Die „L’Austral“ bewegt sich bei den Kurilen zwischen Geschichte und Vulkanen. Der rote Sowjetstern in Baikovo zeigt, dass hier einst das russische Militär eine Basis hatte. Foto: Siefert

Wer sich auf die Kurilen begibt, eine Inselgruppe zwischen Russland und Japan, macht eine Reise ins Ungewisse - und landet unverhofft im Paradies.

Ushishir - In zwei Tagen wird das Schiff in Japan anlegen. Der Kapitän wendet sich ein letztes Mal an seine Gäste: „Sie waren tapfer. Vielen Dank. Und: Heute habe ich mal keine schlechten Nachrichten für Sie.“ Die rund 100 Passagiere atmen erleichtert auf. Sie applaudieren ihrem Kapitän, der sie die vergangenen zwei Wochen durch meterhohe Wellen, verlassenes Kriegsgebiet und um ausbrechende Vulkane herum manövriert - und ihnen nebenbei das Paradies gezeigt hat. Der Trip von Petropawlowsk auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka nach Kanazawa im Norden Japans ist keine Reise nach Zeitplan. Zwischen den beiden Ländern liegen die Kurilen. Eine Inselgruppe, mysteriös, faszinierend und auf ihre Weise unberechenbar.

„Das Problem auf den Kurilen ist das Meer auf den Kurilen“, sagt Kapitän Patrick Marchesseau, der die Luxusjacht „L’Austral“ zwischen den Vulkaninseln hindurch lotst. Fast täglich müssen er und seine Mannschaft die Route ändern: zu hohe Wellen, zu viel Wind. „Sie müssen mit dem umgehen, was Ihnen gegeben wird“, sagt Marchesseau. Das fällt den Reisenden an Bord der „L’Austral“ genauso leicht wie der Crew - jeder hier weiß, worauf er sich eingelassen hat. Eine Kreuzfahrt im klassischen Sinn ist es nicht. Das sechsköpfige Expeditionsteam um Nicolas Dubreuil verlangt den Passagieren einiges ab. Mit Zodiacs, motorbetriebenen Schlauchbooten, fegen sie über das Meer - bringen die Gäste vom Mutterschiff an die abgelegensten Orte, an denen eine skurrile Mischung aus historischen Freilichtmuseen und naturbelassenen Paradiesen auf sie wartet.

„Es scheint hier so real, dass es sich anfühlt, als wäre alles erst ein paar Monate her“

In Baikovo, auf einer der nördlichen Inseln der Kurilen, stehen die Passagiere plötzlich in einer anderen Zeit. Eine verlassene Militärbasis säumt die Küste, einst gebaut von den Japanern. Bunker, verfallene Häuser und Holzbaracken. Wenige Hundert Meter weiter ein abgestürztes Flugzeug, die Einschusslöcher deutlich sichtbar. Die Russen flogen den Angriff, die Japaner setzten sich zur Wehr - damals, am Ende des Zweiten Weltkrieges. „Es scheint hier so real, dass es sich anfühlt, als wäre alles erst ein paar Monate her“, sagt Jean-Pierre Sylvestre, einer der Naturforscher aus dem Expeditionsteam, als er mit einigen Passagieren zwischen verrosteten Panzern und Tanks umherspaziert. Der Rote Stern auf einer Säule am Strand zeigt, wer in Baikovo zuletzt das Sagen hatte. Auch wenn es sich bei der „L’Austral“ um ein Fünf-Sterne-Luxusschiff handelt: Das Abendkleid für das Kapitänsdinner sollte für diese Reise nur wenig Platz im Koffer einnehmen.

Der Fokus liegt in diesen zwei Wochen auf Fleecejacke, wasserdichten Hosen, wärmender Sportunterwäsche und, dem wichtigsten Utensil, Gummistiefeln. Denn was mit „Natural Landing“ gemeint ist, wird schnell klar, wenn man an der Küste von Baikovo aus dem Zodiac springt - und knietief im Wasser steht. Der Geist auf einer Expeditionsfahrt ist nicht derselbe wie auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer zum Beispiel, sagt Kapitän Marchesseau. Dort folgt alles einem strikten Programm. Auf den Kurilen folgt alles dem Wetter. Auch er. Das Gute: „Wir können eigentlich überall mit den Zodiacs anlegen. Und wenn wir etwas Schönes sehen, fahren wir hin“, sagt der 47-Jährige. Gesagt, getan: Als etwa 20 Orcas neben dem Schiff auftauchen, hält er die Maschinen an, fährt zurück, dreimal im Kreis, um die Tiere möglichst lang beobachten zu können. „Das ist eine Arbeit, die man mit Leidenschaft machen muss.“

Der Taifun, der vor der Ostküste Japans tobt, erschwert aber nicht nur die Arbeit des Kapitäns, er macht auch die Pläne von Dubreuil und seinem Expeditionsteam das eine oder andere Mal einfach zunichte. So fällt die Wanderung an den Vulkankrater ins Wasser, bevor es einer der Passagiere tut. Sicherheit geht vor. Aber wie heißt es so schön: Wo sich das eine Fenster schließt, öffnet sich ein anderes. Dieses gibt nur wenig später den Blick auf den vor wenigen Tagen ausgebrochenen Vulkan Snow auf der Insel Chirpoi frei. Wieder werden alle Pläne umgeworfen. „Ich bin um 5 Uhr auf die Brücke zum Kapitän gegangen und habe gesehen, dass Rauch aus dem Vulkan kommt“, sagt Dubreuil.

„Wir sind natürlich sofort an Deck gegangen“

Der 45-Jährige ist zum vierten Mal auf den Kurilen. Aber einen ausbrechenden Vulkan aus dieser Nähe, das hat er auch noch nicht erlebt. „Das war einfach einzigartig.“ Die Passagiere werden schon nach kurzer Zeit von der Begeisterung und dem Abenteuerdrang des Expeditionsleiters angesteckt. Da stört es niemanden, wenn er um 7 Uhr von der Stimme Dubreuils geweckt wird. „Nicolas hat uns alle über Lautsprecher über den Vulkanausbruch informiert“, sagt Ulrike Mieth. Die 69-Jährige macht mit ihrem Lebensgefährten Ekkehard Tubak (68) diese Reise. „Wir sind natürlich sofort an Deck gegangen“, sagt sie. „Und durch das Fernglas haben wir sogar noch Lava gesehen, die von dem Vulkan den Berg runtergeflossen ist.“ Wie alle anderen Passagiere sind auch die beiden sofort dabei, als es heißt: anziehen, ins Zodiac und ran an den Vulkan. Ganz nah zu der Stelle, an der die 500 Grad heißen Felsen vom Berg ins Meer rollen und dort wie unzählige überdimensionale Teekessel riesige Dampfsäulen in die Luft steigen lassen.

Die Vulkane, sie sind das Herz der Kurilen. Die Inselkette liegt auf dem sogenannten Ring of Fire, dem Pazifischen Feuerring. Hier taucht die Pazifische Platte unter die nordamerikanische. Mehr als 100 Vulkane gibt es auf den Inseln, etwa 40 davon sind noch aktiv. Nicht nur Magma, auch Diamanten werden von Vulkanen hervorgebracht. Einer, etwa fünf Quadratkilometer groß, findet sich in der Mitte der Inselkette. Ushishir, „der Diamant der Kurilen“, wie Dubreuil die Insel nennt. Oder schlicht: das Paradies. Ushishir bedeutet in der Sprache der eingeborenen Ainu „heiße Quellen“. Zahlreich bahnen sich diese an der Bucht entlang ihren Weg an die Erdoberfläche und geben dort ihren schwefeligen Dampf ab.

Auf dem höchsten Punkt, dem 401 Meter hohen Mikasayama, liegt sie einem zu Füßen, die geheimnisvolle Insel: der wabernde Nebelteppich, das blaue Wasser des Vulkankraters, in dessen Mitte ein kleiner neuer Vulkan herauswächst, die saftig grünen Hügel und die wilden Wellen, die an die äußere Küste peitschen. Hier ist nichts zu sehen von Krieg, von Militär oder den politischen Querelen, die bis heute um den Status der Kurilen schwelen. 1875 gehörten alle Inseln der Kurilen zu Japan, seit 1945 gehören sie alle zu Russland. Seitdem fordert Japan die vier Inseln vor seiner Küste von Russland zurück. Immer wieder kommt es zu diplomatischen Verwerfungen. An Ushishir aber scheint das alles vorüberzugehen. Hier, so hat man den Eindruck, ist die Welt tatsächlich noch in Ordnung.

Infos zu den Kurilen

Die Reederei
Ponant ist eine französische Reederei. Die vier Luxus-Jachten „Le Boréal“, „L‘Austral“, „Le Soleal“ und „Le Lyrial“ sind 142 Meter lang, 18 Meter breit und haben Platz für bis zu 264 Passagiere. Das Segelschiff der Reederei, „Le Ponant“, ist 88 Meter lang und 12 Meter breit und hat Platz für 64 Personen. de.ponant.com Die Preise Ponant fährt das nächste Mal vom 29. September bis zum 14. Oktober 2015 zu den Kurilen. Der Preis für eine De-luxe-Kabine beträgt derzeit 8520 Euro pro Person in einer Doppelkabine. Die Reise startet in Seoul.

Im Preis enthalten sind eine Übernachtung dort und der Charterflug Seoul-Petropawlowsk. Der Rückflug geht ab Osaka in Japan. Hapag-Lloyd bietet eine Kreuzfahrt von Nome (Alaska, USA) nach Kanazawa (Japan) an, die über die Kurilen führt. Der nächste Termin ist vom 7. September bis 1. Oktober 2015, ab etwa 10 300 Euro. www.hl-kreuzfahrten.de .

Silversea fährt eine ähnliche Route ab dem 13. August 2015 (17 Tage), Kosten ab 9650 Euro. www.silversea.com

Was Sie tun und lassen sollten
Bei den täglichen Vorlesungen der Naturforscher lernt man nicht nur viel über Vulkane, Tiere und die Geschichte der Kurilen, man frischt auch seine Sprachkenntnisse auf. Auf dem Schiff wird Französisch und Englisch gesprochen (es gibt aber auch Deutsch sprechendes Personal).

Auf den Kurilen gibt es 1200 unterschiedliche Pflanzen, 8000 Insektenarten, zwei Millionen Seevögel und etwa 4000 Seeotter. Die 2000 Menschen, die dort leben, sind eindeutig in der Unterzahl. Wer sich auf den Kurilen bewegt, sollte die Inseln so verlassen, wie er sie vorgefunden hat.

CMT
Vom 22. bis zum 25 Januar 2015 findet auf der Reisemesse die Sonderschau „Kreuzfahrten und Schiffsreisen“ statt ( Halle 9 ).

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