Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un unterstützt Russland in großem Stil im Krieg gegen die Ukraine. Für Kiew wird es schwer, dagegen zu halten.
Die Offensive, mit der die Ukraine im vergangenen Sommer die russischen Angreifer aus ihrem Land werfen wollte, ist gescheitert. Vor allem aus zwei Gründen: Europa lieferte statt der zugesagten eine Million Artilleriegranaten gerade einmal 300 000. Hingegen unterstützt der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un den russischen Machthaber Wladimir Putin im großen Umfang: Mittlerweile soll nach einer Schätzung des britischen Geheimdienstes etwa die Hälfte der in der Ukraine von Russland verschossenen Munition aus Nordkorea kommen. Und: Trotz aller westlichen Sanktionen hat Russland seine Wirtschaft auf Krieg umgestellt.
Wie unterstützt Nordkorea Russland im Ukraine-Krieg?
Im vergangenen September reiste Nordkoreas Kim Jong Un mit dem Zug ins russische Wladiwostok. Dort vereinbarte er mit Putin, dass er im Austausch für Getreide, Gas und Erdöl aus Russland dessen Streitkräfte mit Millionen von Artilleriegranaten und -raketen, Luft-Boden- und Boden-Boden-Raketen versorgen werde. Zudem sicherte Kim zu, er werde in Nordkorea in Lizenz gebaute russische Artilleriesysteme liefern.
Dem in sozialen Netzwerken verbreiteten Bericht eines dem Kreml nahe stehenden russischen TV-Senders nach habe Kim zudem angeboten, bis zu 100 000 nordkoreanische „Freiwillige“ sowohl für Arbeits- wie auch Kampfeinsätze auf russischer Seite zur Verfügung zu stellen. Offizielle russische Stellen verneinen dies – wie bei allen Meldungen über Unterstützungen anderer Länder für Russland. Meldungen, dass sich bereits nordkoreanische Freiwillige in der Ukraine befänden, haben sich als falsch erwiesen. Zudem erhält Russland Raketen und Drohnen aus dem Iran.
Wie läuft die nordkoreanische Unterstützung für Russland?
Bereits im vergangenen Oktober, so die New York Times mit Verweis auf Satellitenfotos von US-Geheimdiensten, schickte Nordkorea etwa 1000 Schiffscontainer mit Ausrüstung und Munition nach Russland. Die Denkfabrik „Zentrum für strategische und internationaler Studien“ in der US-Hauptstadt Washington präsentierte eigene Satellitenbilder, die seit dem Treffen der beiden Diktatoren im September ein noch nie dagewesenes Ausmaß an Güterwaggons in der nordkoreanischen Eisenbahnanlage Tumangang an der Grenze zu Russland zeigen. Die Bilder aus dem All zeigen zudem mindestens drei russische Frachtschiffe, die seit Oktober mindestens fünf Mal zwischen dem nordkoreanischen Hafen Rajin und der geheimen russischen Hafenanlage in Dunai im Fernen Osten Russlands unterwegs waren.
Wie lange reicht die in einen Schiffscontainer passende Artilleriemunition?
Nach den Berechnungstabellen der Nato passen in einen Schiffscontainer etwa 300 bis 350 Artilleriegranaten. Alleine im Oktober dürfte Russland also aus Nordkorea etwa 300 000 bis 350 000 Schuss Munition bekommen haben. Täglich verschießt die russische Artillerie etwa 10 000 bis 12 000 Schuss mit Kanonen und Haubitzen auf den Schlachtfeldern in der Ukraine. Die Munition würde also für etwa einen Monat reichen. Etwa 3000 Granaten verschießen hingegen ukrainische Artilleristen täglich.
Wie wirken die westlichen Sanktionen gegen Russland?
Nach Schätzungen der finnischen Denkfabrik „Zentrum für Forschungen zu Energie und sauberer Luft“ (Centre for Research on Energy and Clean Air) haben die weitreichenden Wirtschaftssanktionen den Einnahmen Russlands aus Energieexporten kaum geschadet. Die Analysten kommen zu dem Ergebnis, dass Russland 2023 alleine in den ersten sechs Monaten nach der Invasion im Februar 158 Milliarden Euro aus den steigenden Preisen für fossile Brennstoffe eingenommen hat. Mehr als die Hälfte der Einnahmen seien dabei aus der EU gekommen.
Hat Russland seine Wirtschaft auf Krieg umgestellt?
Moskau hat seine heimische Raketenproduktion über das Niveau vor der Invasion von 2022 hinaus ausgebaut. Statt etwa 40 Raketen im Monat würden die Firmen jetzt mehr als 100 produzieren. Putin machte die Rüstungsproduktion zu einer Priorität Russlands. Die Verteidigungsausgaben für 2024 erhöhte er auf fast 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, bereits 2023 waren sie von 2,1 auf 3,9 Prozent gestiegen. Im vergangenen November erklärte Russlands größter Waffenhersteller, das staatliche Unternehmen Rostec, dass die Produktion für verschiedene Waffentypen um das Zwei- bis Zehnfache gestiegen sei.
Woran scheiterte die ukrainische Gegenoffensive 2023?
Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich, dass die ukrainische Gegenoffensive von August bis Oktober scheiterte. Vor allem der Mangel an Artilleriemunition führte dazu, dass die Brigaden die russischen Verteidigungslinien entlang der gut 800 Kilometer langen Front nicht durchbrachen. Eine russische Verteidigungslinie ist bis zu 30 Kilometer tief mit Minenfeldern, Schützengräben, Stacheldraht- und Panzerhindernissen sowie Bunkern gespickt. An den meisten Stellen der Front gibt es drei solcher Verteidigungslinien.
Angreifer tarnen zunächst die eigenen Truppen, indem sie Nebelwände verschießen. Dann soll intensives Artilleriefeuer den Gegner so in Deckung zwingen, dass er nicht mehr auf den Angreifer schießt. Erreichen die Angriffsspitzen die russischen Grabensysteme, riegeln sie eigentlich die mit Kampf- und Schützenpanzern vorgetragenen russische Gegenangriffe mit eigenem Artilleriefeuer ab. Die ukrainische Artillerie konnte das aus Munitionsmangel allenfalls teilweise gewährleisten.
Warum konnten russische Kampfhubschrauber auf die Ukrainer feuern?
Der für die Abwehr von Kampfhubschraubern und Erdkampfflugzeugen vorgesehenen deutschen Flugabwehrpanzer Gepard werden vielerorts in der Ukraine zum Schutz von Städten wie Kyjiw und Charkiw eingesetzt. Er steht also den Verbänden gar nicht zur Verfügung, um sie auf dem Gefechtsfeld zu schützen. Ukrainische Soldaten versuchten deshalb russische Kampfhubschrauber vor allem mit den Bordmaschinenkanonen der deutschen Schützenpanzer Marder und der amerikanischen Bradleys-Panzer zu bekämpfen.