Der russischen Wirtschaft geht es nicht so schlecht, wie von Experten erwartet. Das liegt auch am Umgehen der Sanktionen. Dabei spielen auch Waschmaschinen eine gewisse Rolle.
Im vergangenen März, wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, haben zahlreiche Experten damit gerechnet, dass die russische Wirtschaft unter dem Druck der Sanktionen zusammen brechen könnte. Zehn Prozent minus, vielleicht sogar mehr, hießen die Prognosen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Gerade mal etwas mehr als zwei Prozent betrug das Minus 2022. In diesem Jahr soll es mit dem Wachstum nach oben gehen – mehr als hierzulande – und im nächsten Jahr noch mehr. So jedenfalls die jüngste Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF).
Waschmaschinen werden kriegswichtig
Das liegt bestimmt nicht an den Waschmaschinen und Kühlschränken. Die sind vielmehr ein Zeichen dafür, dass es doch nicht so rund läuft. Kasachstan und Armenien haben seit Kriegsbeginn mehr dieser Haushaltsgeräte aus der EU importiert als in den Jahren zuvor zusammengerechnet – und größtenteils nach Russland weiter transferiert. Der Verdacht steht im Raum, dass die Geräte dort zweckentfremdet werden: die in den Haushaltsgeräten verwendeten Mikrochips sollen ausgebaut und für militärische Zwecke genutzt werden. Das haben zumindest ukrainische Quellen behauptet. Ob das ehemalige Bauteil zur Kühlung von Lebensmitteln nun tatsächlich in einem russischen Panzer zum neuen Leben erwacht, konnten die Mitglieder des Recherchezentrums „correctiv“ nicht endgültig klären. Deren Recherche ergab jedoch, dass so etwas zumindest technisch möglich – und durchaus denkbar sei.
Umgehung durch die Türkei
Chips, Halbleiter und zahlreiche Spezialprodukte fehlen in Russland. Das hat Auswirkungen, zum Beispiel auf den zivilen Luftverkehr. Die zivilen Airlines haben nun von den Flugaufsichtsbehörden eine Befreiung von bestimmten Prozeduren gefordert, die bei der Wartung Pflicht, aber derzeit nicht machbar seien, berichtete die Tageszeitung „Iswestija“. In Russland stammen derzeit rund 600 Flugzeuge von westlichen Herstellern wie Boeing und Airbus. Das sind mehr als zwei Drittel der gesamten zivilen Luftflotte.
Allerdings: vieles von dem, was Russland gar nicht haben dürfte, wird über Staaten ins Land gebracht, die sich den Sanktionen des Westens widersetzen. Allen voran die Türkei. Importe aus und Exporte nach Russland haben sich hier innerhalb eines Jahres verdoppelt. Russland wird der größte Handelspartner der Türkei – und löst damit Deutschland ab.
Deutsche Exporte noch im Milliardenbereich
Die deutschen Exporte nach Russland sind im vergangenen Jahr gegenüber 2021 um 45,2 Prozent zurückgegangen. Allerdings wurden trotz der Sanktionen noch immer Waren im Wert von 14,6 Milliarden Euro geliefert, so das Statistische Bundesamt. Wichtigstes deutsches Exportgut nach Russland waren pharmazeutische Produkte, da der Gesundheitssektor von den westlichen Sanktionen ausgenommen wurde. Besonders hohe Rückgänge bei den Exporten gab es hingegen in den Bereichen Maschinenbau und Chemie.
Russische Quellen sind vage, wenn es um die genauen Wirtschaftszahlen geht. Insgesamt habe der Export von Januar bis November bei 538 Milliarden Euro gelegen, heißt es. Das wäre fast ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. Erklärbar ist das alleine durch die gestiegenen Energiepreise. Als weltgrößter Düngerexporteur hat Russland auch in diesem Bereich von gestiegenen Preisen profitiert. Die Einnahmen stiegen um 70 Prozent auf mehr als 16 Milliarden Euro – obwohl die Menge des exportierten Düngers abnahm.
Kriegswirtschaft in Russland
Derweil nimmt in Russland die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft weiter Fahrt auf. Gefangene werden nicht nur aus den Gefängnissen entlassen, wenn sie an der Front kämpfen – sie sollen inzwischen auch in Panzerfabriken arbeiten. Und in Toljatti, rund 60 Kilometer Luftlinie von Samara entfernt, sollen künftig iranische Kamikazedrohnen zusammengeschraubt werden. Bisher war die Stadt vor allem durch ihr Lada-Werk bekannt.