Die Bürgermeisterin der 1700-Einwohner-Gemeinde Altheim im Alb-Donau-Kreis , Selina Holl, gibt ihr Amt auf. Foto: Gemeinde Altheim

Nach nur gut zwei Jahren tritt die Bürgermeisterin der kleinen Gemeinde Altheim, Selina Holl, tief enttäuscht vom Amt zurück. Sie beklagt, fortwährend in der Kritik gestanden zu haben.

Das Wort „Mobbing“ hat sie wohlweislich vermieden in ihrer finalen großen Erklärung für die Öffentlichkeit. Aber was Selina Holl, die seit 2023 Bürgermeisterin der 1700-Einwohner-Gemeinde Altheim im Alb-Donau-Kreis ist, auf der kommunalen Homepage über ihre Beweggründe schreibt, lässt tief genug blicken. „Hauptgrund des Rücktritts ist die anhaltende Kritik und ein damit verbundenes Misstrauen gegenüber mir und meinen Mitarbeitern und ständig wiederkehrende Beschwerden über unsere Arbeitsleistung, die den Arbeitsablauf massiv beeinflussen und erschweren.“ Zum 30. September werde sie deshalb zurücktreten.

 
Selina Holl Foto: Fotografie Schielberg

Dabei stand die Amtsinhaberin, als sie Mitte September vor zwei Jahren mit 747 Stimmen gewählt wurde, was einem Anteil von 89 Prozent entsprach, für die Zukunft eines Ortes, in dem unverändert der historische Turm der evangelischen Pfarrkirche „Unsere Liebe Frau“ in den Himmel ragt, in dem es noch viele Vereine gibt, aber längst keine Schule mehr. Dass die Altheimer Wählerschaft einer 29-jährigen Verwaltungsfachwirtin das Vertrauen gab, ließ sich sogar als Zeichen eines Gesellschaftswandels deuten, einem Ja zu Weiblichkeit und Jugend auf einem kommunalen Chefposten.

Da liegt Altheim. Foto: Lange

Alles eine schöne Illusion, glaubt man jetzt Selina Holls Worten. In ihrer Erklärung wird sie noch einmal deutlicher: „Ein weiterer Grund sind die immer wieder öffentlich geäußerten Bedenken hinsichtlich der weiteren Ausübung meines Amtes und dem gleichzeitigen Aufrechterhalten des Familienlebens.“ Im Mai wurde die jetzt 31-Jährige zum zweiten Mal Mutter, ein neuer Partner zeigte sich an ihrer Seite. Sie habe aber „immer vollen Einsatz gezeigt, auch während des Mutterschutzes sowie kurz nach Geburt meiner Tochter im Krankenhaus und während des Wochenbetts“. Sie resümiert, wie man das von Männern eher nicht kennt: „Dies war anscheinend nicht ausreichend, und die Unzufriedenheit im Dorf und meine Unsicherheit haben stetig zugenommen.“ Es sei für sie „schwer zu begreifen“, dass „ich schon nach so kurzer Zeit scheitere“.

Fall hat Kreise gezogen

Für Donnerstag dieser Woche sagt die Noch-Bürgermeisterin einen Gesprächstermin mit unserer Zeitung zu, im Anschluss an eine kurzfristig anberaumte, nicht öffentliche Gemeinderatssitzung am Mittwochabend. Aber danach sagt sie den Termin wieder ab, ohne Begründung, „leider“. Was sich Stunden vorher im zehnköpfigen Gemeinderat hinter verschlossener Tür abgespielt hat, lässt sich nur erahnen. Der Fall hat trotzdem längst Kreise gezogen, bis hinein in den Städtetag Baden-Württemberg. Bei Ralf Broß, dem Geschäftsführenden Vorstandsmitglied des Kommunalverbandes, kommen die Nachrichten aus Altheim nicht gut an. „Der Rücktritt zeigt erneut, dass Frauen in kommunalpolitischen Spitzenämtern noch immer mit besonderen Hürden zu kämpfen haben. Das muss uns aufrütteln. Außerdem müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, dass in Baden-Württemberg weniger als zehn Prozent der Rathäuser von Bürgermeisterinnen geführt werden.“ Ganz genau genommen sind es nur knapp neun Prozent aller Rathäuser, die in Baden-Württemberg von Frauen geleitet werden, nur jeder zwölfte Chefsessel ist weiblich besetzt, das liegt noch unter dem Bundesdurchschnitt. Im März 2024 startete der Städtetag mit Unterstützung des Innenministeriums die Kampagne „Bürgermeisterin? – Ich mach das!“, zentral dabei ist eine informierende Homepage mit der Adresse www.buergermeisterin.de. Dort sind in Porträts Frauen zu finden, die ihre Erfahrungen im Amt schildern.

Frauenanteil gering

Der Städtetag hat es schwer. Laut einem Sprecher muss nicht nur ein verbreitetes gesellschaftliches Traditionsdenken geknackt werden, um den Frauenanteil in Rathäusern zu erhöhen. Auch Häme und Hetze gegen Amtsträgerinnen in den sozialen Medien gehören längst zum Alltag und schrecken ab. So hat die Bundesbauministerin Verena Hubertz, als sie dieser Tage über ihre Schwangerschaft informierte, nach verschiedenen Medienberichten keineswegs nur Glückwünsche bekommen. In Kandidatenrunden zu Kommunalwahlen würden Frauen immer noch öffentlich gefragt, wie sie im Amt Familie und Arbeit zusammenbekommen wollen – das sei bei Männern nicht der Fall, heißt es beim Städtetag.

Unklar ist nun, wie die berufliche Zukunft von Noch-Bürgermeisterin Selina Holl aussieht. Womöglich wird sie sich dazu am 4. September äußern, wenn der Altheimer Gemeinderat wieder öffentlich tagt. Der einzige angekündigte Tagesordnungspunkt der Sitzungsvorlage lautet: „Vorbereitung der Wahl des Bürgermeisters“.