Für Xi Jinping ist die Seidenstraße ein Kernprojekt. Foto: dpa/How Hwee Young

Noch rollen die Züge aus Fernost planmäßig durch Russland. Doch der Krieg hinterlässt Spuren – auch im Handel mit der Ukraine.

Im September des kommenden Jahres wird sich zum zehnten Mal der Tag jähren, an dem Chinas Staats- und Parteichef eine Idee zum Besten gab, die zentraler Bestandteil der chinesischen Außen- und Handelspolitik werden sollte: die Neue Seidenstraße. Doch an Stelle einer großen Sause steht die große Ernüchterung. Die Verbindung zwischen Asien und dem Rest der Welt hat durch den russischen Einmarsch in der Ukraine erheblich Schaden genommen.

 

Die Routen sind variantenreich

Die Seidenstraße war eine antike Handelsroute, die bis etwa zum 13. Jahrhundert Mitteleuropa mit China verband – oder andersherum. Auf dem Landweg oder zu Wasser wurden Seide und Gewürze transportiert. Auch im 21. Jahrhundert sollen neue Transportkorridore die Infrastruktur zwischen Asien und Europa, aber auch zwischen Asien und Afrika verbinden. Dazu gehören Bahnstrecken, Straßen, Containerhäfen und Pipelines. Die Routen sind variantenreich und vielfältig. Allerdings: Ein Großteil dessen, was auf dem Landweg transportiert wird, quert Russland. Und da nehmen die Probleme von Tag zu Tag zu.

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Noch rollen die Züge von China aus in Richtung Europa planmäßig, aber die Frequenz nimmt ab. Normalerweise gebe es nach dem chinesischen Neujahrsfest einen Anstieg der Fahrten, der sei in diesem Jahr ausgeblieben, sagt Bernd Peters vom Logistikunternehmen Contargo. Und er macht eine Beobachtung: Chinesische Firmen buchen weiter, ausländische Firmen buchen um.

Sanktionen und Gegensanktionen erschweren die Planung

„Einige Kunden haben angekündigt, ihre Transporte einzustellen“, sagt auch Andreas Bartel vom Duisburger Hafen. Bis zu 60 Züge aus China kommen hier pro Woche in der Regel an, voll beladen mit Containern. „Die Hauptroute führt durch Russland und Belarus, nicht durch die Ukraine“, sagt Bartel, daher laufe es derzeit noch. Trotzdem blickt die Branche mit Sorge in die Zukunft. Sanktionsbestimmungen und Gegensanktionen ändern sich schnell und oft. So hat Russland inzwischen verboten, dass Computer das Land verlassen dürfen. Was das für den Transitverkehr bedeutet, ist zwar nicht klar, aber wer auf Nummer sicher gehen will, der schickt die in China produzierte Ware lieber per Schiff. Das ist zwar trotz gestiegener Containerpreise billiger, aber es dauert. Vier bis sechs Wochen sind Frachter unterwegs, der Zug braucht nicht einmal zwei Wochen. China hat die Idee der Neuen Seidenstraße, die international unter dem Namen „Belt and Road Initiative“ bekannt ist,breit definiert. Es werden auch weiterhin Projekte umgesetzt, sagt Jörg Wuttke im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Vorsitzende der Europäischen Handelskammer in Peking ist sich aber ebenso sicher: „Belt and Road wird ein Schatten seiner selbst werden.“ Dass sich Peking auf Grund dieser Probleme politisch von Moskau distanziert, hält Wuttke gleichwohl für unwahrscheinlich, „weil man mit den USA einen gemeinsamen Gegner hat“. Seine Prognose: Russland werde wirtschaftlich unbedeutender für China, und „wegen seiner wirtschaftlichen Schieflage wird Moskau zum Vasallen Pekings werden“.

Die Initiative wird „ein Schatten ihrer selbst“

Enge wirtschaftliche Verbindungen gibt es auch zwischen China und der Ukraine. Das Land trat 2017 der Belt and Road Initiative bei, vor dem Krieg ist China zum größten Handelspartner der Ukraine aufgestiegen und hat Russland damit überholt. Aus keinem Land importiert das Reich der Mitte mehr Weizen und Mais als aus der Ukraine, vor allem im Norden rund um Peking sind Weizennudeln ein fester Bestandteil des Speiseplans.

Nach Russland ist die Ukraine auch der zweitgrößte Waffenlieferant für China – und ein prestigeträchtiger dazu. So ist Chinas erster Flugzeugträger, die Liaoning, ein überholter sowjetischer Flugzeugträger, der in der Ukraine gekauft wurde. Chinesische Firmen haben in der Ukraine in den vergangenen Jahren gute Geschäfte gemacht. Sie haben im Hafen von Mykolajiw ein Getreide- und Ölterminal im Wert von 75 Millionen US-Dollar gebaut und die Modernisierung des verkehrsreichsten Hafens Yuzhny abgeschlossen. 2017 gewannen zwei chinesische Firmen den Auftrag zum Bau einer vierten U-Bahnlinie in Kiew.

Zu den wichtigsten Plänen gehört ein Windparkprojekt im Osten der Ukraine im Wert von einer Milliarde US-Dollar. Das Unternehmen China National Building Material hat bereits zehn Solarkraftwerke in der Ukraine gebaut, die die Hälfte der Solarstromkapazität des Landes liefern. Das klingt bedeutend, muss aber in Relation gesetzt werden: Auch wenn China für die Ukraine von größter Bedeutung ist, umgekehrt gilt das nicht. Zwei Drittel des weltweiten Handels macht China mit gerade einmal 15 Staaten – die Ukraine ist nicht darunter, Russland schafft es gerade noch auf Rang 14. Die USA (Rang 1), Japan (3) oder Deutschland (6) sind in der Gesamtbilanz weit wichtiger.

Gute Geschäfte in der Ukraine