Abiturprüfungen - bald für jeden mit genügend Zeit? Foto: dpa

Abitur nach acht oder neun Jahren ­Gymnasium? Darüber sollen die Schüler nach der zehnten Klasse selbst entscheiden, fordern Lehrer und Eltern. Ein Modell haben sie bereits.

Abitur nach acht oder neun Jahren ­Gymnasium? Darüber sollen die Schüler nach der zehnten Klasse selbst entscheiden, fordern Lehrer und Eltern. Ein Modell haben sie bereits.

Stuttgart - „Was in Finnland gang und gäbe ist, müsste doch auch in Deutschland möglich werden“, sagte sich der Mössinger Studiendirektor Friedemann Stöffler 2009 nach einer Reise in den Norden. Dort entscheiden Schüler, die das Abitur anstreben, selbst, wann sie welche Kurse besuchen und ob sie die Reifeprüfung nach zwei, drei oder auch vier Jahren ablegen. Wie sich das finnische Modell auf Deutschland übertragen ließe, hat die Schulleitung des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums in Mössingen bei Tübingen am Freitag in Stuttgart vorgestellt.

Zusammen mit anderen Interessierten und mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung hat das Privatgymnasium, das 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, ein Konzept entwickelt: Der Unterrichtsstoff der Oberstufe wird auf Kurse verteilt, die jeweils ein halbes Jahr dauern. Die Schüler entscheiden dann, wie viele dieser Kurse sie pro Halbjahr wählen. Wer in zwei Jahren zum Abitur kommen will, muss mehr Kurse besuchen als Schüler, die sich drei Jahren Zeit nehmen. Möglich wäre auch, dass Schüler zwischendurch ins Ausland gehen oder Praktika machen.

„Die Frage G 8 oder G 9 ist dumm“

Beim Landeselternbeirat rennt Stöffler mit seinem Plan offene Türen ein. „Die Frage G 8 oder G 9 ist dumm“, sagte der Landesvorsitzende Carsten Rees. Nötig sei beides. Das achtjährige Gymnasium müsse weiterentwickelt werden und Schülern Wahlmöglichkeiten beim Tempo eingeräumt werden. Bei Umfragen gibt ein Großteil der Eltern an, dass sie ihren Kindern lieber neun Jahren Zeit ließen. Nicht weil ihre Kinder zu langsam sind, sondern weil sie diesen neben der Schule auch Zeit für Sport, Musik, Jugendarbeit oder anderes geben wollten, so Rees. Deshalb unterstützt er die Forderung der Mössinger Schulleitung nach einem baldigen Schulversuch.

Zum Schuljahr 2015/16 – wie Stöffler hofft – wird das nicht klappen. Erst vor einer Woche erklärten Kultusminister Andreas Stoch (SPD) und SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel, dass vor der Landtagswahl 2016 keine weiteren Modellversuche starten könnten – „aus organisatorischen und technischen Gründen“. Auch sollten zuerst die Erfahrungen der 44 Modellschulen mit G-9-Zügen ausgewertet werden.

Außerdem kann das Kultusministerium in dieser Frage gar nicht allein entscheiden. Weil bei dem Modellversuch grundsätzliche Punkte der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung geändert würden, müssten 75 Prozent der KMK-Mitglieder zustimmen, also mindestens 12 der 16 Bundesländer. Dort gebe es jedoch Bedenken gegen die Dehnung der Qualifikationsphase von zwei auf drei Jahre und gegen die Möglichkeit, die Prüfungen in unterschiedlichen Jahren abzulegen, sagte ein Ministeriumssprecher in Stuttgart. Viele betrachteten es als „Verstoß gegen die Bildungsgerechtigkeit“, wenn Schüler unterschiedlich viel Zeit für die Prüfungsvorbereitung hätten.

Ziel, alle möglichst gut zu qualifizieren

Von diesem Denken müsse sich Deutschland verabschieden, forderte die Heidelberger Erziehungswissenschaftlerin Anne Sliwka. Angesichts der Vielfalt in den Klassen sei es wenig hilfreich, dass alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen sollten. Ziel müsse vielmehr sein, alle möglichst gut zu qualifizieren und ihnen die dafür nötige Zeit zu geben. „Die Anforderungen, die Abiturienten nach zwei oder drei Jahren erbringen müssen, unterscheiden sich ja nicht – sie sind und bleiben anspruchsvoll.“

Für Wahlmöglichkeiten plädieren auch Ilona Wolf und Marcel Schliebs vom Landesschülerbeirat. Auslandaufenthalte seien schwieriger geworden, weil Klasse 11 und 12 komplett am Stück absolviert werden müssten. Auch seien viele Schüler zum Zeitpunkt ihres Abiturs 17 oder jünger und wüssten noch nicht, was sie machen wollen. „Viele chillen erst einmal“, so Schliebs. „Das kann nicht der Sinn der G-8-Reform gewesen sein.“ Er selbst würde sich erneut für G 8 entscheiden, wünschte sich aber auch mehr Wahl bei den Fächern. „Ich weiß zwar, wie elektromagnetische Wellen interferieren und biochemische Synapsen funktionieren, habe aber im gerade mal einstündigen Politik-Unterricht nie gelernt, wie die Europäische Union aufgebaut ist, wie sich Finanzmärkte verhalten und wie eine Gesellschaft funktioniert.“

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