Stuttgarts neue Attraktion: das Riesenrad. Doch welcher Anblick bietet sich von oben? Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Baustellen, Leerstand und kein Konzept für die Zukunft: Wie schlecht steht es wirklich um die Stuttgarter City? Ein Rundgang, an dessen Ende eine überraschende Erkenntnis steht.

Stuttgart - Es ist Musik drin in der Stuttgarter Innenstadt. Am „Open Piano for Refugees“ spielt ein Hobbypianist das Stück „Smells like Teen Spirit“ der Band Nirvana. „Here we are now, entertain us“, heißt es in dem Stück, die Umstehenden applaudieren.

 

Die Songzeilen könnten auch als Forderung verstanden werden: Jetzt sind wir schon mal hier, in der Innenstadt, also wollen wir bitte schön unterhalten werden. Dabei gilt es, unterschiedliche Wünsche unter einen Hut zu bringen. Die Schwiegermutter von der Alb will bei der Kaufhauskette TK Maxx ein schwäbisches Schnäppchen machen. Die Jugendlichen suchen das, was sie während Corona nicht hatten: Nähe. Die Händler wollen Geschäfte machen.

Hecheln wir alle einem alten Bild hinterher?

Alle eint die Unzufriedenheit. Muffig rieche es im Kessel, hieß es kürzlich in einer Performance an der Kunststiftung Baden-Württemberg. Keiner komme mehr zum Einkaufen oder Kaffeetrinken ins Herz der Hauptstadt von The Länd. Wieso auch: Wer im Süden oder Westen Stuttgarts wohnt, hat alles und keinen Grund, in die City zu kommen. Sillenbuch und Degerloch haben Einkaufsstraßen, nach deren Vorbild das Schlaraffenland modelliert wurde.

„Stadt besteht aus vielschichtigen Assoziationen, Erinnerungen und Ideen, aus Tragödien ebenso wie ungeheuren Energien und oftmals unauflösbaren Widersprüchen“, schreiben Robert Kaltenbrunner und Peter Jakubowski in ihrem 2018 erschienenen Buch „Die Stadt der Zukunft“. Oft entsprächen sich „reale Stadt“ und das „Bild von Stadt“ nicht mehr.

Ist das Leerstand oder eine Installation?

Also hecheln wir alle einem Bild hinterher, das es nicht mehr gibt, mit Lerche-Filialen und Pauls Boutique auf dem Kleinen Schlossplatz? Oder sieht es in der Innenstadt wirklich so schlimm aus, nach dem Motto: Der Letzte macht das Licht aus? Zeit für einen Rundgang.

Wagt man sich aus der Hölle namens Klett-Passage ins Tageslicht, erschließt sich die Schönheit der Stadt nicht sofort. „Stuttgart ist eine Stadt auf den zweiten oder dritten Blick“, hat Sänger Philipp Poisel kürzlich gesagt. Falls das aktuell reicht.

Sollte die Königstraße tatsächlich die Visitenkarte Stuttgarts sein, so ist der erste Eindruck interessant: An der Königstraße 1C wirkt das Innere des Gebäudes wie eine Parabel auf den Untergang der Fußgängerzone, dieses Relikts der Aufbaujahre. Im Untergeschoss hat die Supermarktkette Go Asia eine ihrer deutschlandweit 29 Filialen eingerichtet. Die Lampions hängen tief. Ist das ganze Gebäude vielleicht eine Kunst-Installation zum Thema „Der Untergang der westlichen Welt, und aus der Tiefe des Raumes übernimmt China“?

Doch hier soll bald alles anders werden, das Entree der Königstraße wird sich verändern, auch die düstere Theaterpassage: Eine Baustelle mehr droht. Im weiteren Verlauf der Königstraße gibt es bereits jede Menge Brachen zu bewundern. Gegenüber dem Traditionshaus Tritschler steht die Königstraße 23 leer. Im Schaufenster viele Plakate zum Architekturforum, das hier bald stattfindet. Thema: „Der Wandel der Innenstädte“.

Hier sieht Stuttgart aus wie Hannover

Unweit davon spielt ein Saxofonist vor der „New-Yorker“-Filiale den Song „What a wonderful World“ und damit vielleicht auf den Umstand an, dass die Kette nichts mit New York zu tun hat, sondern ihren Sitz in Braunschweig hat. Ein Paar flaniert an der Burger-Kette Five Guys vorbei, also dort, wo Stuttgart aussieht wie Hannover. Er: „Wollen wir rein?“ Sie: „Nee, die haben wir auch in Frankfurt.“

Das Riesenrad als Attraktion

Weiter geht es an diesem späten Freitagnachmittag zum Schlossplatz, zur neuen Stuttgarter Hauptattraktion: dem Riesenrad. Das Riesenrad ist ja die platteste Metapher auf das menschliche Auf und Ab seit Erfindung von Metaphern, trägt aber wie alle platten Metaphern eine Gondel Wahrheit in sich.

Früher war ein Ausflug in die Königstraße etwas Besonderes. Man ging hin, um sich beim Blick in die Auslagen inspirieren zu lassen. Dann gab es auf einmal drei H&M-Filialen – verbunden mit der Frage, wer so viel austauschbare Modeketten braucht. 2014 wurde die Königstraße von zwei Seiten in die Zange genommen, durch die Shoppingmalls Milaneo und Gerber. Auf den analogen Angriff folgte der digitale. Längst hat der Touchscreen den Schaufensterbummel gekillt. Nicht die City verspricht Verheißung, sondern das Internet – eine „Veränderung, die die Stadt in ihrem Innersten berührt“, schreiben Kaltenbrunner und Jakubowski. Und dann kam auch noch Corona.

Erst kam Corona, dann Frank Nopper

Der neue Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) reagierte auf die Gemengelage: Er brachte Stuttgart nicht nur das Riesenrad, sondern antwortete im Spätsommer auf den testosterongesteuerten Trubel am Kleinen Schlossplatz mit einem Diminutiv: Genussplätzle statt Randälchen. Bringen solche Aktiönchen etwas, oder täuschen sie nur darüber hinweg, dass ein übergeordnetes Konzept für die Innenstadt fehlt? Bei Events wie der an diesem Samstag stattfindenden „Langen Einkaufsnacht“ hat man schon ein bisschen Angst, dass die achtziger Jahre womöglich doch noch nicht vorbei sind.

Ratlosigkeit beim City-Gipfel

Einigermaßen beängstigend sei es kürzlich auch beim City-Gipfel zugegangen, bei dem Handel, Immobilienbranche, Gastronomie und Kultur nach einer Strategie für die Zukunft der City gerungen hatten. Mit überschaubarem Erkenntnisgewinn, so ein Teilnehmer. Die Essenz des zweistündigen Zusammentreffens: Aus Sicht von Handelsvertretern wäre die Innenstadt gerettet, wenn es weniger Demonstrationen, weniger Müll und damit einhergehend weniger Ratten geben würde, berichtet ein Gipfelteilnehmer. Aber: „Es fehlt eine Idee, wie wir mit dem Strukturwandel umgehen müssen.“ Auf Handel alleine könne man nicht setzen.

Fehlt eine Idee für die Innenstadt?

Konkreter wirkt dagegen das, was der Gemeinderat unter dem Titel Lebenswerte Innenstadt vorhat: Weite Teile der City sollen bis 2025 stufenweise umgebaut, der öffentliche Raum soll aufgewertet werden. Wie gut das funktionieren kann, zeigt sich am Bereich hinter dem Rathaus. Hier hat Michael Bräutigam kürzlich sein Designhotel Emilu eröffnet. Im Erdgeschoss ist die Gastronomie Gian Paolo e Marco eingezogen, von den Machern der Tatti Bar, Stuttgarts am schnellsten wachsender Glaubensgemeinschaft. Hier befindet sich nun die schönste Toilette der Stadt, denn auch für die Generation Instagram mit ihrem Hang zum Selfie muss in der Innenstadt Platz sein.

Wenn Vermieter mitdenken

Bräutigam, nicht nur Hotelier, sondern auch Immobilienexperte bei der Firma bei Colliers, hat das getan, was auch am Marienplatz funktioniert hat: Klasse statt Kette. „Wir hätten hier auch ein Motel One haben können. Das wollten wir aber nicht“, sagt Bräutigam. „Es wäre schön, wenn mancher Vermieter in der Innenstadt ganzheitlicher denken würden: Was hat meine Vermietung für Auswirkungen nach rechts und links?“

Das sieht auch Peter Pätzold (Grüne) so, der als Bürgermeister unter anderem das Referat Städtebau verantwortet. Er hält den Abgesang auf die Innenstadt für Quatsch, siehe Hospitalviertel, das sich wunderbar entwickelt habe. Trifft man Pätzold zufällig beim Sonntagsspaziergang mit Hund Oskar im Stuttgarter Süden, kann es sein, dass der Grüne ein schwarzes Iron-Maiden-Shirt trägt.

Die Marktplatzbaustelle ist Heavy Metal

Das passt: Der Marktplatz, also der Bereich vor Pätzolds Arbeitsplatz, ist momentan Heavy Metal, eine laute Baustelle. Wenn der Platz wie geplant im August 2022 fertig sein wird, dürften ihn die Besucher nicht wiedererkennen. Dann gebe es eine nagelneue Flanierstrecke von der Markthalle über das Dorotheen-Quartier bis hinter das Rathaus, so Pätzold, der das Gesamtbild im Blick hat: „Die Innenstadt ist mehr als Handel, sie ist Kultur, Gastronomie, Veranstaltungen, für Klein und Groß, für Arm und Reich.“

Und jetzt geht auch noch Conrad

Die schlechten Nachrichten reißen derweil nicht ab. Mit Conrad Electronic verliert die Stadt eine weitere Sehenswürdigkeit, der Fachhändler schließt zum 4. Dezember. Legendär die alte Conrad-Filiale hinter dem Rathaus: Sie war eng und stickig – aber wie sagte schon Philipp Poisel, oder war es doch Hermann Hesse: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Wo einst Lötkolben verkauft wurden, wird nun die Zukunft der Innenstadt präsentiert. In einem Ausstellungsraum wird ab heute das neue Rosensteinviertel beworben.

Dieser neue Stadtteil wird die Innenstadt nachhaltig verändern und vergrößern – für den unwahrscheinlichen Fall, dass Stuttgart 21 noch in diesem Leben fertig werden sollte. Dazu noch mal Peter Pätzold: „Die Innenstadt wird über den Hauptbahnhof hinauswachsen“, sagt er und gibt zum Abschied den schlauen Satz mit auf den Weg: „Eine Stadt ist nie fertig.“ Also doch: Die Innenstadt ist tot. Lang lebe die Innenstadt.