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Russlands Zeitungen feiern Viktor Petrik als "neuen Leonardo". In westlichen Ländern hätte er Nobelpreisträger werden können. Andere halten den Erfinder für einen Scharlatan.

Moskau - Russlands Zeitungen feiern Viktor Petrik (63) als "den neuen Leonardo". In westlichen Ländern hätte er mindestens dreimal Nobelpreisträger werden können, heißt es. Andere dagegen halten den Erfinder schlicht für einen Scharlatan, der mächtige Gönner hat.

Eigentlich wirkt der würdevoll auftretende, füllige Herr mit einer über der Stirn gelichteten weißen Haarmähne und der randlosen Brille auf dem breiten Gesicht wie ein Maler oder Musiker. Aber Viktor Petrik ist Erfinder.

Der 63-Jährige scheint gute Beziehungen zu haben: Auf Fotos ist er mit dem früheren US-Präsidenten George Bush, dem Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow, dem Chef der Atomenergiebehörde Rosatom, Sergej Kirijenko, und Boris Gryslow, dem Vorsitzenden der Duma, zu sehen.

Petrik ist von sich überzeugt: In einem Video führt er einen sensationellen Filter vor. Er schöpft Wasser aus einem Tümpel, mischt Müll, Heizöl und Kuhmist hinein, rührt das Ganze kräftig um und gießt es in einen Trichter an seinem Gerät. Aus einem Hahn an der anderen Seite fließt glasklares Wasser. Petrik hält einen Becher darunter und trinkt es aus. Der von ihm entwickelte Nano-Filter soll sogar weit Schlimmeres als Mist aus Wasser tilgen: Radioaktivität.

Erprobt wurde das Gerät im Kombinat Majak im Ural, wo Nuklearabfälle verarbeitet werden. Aber nach dem Filtern hatte das Wasser bei Strontium immer noch eine Restaktivität von 40 Becquerel, maximal fünf Becquerel sind zulässig. Ein Reinfall. Petrik ficht das nicht an, er will weiterforschen.

Kein Wunder, denn für den Erfinder könnte der vermeintliche Wunderfilter ausgesprochen lukrativ werden. Ex-Premier Kirijenko will die Herstellung großzügig mit Staatsgeldern unterstützen. Duma-Chef Gryslow sagt, die Filter hätten eine zentrale Bedeutung im anlaufenden Nationalprogramm "Sauberes Wasser". Mehrere Milliarden Rubel sollen investiert werden. Interessant dabei ist, dass das Patent für das Gerät bei Petrik und bei Gryslow zusammen liegt. Die beiden nennen auch eine Firma namens Herakles ihr Eigen. Für Regierungschef Wladimir Putin könnte das Ganze peinlich werden. Als Leiter der Partei Einiges Russland hat er indirekt die Finger mit im Spiel.

Nicht jeder glaubt daran, dass der Mann tatsächlich ein Könner ist. In einem offenen Brief an die Russische Akademie der Wissenschaften fordern Wissenschaftsjournalisten, Petriks Arbeit zu überprüfen. Dieser Scharlatan habe mit Wissenschaft nichts zu tun, besitze aber mächtige Gönner in der Regierungspartei Einiges Russland, kritisierte etwa Jegor Bykowski, Chefredakteur der Zeitschrift "Wokrug Swjeta". Petrik gehöre zu einer dubiosen Akademie der Naturwissenschaften, in der sich illustre Figuren tummelten.

Eines ihrer Mitglieder ist der Sektenführer Grigori Grabowoi, der einmal versprochen hat, die Opfer der Geiselnahme von Beslan wieder beleben zu wollen. Petrik sei außerdem weder Professor noch Doktor, sagt Ewgeni Alexandrow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er habe zwar an der Leningrader Universität studiert, es jedoch nie zu einem Diplom gebracht, hieß es. Später verbüßte er eine achtjährige Lagerstrafe wegen Betrugs. Petrik scheint sehr einfallsreich bei seinen Erfindungen zu sein. In der Vergangenheit soll er Watte aus Graphit entwickelt haben, die Erdöl von der Wasseroberfläche aufsaugen kann. Und mit einer Formel, deren Inhalt wohl nur er selbst kennt, will er das Geheimnis der Stradivari-Geigen ergründet haben.

Petrik forscht unterdessen munter weiter: Im Labor seines Hauses, das eher einer Waschküche gleicht, will er Osmium 187 hergestellt haben, ein Metall, das Platin ähnelt. Erstaunlich dabei: Die Weltproduktion beläuft sich auf 100 Gramm jährlich, Petrik hat nach eigenen Angaben ein Kilo davon beisammen. Wert: etwa 150.000.000 Euro. Doch Akademiemitglied Alexandrow hegt große Zweifel daran: Erstens habe das Osmium-Isotop 187 an der Gesamtmenge des Metalls einen Anteil von 1,64 Prozent. Ein Kilo lasse sich also unmöglich herstellen. Zweitens sei die Weltproduktion so klein, weil es keinen Bedarf dafür gebe.

"Das erinnert mich an das berühmte rote Quecksilber", sagt Alexandrow, das in den 1990er Jahren über die Grenzen hin und her geschoben wurde. Der Stoff, den es gar nicht gab, diente lediglich zur Geldwäsche. Nach Alexandrows Meinung trete Osmium nun an diese Stelle.

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