein Land in eine ausweglose Situation manövriert. Foto: Uncredited/Russian Presidential

Die Russen wollen ein Ende des Krieges – aber nicht um jeden Preis, sagt Jens Siegert. Der Russland-Kenner nennt drei Szenarien, wie es weiter gehen könnte.

Wladimir Putin habe sich und sein Land in eine Situation gebracht, aus der es kaum ein zurück gibt, sagt der ehemalige Leiter der Böll-Stiftung in Moskau, Jens Siegert.

 

Herr Siegert, als Sie in Moskau gelebt haben, hatten Sie auf Ihrem Blog Jahrelang die gleichen einleitenden Worte: „Russland ist keine Demokratie, aber auch keine Diktatur“, hieß es da. Was würden Sie heute schreiben?

Russland ist eine Diktatur. Ich hatte gehofft, dass das Land auf dem Weg ist, ein ganz normaler Nationalstaat zu werden. Aber das hat nicht geklappt.

Wann kam der entscheidende Schritt in die falsche Richtung?

Da gibt es nicht einen einzelnen Schritt. Das ist eher eine Kette von Entscheidungen, die immer mehr in diese Richtung gehen. Und es ist nicht einmal klar, ob das eine eher situative Angelegenheit ist, oder ob es ein lange geplantes Vorgehen war. Die Ursünde liegt im Oktober 1993, als Präsident Jelzin auf das Parlament schießen ließ.

Jens Siegert Foto: privat

Das ist aber schon sehr lange her...

Wenn ich das sage, dann sage ich das mit dem Wissen von heute. Nicht mit dem Wissen von vor zehn oder 20 Jahren. Die nächste Sünde war natürlich der Tschetschenien-Krieg. Das Imperium war verloren, aber das war ein Krieg, um das Kolonialreich zu retten. Eines der Grundprobleme in Russland ist heute, dass der Verlust des Imperiums nicht verwunden ist, und die Existenz eines Kolonialreiches tabuisiert wird.

Reden wir jetzt über die Gedankenwelt von Wladimir Putin?

Nicht nur. Das ist ein breites russisches Empfinden. Putin und das Volk sind in diesem Punkt wie korrespondierende Röhren. Der Bedeutungsverlust Russlands in den 90er Jahren hat zu einer tiefen Kränkung geführt, die hält an. Barack Obama hat Russland 2014 als Regionalmacht bezeichnet. Das weiß in Russland jedes Kind und ist empört.

Bedeutet das, dass die Menschen den Krieg im Grundsatz gut finden, weil das Land Stärke zeigt?

Die Grundstimmung ist inzwischen, dass der Krieg zu Ende sein sollte. Aber nicht; dass der Krieg um jeden Preis zu Ende sein sollte. Man will, dass sich das alles gelohnt hat.

Welche Rolle spielen dabei die westlichen Sanktionen ?

Jeder, der sich mit Sanktionen beschäftigt, hat gewusst, dass Sanktionen nichts beenden werden, sondern nur die Kosten hoch treiben.

Das war das Ziel: die Kosten werden so hoch, dass sich Russland den Krieg nicht mehr leisten kann. Wann ist es so weit?

Das Jahr 2025 war das wirtschaftlich beste Jahr für Russland seit 2013.

Wegen der Kriegswirtschaft?

Die spielt eine entscheidende Rolle. Im Schnitt sind die Reallöhne gestiegen, die Menschen haben mehr im Geldbeutel. Das hat mehrere Gründe. Die Rüstungsbetriebe haben auf Dreischichtbetrieb umgestellt, sieben Tage in der Woche. Dafür hat es viele Arbeitskräfte benötigt, die werden gut bezahlt, und das zieht das gesamte Lohnniveau nach oben. Und auch wer in den Krieg zieht, bekommt viel Geld. Für einen Einjahresvertrag bei der Armee gibt es bis zu 50 000 Euro Handgeld. Das ist in den meisten russischen Regionen ein Haus. Der Sold liegt beim drei bis vierfachen des Durchschnittsgehaltes. Aber diese Sonderkonjunktur ist jetzt wahrscheinlich vorbei. Man rechnet 2026 mit einer Rezession.

Welchen Weg sehen Sie, den Krieg zu beenden?

Die Ukraine muss den Krieg gewinnen. Sie muss militärisch so stark werden, dass Russland bereit ist zu verhandeln. Und die Ukraine muss die besetzten Gebiete behalten.

Könnte Putin das gegenüber den Russen rechtfertigen?

Wahrscheinlich nicht. Das ist das Dilemma, in das Putin uns hineingebracht hat. Dieses Vorgehen hat Methode. Er hat sich selbst in eine Situation gebracht, aus der es kein Zurück gibt. Das gilt nicht nur für ihn, sondern auch für fast alle um ihn herum.

Selensky kann nicht nachgeben, Putin kann nicht nachgeben. Was nun?

Solange Putin da ist, wird sich nichts ändern.

Was passiert, wenn er weg ist?

Das kommt darauf an, wann das der Fall sein wird und wie es passiert. Es gibt im Grunde drei Szenarien. Entweder kommt jemand, der einfach so weiter macht wie Putin. Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass Russland weiter zerfällt. So ähnlich wie in der Zeit der Wirren, Ende des 16. Jahrhunderts. Damals war 15 Jahre nicht klar, wer die Macht hatte. Das war ein großes Chaos, und Putin spielt heute genau mit der Furcht davor. Diese Angst, dass Russland zerfallen könnte, wenn es nicht siegt, ist aktuell seine wirkmächtigste Rechtfertigung für den Krieg.

Und die dritte Möglichkeit?

Nach dem Ende von Putin gewinnt eine Gruppe die Oberhand, die die gegenwärtige Konfrontation mit dem Westen als schlecht für Russland ansieht. Aber selbst Optimisten wie ich halten das für immer unwahrscheinlicher.

Einen Kronprinzen gibt es nicht. Wer könnte als Nachfolger eine Rolle spielen?

Ich könnte jetzt Namen nennen, die im System einen gewissen Einfluss haben. Den ehemalige Geheimdienst- und Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew zum Beispiel. Aber der ist ähnlich alt wie Putin. Wer jünger ist, hat nicht annähernd die Statur – und die Technokraten im System sind politisch unbeleckt, sie kennt zudem kaum jemand. Aber wer hat damals schon an Putin gedacht, als sich die Zeit von Boris Jelzin dem Ende genähert hat? Den kannte auch so gut wie niemand. Grundsätzlich: Jeder, der sich hervorwagt, wäre augenblicklich verbrannt.

Das Gespräch führte Christian Gottschalk