Eiskunstläuferin Jewgenia Medwedewa hat in den vergangenen Jahren so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nun will sie Gold bei Olympia 2018. Foto: AFP

Sie kennen sich bestens, sie üben gemeinsam, sie haben die gleichen Trainer – Gold im Eiskunstlauf in Pyeongchang kann aber nur eine gewinnen. Jewgenia Medwedewa oder Alina Sagitowa – wer macht das Rennen?

Pyeongchang - Jewgenia Medwedewa, wer sonst? Wenn sich die Experten der Eiskunstlauf-Szene im vergangenen Sommer darüber unterhielten, wer bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille bei den Frauen um den Hals gehängt bekommen würde, da waren sie sich schnell einig: Jewgenia Medwedewa, die zweimalige Welt- und Europameisterin, die seit 2015 keinen Wettbewerb mehr verloren hatte. Im Januar jedoch, bei der EM in Moskau, mögen die gut informierten Fachleute wissend genickt haben, sie hatten auch die beiden Grand-Prix-Siege sowie den Erfolg im Grand-Prix-Finale von Alina Sagitowa verfolgt. Die übrigen staunten. Gerade hatte die 15-Jährige die Königin rüde vom Eisthron gestürzt.

Das Mädchen aus Ischewsk, gut 1200 Kilometer östlich von Moskau gelegen, hatte Jewgenia der Großen die erste Niederlage seit mehr als zwei Jahren zugefügt. Und zwar mit einer überzeugenden Kür, mit sieben blitzsauber gestandenen Dreifachen sowie mit zwei Doppelaxeln, bei denen sie die Kühnheit besaß, diese erst im zweiten Teil ihres Programms zu präsentieren; dann, wenn die Kräfte schon zur Neige gehen und man streng mit ihnen haushalten muss. Mit 157,97 Punkten lag Alina Sagitowa mehr als drei Punkte vor der 18 Jahre alten Medwedewa. „Je schwieriger etwas ist“, sagte die Europameisterin, „desto besser ist es für mich. Ich bin sehr froh, dass ich gezeigt habe, was ich kann.“

Das gleiche Trainergespann für die Rivalinnen

Der Fehdehandschuh ist geworfen. Die Russinnen werden in Pyeongchang den ästhetisch anmutenden, aber körperlich fordernden Kampf um Gold wohl unter sich aushandeln, wenn das Duell in der Nacht zum Freitag (2 Uhr) in der Kür entschieden wird. Wahrscheinlich werden sich die beiden bis zum Showdown nicht aus dem Weg gehen, sie kennen sich bestens. Sagitowa nennt Medwedewa ihr Vorbild, „mir imponiert ihr starker Charakter“.

Die Rivalinnen üben gemeinsam in Moskau, sie haben in Eteri Tutberidse und Sergej Dudakow das gleiche Trainergespann. Die Coaches schätzen die Situation, können sie so ihre Musterschülerinnen zu noch höherer Einsatzbereitschaft treiben, zu noch mehr Leidenschaft auf dem Eis. Die Trainer gehen offen damit um: Sie zeigen der einen die Sprungkombination der anderen und verweisen auf die bessere Ausführung. Dann spielen sie der anderen ein Video der einen vor, um zu dokumentieren, wo am Ausdruck gefeilt werden muss.

Die Teenager meistern die Rivalität auf engstem Raum ungleich souveräner als Tonya Harding, die 1994 ihre US-Rivalin Nancy Kerrigan durch einen bezahlten Schläger im Training verletzten ließ, um bei den Spielen 1994 in Lillehammer bessere Chancen zu besitzen. Allerdings sieht keiner in die Köpfe der jungen Russinnen hinein. Beste Freundinnen dürften sie kaum sein.

Viele Talente in Russland

„Wie gut, dass wir nicht nur eine so talentierte junge Frau haben“, sagte Tatjana Tarasowa. Das russische Repertoire an Stars und Sternchen auf dem Eis scheint unendlich wie das Weltall. Vor Medwedewa und Sagitowa waren unzählige, auf sie werden unzählige folgen – die 70 Jahre alte, erfolgreichste Trainerin der Eiskunstlauf-Historie hat die meisten gesehen. Sie kennt die Gründe, warum andere Nationen ein, zwei, vielleicht drei Leute von Weltniveau haben, die Russen jedoch Dutzende. Weil der Staat die Sportart extrem fördert.

Mit vier stehen die Kinder erstmals auf dem Eis, mit sieben kommen die Besten in Eliteschulen, in denen sie professionell ausgebildet werden in Choreografie, Fitness und Technik. „Die Eltern kostet das fast nichts“, sagt Tatjana Tarasowa, „so haben wir im Nachwuchs viele Talente, aus denen wir auswählen können.“ Die Starken setzen sich durch, die Schwachen scheiden aus. Russisches Roulette.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion, als viele Läufer in die USA abwanderten, investierte der Staat schnell in die Infrastruktur, bildete Trainer aus und baute Hallen nicht nur in den Zentren Moskau und St. Petersburg, sondern auch in der Provinz, in Sibirien, Jakutien und der Kamtschatka. „Jetzt ernten wir die Früchte“, sagt Tatjana Tarasowa stolz – und wird schmallippig, als das Wort Doping fällt. „Wir arbeiten so viel“, zischt sie, „dass die Eiskunstläufer nichts dergleichen benötigen. Nichts.“

Sympathien der Fans wohl bei Medwedewa

Alina Sagitowa und Jewgenia Medwedewa sind zumindest unbelastet, was das Staatsdoping von Sotschi 2014 betrifft, damals waren sie zu jung für Olympia, wo 15 als Alterslimit gilt. Die Sympathien der asiatischen Fans dürften bei der extrovertierten Medwedewa liegen, die die Popmusik des Gastgebers schätzt, die den K-Pop-Interpreten Exo und die K-Pop-Band BTS in ihren Musikdateien hat und die von der Manga-Comic-Figur Sailor Moon so besessen ist, dass sie mehrfach ihre Kür im Kostüm präsentierte. Die 18-Jährige liebt das Ungewöhnliche in ihrem Sport. In Pyeongchang verkörpert sie Anna Karenina und meinte scherzhaft: „Ich laufe dieses Programm, um zu zeigen, dass ich keine alte Jungfer bin.“

Allerdings eine womöglich angeschlagene Läuferin: Vor zwei Monaten musste sie wegen eines gebrochenen Fußes pausieren – nach außen behauptet sie tapfer, der „größte Erfolg für mich ist, dass ich überhaupt hier bin“. Doch es würde überraschen, sollte sie nicht auf Revanche sinnen. Mit 18 ist eine Eiskunstläuferin noch zu jung, um einer 15-Jährigen Platz zu machen. Mag sie auch Alina Sagitowa heißen.

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