Kardinal Reinhard Marx: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“. Foto: /Filippo Monteforte

Erdbeben in der Kirche: Kardinal Reinhard Marx, einer der prägendsten Gestalten der katholischen Kirche in Deutschland tritt ab. Der Münchner Erzbischof und päpstlicher Top-Berater hat Papst Franziskus in einem Brief gebeten, ihn aus dem Bischofsamt zu entlassen.

München/Stuttgart - Kennen Sie die Karikatur „Dropping the Pilot“, die von der britischen Satirezeitschrift „Punch“ am 23. März 1890 veröffentlicht wurde? Diese berühmte Zeichnung ist im Deutschen bekannt als „Der Lotse geht von Bord“. Sie zeigt Otto von Bismarck, der wenige Tage zuvor als deutscher Reichskanzler – auf Drängen von Kaiser Wilhelm II. – zurückgetreten war.

Die angekündigte Demission von Kardinal Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising, dürfte für die katholische Kirche in Deutschland, ja für die ­Weltkirche, ähnlich schwerwiegend sein wie ­Bismarcks Abtreten. Wenn auch es in der Causa Marx wohl nicht Papst Franziskus gewesen ist, der den 67-Jährigen zum Aufgeben genötigt hat.

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In einem Brief vom 21. Mai hat der Kirchenmann den Papst gebeten, „seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen und über seine weitere Verwendung zu entscheiden“, teilt das Erzbistum am Freitag mit und druckt gleich den gesamten „Brief an Heiligen Vater vom 21. Mai und persönliche Erklärung“ ab. Auf Wunsch des Papstes bleibt Marx vorerst im Amt.

Sein Nachfolger als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, zollt Marx „großen Respekt“

Hier können Sie den Brief von Kardinal Reinhard Marx an Papst Franziskus lesen.

Und hier die persönliche Erklärung des Münchner Erzbischofs.

Marx: Die katholische Kirche ist an einem „toten Punkt“ angekommen

„Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, schreibt der Erzbischof. Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn durchgängig, dass es „viel persönliches Versagen und administrative Fehler“ gegeben habe, aber „eben auch institutionelles oder systemisches Versagen“.

Und dann spricht Reinhard Marx jenen Satz aus, der von einem Kirchenmann in seiner Position (fast) nie zu hören ist: Die katholische Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen. Mit seinem Amtsverzicht könne vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche: „Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums.“

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Seit Monaten mit Rücktrittsgedanken gespielt

Marx teilt dem Papst weiter mit, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht. „Ereignisse und Diskussionen der letzten Wochen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.“ Seine Bitte um Annahme des Amtsverzichts sei eine ganz persönliche Entscheidung.

„Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.“ Bis zu einer Entscheidung über den Rücktrittswunsch soll er seinen bischöflichen Dienst weiter ausüben.

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Marx und Woelki – welch ein Kontrast

Welch ein garstig breiter Graben tut sich da auf zwischen Marx und seinem Kardinalskollegen Rainer Maria Woelki, dem das Kölner Erzbistum wegen der Versäumnisse kirchlicher Führungskräfte bei der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs durch Priester buchstäblich um die Ohren fliegt.

Marx ist einer der bekanntesten Bischöfe Deutschlands. In der Reformdebatte der katholischen Kirche in Deutschland, dem Synodalen Weg hat vor allem er sich zuletzt als reformfreudig hervorgetan.

Der stramm Konservative, der zum Reformer wurde

Was für einen Weg hat dieser Reinhard Marx in fast sieben Lebensjahrzehnten hinter sich gebracht. Geboren am 21. September 1953 in Geseke, im erzkonservativ-katholischen Westfalen, wurde er 1979 durch seinen Mentor, den Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt zum Priester geweiht.

Marx war ganz nach dem Geschmack traditionsbewusster Katholiken. Selbst- und sendungsbewusst, stramm konservativ, rhetorisch eloquent, der katholischen Soziallehre verpflichtet, intellektuell brillant und kirchlich der Hierarchie und Rom treu ergeben. Seine Dissertation „Ist Kirche anders?“ schrieb er bei dem renommierten Fundamentaltheologen Hermann Josef Pottmeyer, der viele Jahre Mitglied der Päpstlichen Theologenkommission war. 1996 wurde er Weihbischof von Paderborn, 2001 dann Bischof von Trier.

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Der Missbrauchsskandal wurde zum Wendepunkt

Im ältesten deutschen Bistum war Marx – wie alle seine episkopalen Mitbrüder – mit Missbrauchsskandalen durch Kleriker konfrontiert. 2006 hatte er selbst versäumt, gemäß der Leitlinien der Bischofskonferenz mehreren Fällen von sexuellem Missbrauch durch einen Trierer Priester nachzugehen.

Schon seit zwölf Jahren im Amt des Münchener Erzbischofs und damit aufgestiegen in den kirchlichen Olymp, ließ Marx seinen Sprecher 2019 bekannt geben, dass sein Versäumnis von damals ihn sehr plage und dass er heute anders handeln würde.

Vom Bannerträger der Konservativen zum Hoffnungsträger der Reformer: Was für eine unglaubliche Karriere hat dieser Reinhard Marx hingelegt. Für diesen Sommer wird ein Gutachten über Fälle von sexuellem Missbrauch in seinem Münchner Erzbistum erwartet, das vor allem herausarbeiten soll, wie sexueller Missbrauch von Priestern in dem Kirchensprengel möglich wurde und ob hochrangige Geistliche die Täter schützten.

Reinhard Marx und Papst Franziskus

Der römische Zentralismus mit seiner klerikalen Hierarchie und seinem strikten Gehorsamsprinzip ist eine der tragenden Säulen des Katholizismus. Was der Papst in Rom beschließt, das gilt und wird von oben nach unten tradiert und befolgt. So war es, und so hätte es bis zum Tag des Jüngsten Gerichts auch bleiben sollen – wäre nicht Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 zum 266. Bischof von Rom gewählt worden.

Der als Reformer angetretene Papst Franziskus treibt seitdem den interreligiösen Dialog voran, geißelt Klerikalismus und Reformunwilligkeit, lobt Martin Luther und die Reformation, lockert die Sexualmoral (zumindest ein klein wenig) und geht demonstrativ auf wiederverheiratete Geschiedene zu.

Reinhard Marx ist seit 2013 als eines von zeitweise neun Mitgliedern des Kardinalsrates ein Franziskus-Intimus und voll auf der ideologischen Linie des Papstes. Wobei der 67-Jährige­ alles andere als ein Revoluzzer oder Liberaler ist (und nie war), auch wenn er in Einzelfällen den gemeinsamen Kommunionempfang konfessionsverschiedener Ehepartner ermöglichen will und eine Segnung homosexueller Paare in Aussicht stellt.

Bewahrer der Tradition und Erneuerer der Kirche

Marx ist von seinem innersten Wesen her konservativ – ein Bewahrer der 2000 Jahre alten kirchlichen Tradition – und durch seine Erfahrungen als Bischof zu einem Reformer geworden, der weiß, dass die katholische Kirche nur im Wandel eine Zukunft hat.

Eine zentrale Größe im Denken Marx’ ist der Begriff „Freiheit“, der sich auch in seinem erzbischöflichen Wappen wiederfindet. Marx fordert das Projekt einer kirchlichen Aufklärung: Im Zentrum diesen Projektes müsse der Mensch und seine Würde stehen.

Die Rolle der Kirche dürfe nicht die des Moralproduzenten sein, hat Marx immer wieder gefordert. Sie müsse vielmehr das Evangelium verkünden, das den Menschen einen Zugang zu Gott eröffnen wolle und eine Wirklichkeit verkünde, die größer als der Mensch sei und sich trotzdem um diesen kümmere. Dies genau ist auch der Ansatz von Papst Franziskus.

Marx’ zermürbender Kampf gegen bischöfliche Blockierer

Seit nunmehr 25 Jahren sitzt Marx an den Schalthebeln kirchlicher Macht. Wobei die Hebel im Laufe seiner Kirchenkarriere immer mächtiger wurden. 2014 wurde Marx zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Die Amtszeit beträgt zwar sechs Jahre, aber für ein Schwergewicht wie ihn war eine zweite Amtszeit so gut wie gesetzt.

Doch es kam anders: Im Februar 2020 kündigte er an, nicht mehr für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Die Bischöfe wählten daraufhin den Limburger Oberhirten Georg Bätzing zu seinem Nachfolger – wie er ein Mann ehrlicher Worte.

War schon damals vor einem Jahr Amtsmüdigkeit im Spiel? Hat der dauernde, zermürbende Kampf gegen Blockierer und Verweigerer im katholischen Episkopat Reinhard Marx resignieren lassen? Es scheint fast so.

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