Was „Rathausplatz“ bedeutet, ist nicht schwer zu erraten – im Gegensatz zu vielen anderen Straßen- und Platznamen. Foto: factum/Bach

Bei der Stadtführung kommen die Namen von vier Helden aus dem Ersten Weltkrieg wieder auf. Zwei Stadträte hören interessiert zu.

Gerlingen - E s war brutal warm – nicht nur auf dem Rathausplatz, wo Klaus Herrmann am Samstagnachmittag seine Führung zur Stadtgeschichte begann, und wo am Sonntag deren Wiederholung anfing. Trotz 34 Grad haben es sich zwei Dutzend Gerlinger nicht nehmen lassen, dem Leiter des Stadtarchivs zu lauschen. Man erfuhr Hintergründe zu den Namen der 214 Straßen und Plätze und der 150 Gewanne in der Stadt – nicht nur zu denen, die Persönlichkeiten ehren, wie Nanette Schiller, Friedrich Schaffert oder Johannes Rebmann. Zu den „Namens-Straßen“ zählen auch vier, über die vielfach diskutiert wurde. Sie sind benannt nach Manfred von Richthofen, Max Franz Immelmann und Oswald Boelcke, die Jagdflieger waren, sowie Otto Weddigen, einem U-Boot-Kapitän. Klaus Herrmann brachte die umstrittenen Vier wieder ins Gespräch – und zwei Stadträte hörten das am Samstag mit Interesse – auch das Grummeln des Publikums.

Namen nie rückgängig gemacht

Die vier Straßen im Hasenbergviertel waren im Dritten Reich nach den Helden des Ersten Weltkriegs benannt worden. Im Gegensatz zu Straßen, die Namen von Nazigrößen trugen (zum Beispiel die Hermann-Göring oder die Horst-Wessel-Straße), wurden diese Straßennamen aber nie rückgängig gemacht. Die Gerlinger seien im Dritten Reich zurückhaltend gewesen, so Herrmann – so wurde keine Straße nach Hitler benannt. All dies schilderte der Archivleiter sachlich, ebenso wie die Tatsache, dass es zu dem Ersten-Weltkriegs-Quartett 1962 und 1988 Umbenennungsdiskussionen im Gemeinderat gab. 2011 machten Gymnasiasten dann den Vorschlag, diesen Straßenschildern kurze Erläuterungen beizustellen, wer die Namensgeber waren. Auch dies wurde abgelehnt.

„Zusatzschilder nicht verkehrt“

Er verheimliche nichts, meinte Herrmann dazu nach der Führung. Und zwei Stadträte sagten unserer Zeitung ihre Meinung. Gunter Stirner-Sinn (CDU) hält „kleine Zusatzschilder bestimmt nicht für verkehrt“. Ihn hätten diese Namen schon in jungen Jahren neugierig gemacht, „ich will wissen, was in der Vergangenheit passiert ist“. Er sei dafür, darüber zu diskutieren, „wenn es ein Thema wäre – im Moment aber haben wir weder die Zeit noch das Geld dafür“. Die CDU war bei der Diskussion 2011gegen die Erklärungen. Nino Niechziol (Junge Gerlinger) will hingegen in dieser Sache aktiv werden. Seine Kollegen seien für die Erläuterungen, „und ich will in den anderen Fraktionen die Ohren aufhalten und Meinungen abfragen“.

Geschichte pur war das Thema in den ersten 80 Minuten der Führung. Da berichtete Klaus Herrmann, wo die Dichter (in der Siedlung), die Vögel (auf der Schillerhöhe) oder die Industriellen (im Gewerbegebiet) zu finden sind. Es ging auch um das zweistöckige Schafhaus, das bis 1870 in der Bildstraße stand, und darum, was die „Blätschen“ im Namen Blätschenäcker bedeuten: Es sind die äußeren Blätter der Krautköpfe, die auf dem Acker liegenbleiben. In der Bildstraße musste man sich eine handgetriebene Ölmühle vorstellen – nicht nur dieses Gewerbe war im einstigen Bauerndorf eine mühselige Angelegenheit.

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