Bei Stuttgarter Filmschaffenden ist die Enttäuschung groß: Tausende von Requisiten werden versteigert, weil der Südwestrundfunk die Sammlung auflöst. Die Entscheidung sei „fatal für die Entwicklung des Filmstandortes“, kritisiert der Filmverband Südwest.
Der Businessplan war geschrieben, am Karlsruher Hafen eine Halle gefunden. Eigentlich wollten der Stuttgarter Filmproduzent Hamilton Pereira und Daniel Hofmeier, der Vorsitzende vom Filmverband Südwest, den SWR-Fundus übernehmen. Doch der öffentlich-rechtliche Sender lässt die Requisitensammlung nun versteigern. Rund 200 000 Gegenstände kommen unter den Hammer. Die Lagerhalle des Senders in Baden-Baden ist verkauft und muss bis Ende des Jahres leer geräumt werden. Ein großer Teil der Stücke sei bereits an den Berliner Dienstleister Theaterkunst, das Stuttgarter Staatstheater und das Theater in Baden-Baden übergeben worden, teilt der Südwestrundfunk mit, ein weiterer Kooperationspartner habe sich nicht gefunden. Hamilton Pereira und Daniel Hofmeier ist nämlich die Zeit davon gelaufen.
Der SWR konnte nur die Halle ohne Inhalt veräußern
Dass der Fundus bei der Landesrundfunkanstalt keine Zukunft mehr hat, ist seit Ende 2021 bekannt. Der SWR muss sparen, das Lagern der Requisiten kostet Geld. Vor zwei Jahren begannen dann Filmverband und Filmschaffende sich um eine Lösung zu bemühen. Weil die Resonanz ausblieb, sammelten sie Unterschriften, um die Politik einzuschalten. „Es gab keinen offenen Dialog, der SWR hat uns nicht ernst genommen“, wirft Hamilton Pereira den Verantwortlichen vor. Dessen Hoffnung sei vermutlich gewesen, dass ein zahlungskräftiger Investor die Halle samt Inhalt kaufen würde. Am Ende konnte nur das Gebäude veräußert werden, und den Filmschaffenden blieben zwei Monate, um mehr als eine Halbe Million Euro aufzutreiben. Allein der Umzug in das Lager am Hafen hätte 71 Tage gedauert und fast 300 000 Euro gekostet.
„Bedauerlicherweise ist es in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht gelungen, ein tragbares Konzept vorzulegen“, begründet der SWR nun seinen Schritt. Für die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg war der Businessplan von Hamilton Pereira und Daniel Hofmeier nicht förderfähig. Es wäre „ein Risikogeschäft“ mit hohen Anlaufkosten und einem Gewinn in sechs bis sieben Jahren gewesen, räumt er ein. „Für eine Bank sind das keine tollen Zahlen.“ Aber der Filmproduzent hat Erfahrung in dem Geschäft, betreibt seit 14 Jahren einen Fundus in Lissabon. Und er kennt die SWR-Requisiten, schwärmt von „tollen Kutschen, alten Flippern“ oder Original-Notrufsäulen. Die Sammlung hätte es umsonst gegeben, als Ausgleich hätte der Sender sie weiter nutzen können, darin waren sich die Beteiligten einig. Doch weder ein Crowdfunding noch zusätzliche Kooperationspartner ließen sich auf die Schnelle organisieren.
Der Szenenbildnerin blutet das Herz
Die Entscheidung des SWR sei „fatal für die Entwicklung des Filmstandortes“, kritisiert der Filmverband Südwest. Sie sei „umso bedauerlicher angesichts der Tatsache, dass es einen potenziellen Standort und Interessenten für den Weiterbetrieb gab“. Ihre Requisiten müssen sich die Ausstatter stattdessen in München, Köln oder Weimar besorgen. „Gleichzeitig macht man Schulungen in Green Shooting“, ärgert sich Steffen Staudenmaier, denn Dreharbeiten müssen nachhaltig sein, um Förderung zu erhalten. Der Projektleiter in der Abteilung Szenenbild der Filmakademie Ludwigsburg hält auch vom Argument des SWR nichts, dass die Digitalisierung Requisiten ersetze: „So lange Schauspieler eingesetzt werden, braucht man Requisiten“, sagt er. Und bislang werden für einen Tatort-Dreh noch immer tausende von Gegenständen benötigt.
Filme aus Baden-Württemberg werden teuerer
Mit seiner Stuttgarter Kollegin Romy Müller ist er sich einig, dass Filmdrehs in Baden-Württemberg ohne zentral gelegenen Fndus teuerer werden. „Der SWR schneidet sich ins eigene Fleisch“, findet er. Für Romy Müller ist es ihr Berufsstand, der schon den Preis dafür bezahlt, dass der Sender bereits seit Jahren an Fremdproduktionen kaum noch Ausstattung verliehen hat. Viele Stunden ihrer Arbeitszeit verbringt sie auf Autobahnen. „Oder die Qualität leidet, weil wir weniger Requisiten zur Verfügung haben“, erklärt Romy Müller. Beim Gedanken an die Versteigerung des SWR-Fundus’ blutet der Stuttgarter Szenenbildnerin das Herz: Sie nennt die Sammlung „unser Wunderland“. Als Konsequenz müssten die Produktionsfirmen künftig ihr Budget erhöhen, lautet ihr Appell. „Vielleicht ist Umziehen doch die Lösung“, ergänzt sie, „in anderen Regionen ist es einfacher, zu arbeiten.“