Japan freut sich auf die Rugby-Weltmeisterschaft. In unserer Bildergalerie erfahren Sie alles, was Sie darüber wissen müssen – viel Spaß beim Durchklicken. Foto: AFP/Filippo Monteforte

Wer wird neuer Rugby-Weltmeister? Rekordsieger Neuseeland? Irland, der Weltranglistenerste? Oder ein ganz anderes Team? Schwer zu sagen, denn so viele Titelanwärter wie in Japan gab es noch nie.

Tokio/Stuttgart - Erst einmal war da die Hitze. Hohe Luftfeuchtigkeit und 35 Grad im Schatten. Kann man da einen 80-minütigen Angriffswirbel entfachen, war die Frage in Neuseeland, denn Attacke ist der bevorzugte Stil der All Blacks, der heiß geliebten Rugby-Nationalmannschaft der Nation. Die Antwort: am besten mit leichtgewichtigen Spielern. Also schwer durchzuführen, denn die meisten Rugbyspieler sind Muskelpakete.

 

Dann war da die Wettervorhersage. Pünktlich zum Beginn der neunten Rugby-WM in Japan, die am Freitag (12:45 Uhr MESZ) mit der Partie des Gastgebers gegen Russland eröffnet wird und am 2. November mit dem Finale endet, soll es gießen wie aus Kübeln, sodass es auch noch hilfreich wäre, in einem anderen Leben Langstreckenschwimmer gewesen zu sein. Doch Spaß beiseite. Alle Mannschaften werden sich zwei oder sogar drei Wochen im Land der aufgehenden Sonne akklimatisiert haben, wenn es losgeht. Und die All Blacks, die den Winter der südlichen Hemisphäre hinter sich gelassen haben, haben sich schon vor der Abreise mit Saunabesuchen vorbereitet.

Das müssen Sie zur Rugby-WM in Japan wissen.

Nicht nur die Luft wird heiß sein in Japan, sondern auch die Atmosphäre. Die Weltspitze ist enger zusammengerückt. Keine Weltmeisterschaft seit der Premiere 1987 hatte so viele aussichtsreiche Titelkandidaten. „Sechs oder sieben Mannschaften können gewinnen“, sagt Warren Gatland, der Trainer von Wales. Das sind Rekordweltmeister Neuseeland, der 1987 und dann nach vielen Pleiten, Pech und Pannen bei den letzten beiden Championaten 2011 und 2015 triumphierte, die hochgehandelten Südafrikaner, der neue Weltranglistenerste Irland sowie Wales, England und Australien, das, wie die meisten vergessen, ohne seinen nach homophoben Tiraden gefeuerten Starspieler Israel Folau auskommen muss. Ach ja, und Frankreich, weil Weltmeisterschaft ist.

Auch mit den Franzosen ist bei einer WM immer zu rechnen

Mit „Les Bleus“ ist immer zu rechnen, wenn es um etwas geht, egal, wie unterirdisch ihre Vorstellungen in den vier Jahren dazwischen sind. Doch Favorit sind eigentlich immer die All Blacks, aber die haben in den vergangenen beiden Jahren ungewohnte Schwächen gezeigt. Und selbst in Hochzeiten sind sie als Favoriten mehrmals kläglich gescheitert, sonst hätten sie mehr als nur drei der acht möglichen WM-Titel gewonnen.

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Nun, da sie nach fast zehn Jahren vom Weltranglistenthron gestoßen worden sind, kann Trainer Steve Hansen die Rolle grinsend an Irland abschieben. „Ihr Iren seid die Nummer eins, also seid ihr die Favoriten“, sagte er bei einer Pressekonferenz in Tokio. „Jeder, der Favorit sein möchte, kann Favorit sein. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass man dadurch keine WM gewinnt.“ Das Geheimnis des Erfolges sei, „dass man Dinge tut, die niemand vorher getan hat. Das zeichnet Neuseeland aus“.

Neuseeland gegen Südafrika – Gigantenduell zum Auftakt der Gruppe B

Bereits am Samstag (11.45 Uhr MESZ) kommt es im ersten Spiel der Gruppe B in Yokohama zum Showdown der Giganten Neuseeland und Südafrika. Eine Partie, die keiner verlieren möchte, obwohl auch der Gruppenzweite ins Viertelfinale einzieht. Aber dem Verlierer droht in der ersten K.o.-Runde Irland, und das gilt es möglichst zu vermeiden. Die Springboks haben den All Blacks in den vergangenen zwei Jahren zugesetzt wie kein anderer Gegner. Sie gewannen in Wellington 36:34, verloren die Revanche in Pretoria in letzter Minute 34:36 und spielten zuletzt 16:16. Wie Irland, das die All Blacks in den vergangenen drei Jahren zweimal geschlagen hat, unterbanden sie das gefürchtete Angriffsspiel der Neuseeländer. Zeigten, dass die All Blacks schlagbar sind, und gewannen die Rugby Championship, die Meisterschaft der südlichen Hemisphäre.

Die Springboks aus Südafrika lassen die Muskeln spielen

Südafrikas Trainer Rassie Erasmus lässt sich nicht in seine Arbeit hineinreden. So hat er die Auswahlkriterien dahingehend geändert, dass jeder Spieler, der im Ausland unter Vertrag steht, nominiert werden kann, und er hat den Spielern neues Selbstvertrauen eingeflößt, Stärken geweckt, die Südafrika schon immer ausgezeichnet haben: unglaubliche Physis, Härte, unkompliziertes und direktes Spiel. „Wir haben die Spieler , um bei der WM eine entscheidende Rolle zu spielen“, sagte Erasmus schon bei seinem Amtsantritt im Februar 2018. Die Erfahrung von der WM 2015, als die Springboks ihr Gruppenspiel gegen Japan verloren, sollte Warnung genug sein, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Genauso wie das Beispiel der Australier, die sich kürzlich nach ihrem 47:26-Triumph gegen Neuseeland in Perth im siebten Himmel wähnten – und im Rückspiel in Auckland mit 0:36 demontiert wurden.

Der neuseeländische Traum vom Triple

Das hat die All Blacks, die seit der Pleite gegen Frankreich vor zwölf Jahren kein WM-Spiel mehr verloren haben, schon immer ausgezeichnet: Wenn man sie abschreibt, stehen sie auf wie ein Phönix aus der Asche, bügeln Schwächen aus und gewinnen dadurch neue Stärke. Trainer Hansen hat bei der Nominierung seines 31-Mann-Kaders einiges riskiert und unter anderem Stürmer Owen Franks zu Hause gelassen, obwohl er sonst eher auf Erfahrung als auf jugendliche Frische setzt. Aber für den Trainer, wie auch für Kapitän Kieran Read, geht es um mehr. Ihr Traum ist, ihre Karriere bei den All Blacks mit dem Titelgewinn – dem Triple – zu beenden.

Ein Traum, den auch zwei andere ehemalige All Blacks träumen: Warren Gatland und Joe Schmidt, die Trainer von Wales und Irland, die nach der WM nach Neuseeland zurückkehren werden.