Präsident Putin bei der Stimmabgabe in einem Moskauer Wahllokal Foto: dpa

Wladimir Putin bleibt bis 2024 Präsident. Damit hat Russland den alten Präsidenten zum neuen gemacht. Es ist keine Neuigkeit. Der ausgefeilte Druck des Systems funktioniert.

Moskau - Alexej hat nicht gewählt, auch Andrej nicht. Irina blieb der Urne ebenfalls fern. „Warum auch hingehen“, fragen sie sich. „Alles ist entschieden.“ Mit 76,67 Prozent gewinnt Putin die Wahl, teilt die Zentrale Wahlkommission am Montag nach Auszählung von 99,8 Prozent der Stimmzettel mit. Es sind mehr als neun Prozent mehr Zustimmung als bei den Wahlen vor sechs Jahren. Die Wahlbeteiligung soll bei rund 67 Prozent liegen. 70 Prozent waren vom Kreml in diesem als Wahl bezeichneten Referendum über den Amtsinhaber gewünscht.

„Putin hat uns von den Knien erhoben, hat Russland aus dem Dreck geholt, zu dem gemacht, was wir heute sind: Ein Land, vor dem alle anderen Angst haben. Gut ist es so.“ Olga Petrowa, Mitte 50, elegant, mit Hochschulbildung, redet ruhig, hinter ihr läuft russischer Pop aus den Boxen vor der Mittelschule Admiral Kusnezow, die sich an diesem Sonntag ins Wahllokal Nummer 2566 verwandelt hat. Russische Flaggen flattern am Backsteingebäude, drinnen gibt es Piroggen für 35 ­Rubel (50 Cent). Für jedes Kreuz verteilen die Wahlhelfer Luftballons in Weiß, Blau und Rot, der russischen Trikolore. „Wir haben den Präsidenten gewählt“, steht da in großen Buchstaben. Darauf ein Selfie!

Lesen Sie hier den Kommentar unserer Moskau-Korrespondentin Inna Hartwich: Putins Sieg und Putins Sorge

Andersdenkende haben Angst aufzufallen

Keine 20 Meter vom Wahllokal entfernt kämpfen Arbeiter mit einem Wasserrohbruch unter einer Straße. Bereits am Vormittag strömen die Menschen im Moskauer westlichen Zentrumsrand in die Wahl­kabinen. Die Wahlbeteiligung lag vor allem im Nordkaukasus bei knapp 90 Prozent. In nahezu jeder Region des Landes gingen dieses Mal mehr Menschen zur Wahl als bei der Abstimmung 2012. „Man hat uns ­gesagt, wir sollen wählen, also gehen wir wählen“, erzählt eine Kindergärtnerin aus einer mittelgroßen Stadt am Ural am Telefon. Sie gehört zu den vielen Staatsbediensteten, die zur Wahl verpflichtet worden ­waren. „Nach der Abstimmung müssen wir unseren Vorgesetzten anrufen, damit er auf einer Liste abhaken kann, dass wir gewählt haben. Sonst droht ein Verdienstausfall oder die Kündigung“, berichtet eine Krankenschwester den Wahlbeobachtern von „Golos“ (Stimme).

Studenten, Soldaten, Lehrer – viele ­gehen im Land geschlossen wählen. Es ist die Angst, als Andersdenkender aufzufallen, die Angst, seine Stelle zu verlieren, ­individuell zu sein in einer Gesellschaft, die sich auch nach dem Zerfall des real erprobten Sozialismus dem Kollektiv beugt. Vor allem in der Provinz bietet das System ­Putin keine Alternative. „Wir verlassen uns auf einen, der mit starker Hand führt, wir sind eben Patrioten, und es ist gut, wenn die anderen Angst haben vor uns“, sagt die Kindergärtnerin vom Ural.

Kreml serviert bunte Fernsehbilder

Angst ist das Wort dieses Wahltages. Es ist die Wiederholung der Slogans, wie sie das staatlich kontrollierte Fernsehen täglich sendet. Es geht nicht um Taten der ­Regierung, es geht um ein künstlich aufgebautes Gefühl – ein Gefühl allgegenwärtiger Bedrohung. Bei der Wahl stehen ebenfalls nicht die Inhalte im Vordergrund, sondern das schlichte Erscheinen. „70/70“, hatten die Kreml-Strategen als Ziel ausgegeben, 70 Prozent Wahlbeteiligung, 70 Prozent für Putin. Das Ziel ging nicht ganz auf. Plakate wie „Begleiche deine Schuld: Gehe wählen!“, „Nur der Zaudernde bleibt ­daheim. Russland wählt, du auch!“ hingen selbst an Kindergartentüren.

Das Aggressive liegt der gesamten russischen Politik inne, die Abschottung, das ­Beschwören äußerer wie innerer Feinde hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Russland sieht sich an den Pranger gestellt – wie im jüngsten Fall mit der Nervengift-Attacke auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal – und verkehrt die Realität mit ausgefeilter Propaganda oft ins Gegenteil. Es pflegt eine militärische Erziehung und verkauft den Menschen im Land die Vorstellung, der Westen bereite einen Krieg vor. Es tüftelt an atombetriebenen Raketen und lässt die Menschen glauben, es müsse sich gegen Angriffe schützen.

Viele nehmen die heraufbeschworene Gefahr als wahre Münze und sehen in Putin fast schon einen sakralen Helden. „Die ­anderen Kandidaten sind doch nichts“, sagt der 69-jährige Grigori vor dem Moskauer Wahllokal 2566. „Putin hat alles in seiner Rede an die Nation bekannt gegeben: Wir haben Raketen, wir sind stark, niemand kann uns angreifen. Er ist unser Mann, er beschützt uns.“

Viele verzichten freiwillig auf die eigene Macht, die laut russischer Verfassung eigentlich vom Volke ausgeht. Der Kreml serviert ihnen in bunten Fernsehbildern den Stolz nationaler Größe. Egal, ob die Wasserrohre vor der eigenen Tür zerbersten oder die Bürokratie die ­Beantragung der Rente lähmt. Die Politik ist vom Alltag der Menschen entkoppelt.

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