Das DRK schreibt sich Menschlichkeit auf die Fahne – doch Schilderungen von Mitarbeitern zeichnen ein anderes Bild. Foto: Stefanie Schlecht

In der Geschäftsstelle des Roten Kreuzes im Kreis Böblingen knirscht es: Die hohe Fluktuation und Gerichtsverfahren überschatten die wichtige soziale Arbeit am Menschen.

Groß und unverrückbar steht das Rote Kreuz als Symbol vor der Geschäftsstelle des Kreisverbands in der Umberto-Nobile-Straße auf dem Flugfeld in Böblingen. Die Werte, die sich die weltumspannende Hilfsorganisation auf die Fahne geschrieben hat, sind so universell wie begrüßenswert: Menschlichkeit steht dabei ganz oben, Unparteilichkeit und Neutralität direkt darunter. Offenbar ist es mit der Menschlichkeit nach innen auf der Geschäftsstelle aber nicht allzu weit her, wenn man die Schilderungen von mehreren hauptamtlichen DRK-Mitarbeitern glaubt.

 

Sie berichten von harschen Umgangsformen, häufigen Personalwechseln und chronischer Überlastung. Die Geschäftsführung unter Wolfgang Hesl, der seit 2021 im Amt ist, bestreitet dies. Doch die hohe Fluktuation auf der Führungsebene des DRK ist unübersehbar. Und die Meinungen über das, was ein gesundes Betriebsklima ist, scheinen beim Roten Kreuz sehr weit auseinander zu klaffen.

Häufige Wechsel in Heimen

Welche Sprache spricht es, wenn in mehreren DRK-Pflegeheimen nach Jahren der Kontinuität plötzlich die Heimleitungen innerhalb kurzer Zeit mehrfach wechseln? Wenn innerhalb kurzer Zeit gleich mehrere langjährige Rettungsdienstler in leitender Position dem Roten Kreuz den Rücken kehren, wie dieser Tage geschehen? Wenn man sich statt auf der Wache vor Gericht trifft? Es wirft kein gutes Bild auf eine Organisation, die sich zuvorderst der Menschlichkeit verschrieben hat. Deren Mitglieder helfen wollen, ohne zu fragen, wem.

Dabei ist klar zu trennen zwischen dem Hauptamt und dem Ehrenamt. Die ehrenamtlichen Rotkreuzler sind in 24 Ortsvereinen organisiert. Sie gliedern sich nach Gemeinden und leisten eine unverzichtbare freiwillige Arbeit im Bereitschaftsdienst, in den sozialen Diensten und in der Ausbildung. Sie bilden sowohl den Unter- als auch den Überbau des Kreisverbandes und stellen das 14-köpfige Präsidium. An dessen Spitze steht seit Herbst 2025 der Noch-Landtagsabgeordnete Hans-Dieter Scheerer (FDP) als Nachfolger von Michael Steindorfner.

Wolfgang Hesl Foto: DRK

Kaum ein halbes Jahr im Amt, findet sich Scheerer an der Spitze einer Organisation wieder, in deren Gebälk es kräftig knirscht. Und das Knirschen kommt aus dem Hauptamt: In seiner zweiten Säule ist das Rote Kreuz im Kreis Böblingen ein großer mittelständischer Betrieb mit hunderten festangestellten Mitarbeitern. Darin führt der mittlerweile umstrittene Geschäftsführer Wolfgang Hesl die Geschäfte – mit harter Hand.

Der gebürtige Bayer Hesl kam unter Michael Steindorfner ins Amt, der dem Böblinger Kreisverband rund 20 Jahre vorstand. Zuvor war Hesl Geschäftsführer des Kreisverbands Kelheim im Bayerischen Roten Kreuz. Presseberichten zufolge trennten der Kreisverband und er sich „in gegenseitigem Einvernehmen“ im August 2021. Die „Mittelbayerische Zeitung“ berichtete damals, er habe „nicht das beste Verhältnis“ mit dem Vorstand gehabt.

Die Töne, die aus Hesls jetziger Wirkungsstätte in Böblingen zu vernehmen sind, klingen ähnlich. Hier allerdings scheint das Verhältnis zum Präsidium ein anderes zu sein: Unserer Zeitung liegt ein internes Schreiben vor, in dem das Präsidium Wolfgang Hesl ausdrücklich den Rücken stärkt. Er habe maßgeblichen Anteil am Erfolg des Roten Kreuzes und gehe mit Visionen und Leidenschaft zu Werke.

Nach außen wirkt das Rote Kreuz demzufolge gespalten wie selten zuvor. Eine Führungsriege, die geschlossen am eingeschlagenen Kurs festhält. Und eine Belegschaft, aus der unüberhörbare Alarmsignale zu vernehmen sind. Geht es nach den Werten des Roten Kreuzes, sollte das Präsidium die Alarmsignale ernst nehmen.