München wirft seinen Chefdirigenten Waleri Gergiew raus, Anna Netrebko sagt Konzerte ab: Es rächt sich stets, als Künstler den Herrschenden zu nah zu sein, meint unser Autor Tim Schleider.
Stuttgart - Was hat ein Klassik-Konzert mit dem Ukraine-Krieg zu tun? Warum soll ein Opernabend verantwortlich sein für die Politik des russischen Staatspräsidenten? Viele Verehrer des Dirigenten Waleri Gergijew und der Sopranistin Anna Netrebko werden es als zutiefst maßlos und übertrieben empfinden, dass der eine nicht mehr der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker sein darf und die andere aus Angst vor Protesten ihr Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie absagt. Der Krieg in der Ukraine mag furchtbar und ungerecht sein. Aber was kann die womöglich brillant interpretierte und vorgetragene Musik Mozarts oder Tschaikowskys dafür?
Kiew ist Partnerstadt Münchens – was kann man da tun?
Doch andererseits: Was hätte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter denn anderes tun sollen? Kiew ist Partnerstadt Münchens; seit Jahren wird ein intensiver Austausch der Vereine und Bürger gepflegt. Nun steht der ukrainischen Hauptstadt wahrscheinlich eine schreckliche Entscheidungsschlacht gegen die russischen Truppen bevor – kann man sich da im Konzertsaal an der Spitze eines städtischen Orchesters einen Dirigenten vorstellen, der die Ukraine-feindliche Politik seines Staatspräsidenten Wladimir Putin in früheren Jahren demonstrativ unterstützt hat? Mag sein, dass Reiter diese Haltung aus Lust am illustren „Star-Dirigenten“ Gergijew bisher allzu fahrlässig toleriert hat, aber muss man angesichts der dramatischen Eskalation der Lage nicht eben jetzt von einem solchen Künstler ein klärendes Wort verlangen können? Genauso ist es.
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Anna Netrebko hat recht, wenn sie sagt, man dürfe Künstler nicht per se zu politischen Stellungnahmen zwingen. Aber die Nähe zu den Herrschenden zu suchen, das ist eben auch schon eine politische Stellungnahme. Und im Falle der Kreml-Künstler fehlte es nicht nur an Distanz zur autokratischen Herrschaft Putins, es fehlte oft auch an Solidarität mit jenen Kollegen der Kultur- und Medienszene im eigenen Land, die für ihre kritische Arbeit seit Jahr und Tag vom Staat mit Schmähung, Repressionen, wenn nicht gar mit Gewalt und Mord bedroht sind.
Die Kultur will verteidigen und erhalten
Eines ist klar: Gerade so, wie in einem Krieg niemals die Diplomatie völlig verstummen darf, so darf auch die Kultur nicht zum Schweigen kommen. Die Brücken unseres Landes zu den Künstlerinnen und Künstlern der Ukraine und Russlands dürfen trotz Krieg und Repression nicht völlig zerstört werden. Wo Putin für alle Zeiten Kultur vernichten will, da will die Kultur selbst verteidigen und erhalten, da wird sie irgendwann wieder aufbauen.
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Diese kritische, verbindende Kultur gilt es zu hören und zu erleben. Anderen, die bisher den Abglanz der Macht genossen, kann eine Auszeit vielleicht gut tun.