Die Heim-WM vor einem Jahr endete für Frankreich mit einer Enttäuschung. Olympia-Gold versöhnt die Rugby-Nation nun. Und auch Superstar Antoine Dupont hat einiges zurechtgerückt.
Bei Olympischen Spielen gibt es ja bestimmte Regeln. Zum Beispiel: Wenn die Nationalhymne ertönt, ist der Wettbewerb sicher beendet, sind die Medaillen vergeben, wird der Sieger oder die Siegerin geehrt. So ist das normalerweise. Aber: Was ist schon normal, wenn es um Rugby geht – in Frankreich?
Schon am Tag nach der Eröffnungsfeier der Spiele von Paris lässt sich festhalten: so ziemlich gar nichts.
Woran das liegt: an der Rugby-Begeisterung der Franzosen, naturellement. An der französischen Nationalmannschaft, die als Goldfavorit ins Heimturnier gestartet ist, klar. Und auch: an Antoine Dupont. Der sagte am Samstagabend: „Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden.“
Die Nationalhymne zu Ehren der Olympiasieger im 7-er-Rugby war da gerade verklungen. Zum letzten Mal. Denn zum ersten Mal war die Marseillaise an diesem Tag im Stade de France im Norden Paris nicht gesungen worden.
Stunden zuvor, die französische Mannschaft spielte gerade ihr Halbfinale gegen Südafrika, stimmten die fast 80 000 Zuschauer in der riesigen und ausverkauften Arena schon nach wenigen Minuten die Nationalhymne an, sie taten das dann wieder und wieder – verstummten aber kurz, als die Kontrahenten ihrer Lieblinge in Führung gingen. Aber schon kurz danach wurde es wieder laut – weil Antoine Dupont dem Geschehen eine neue Wendung gab. Genau so, wie er am Abend dann auch das Finale gegen Fidschi entschied. Und ganz Frankreich glücklich machte. Sich selbst eingeschlossen.
Denn: Der Rugby-Superstar war gekommen, um etwas zurechtzurücken.
Bei der Heim-WM scheitert Frankreich im Viertelfinale
Wie gesagt: Die Bedeutung der Sportart ist riesig im deutschen Nachbarland. Und der Höhepunkt dieser speziellen Geschichte einer Sportart war eigentlich schon für das vergangene Jahr geplant gewesen. 2023 fand die Weltmeisterschaft in Frankreich statt. Es sollte das Turnier der Gastgeber werden. Und das von Antoine Dupont.
Der 27-Jährige gibt ja zunächst keine besonders imposante Erscheinung ab mit seiner Körpergröße von 1,75 Metern. Da gibt es im Rugbysport ganz andere Kaliber. Aber: Man muss nicht einmal ganz genau hinschauen, wenn er den Platz betritt, um zu sehen, welche Stärke und Durchsetzungskraft in ihm steckt. „Antoine ist einfach der beste Spieler der Welt“, sagt sein Teamkollege und Kapitän Paulin Riva, „wenn er auf den Platz kommt, sind wir selbstbewusster.“
Comeback nach schwerer Gesichtsverletzung
Diese Einschätzung unterstreicht Carlos Soteras-Merz. „Er ist der absolute Superstar unserer Sportart“, sagt der deutsche Nationalspieler, „er ist sehr fit, arbeitet hart, ist bei all seinen Erfolgen aber auch bodenständig geblieben.“ Dupont, der aus Lannemezan in der Nähe der Grenze zu Spanien stammt, hat mit seinem Club Stade Toulousain Meisterschaften und den europäischen Champions Cup gewonnen. Er wurde 2021 zum weltbesten Spieler gewählt, ist Werbegesicht zahlreicher namhafter Unternehmen und gewann mit Frankreich auch schon das bedeutende Six-Nations-Turnier. Aber ausgerechnet im vergangenen Jahr vergoss er Tränen der Enttäuschung.
In der Vorrunde der WM hatte sich Antoine Dupont eine schwere Gesichtsverletzung zugezogen. Jochbein und Oberkiefer waren gebrochen, eine Operation war notwendig. Aber: Im Viertelfinale gegen Südafrika lief Dupont schon wieder auf. Es reichte dennoch nicht. 28:29 – „das war für die Franzosen eine riesige Enttäuschung“, erinnert sich Carlos Soteras-Merz. Aber es gab da ja noch eine weitere Chance. Für Frankreich. Für Antoine Dupont.
Der nahm sich nämlich eine Auszeit von der populären 15-er-Variante, um das Nationalteam der olympischen 7-er-Disziplin zu verstärken. Solch eine Umstellung ist nicht leicht, sie braucht auch Zeit. Die hatte Dupont zwar nicht, zur Verstärkung wurde er dennoch – weil seine Fähigkeiten auch zu der Variante mit weniger Spielern passen: „Gute Soloaktionen, hohe Endgeschwindigkeit, eine gute technische Ausbildung“, zählt Carlos Soteras-Merz auf.
Vermutlich auch aus Respekt den bisherigen Nationalmannschaftsspielern dieser Disziplin gegenüber kam Antoine Dupont („Ich lerne noch und muss hier keine großen Reden schwingen“) in der entscheidenden Phase des olympischen Turniers von der Bank. Doch auch dem Finale drückte er mit zwei erfolgreichen Versuchen seinen Stempel auf – als fast ganz Frankreich mitfieberte. Auch in den anderen olympischen Sportstätten.
Spontaner Jubel an anderen Sportstätten
In der Handballhalle schauten viele auf dem Handy das Endspiel im Rugby anstatt auf das Spielfeld vor Ort. Und als der 28:7-Triumph dann perfekt war, wurde sowohl in der Schwimm-Arena als auch beim Tennis in Roland Garros „Allez les bleus“ skandiert. „Eine immense Freude“ spüre er, sagte Dupont, als er die Medaille um den Hals hatte und immer wieder den Biss-Test machte. „Die Zuschauer“, erklärte er noch, „haben uns unglaublich unterstützt.“ Und natürlich betonte er: „Es ist ein Erfolg des Teams.“
Aus dem der Superstar herausragte. Der wurde vom Staatspräsidenten Emmanuel Macron geherzt, ließ sich am Abend mit dem Team von den Fans in der Stadt feiern. Freut sich nun aber auch auf den Urlaub. „Ich werde regenerieren“, sagte Antoine Dupont, „das brauche ich jetzt – physisch und psychisch.“
Nach dieser ganz besonderen Gold-Mission.