Rutesheim bot als einziges Gymnasium im Kreis bisher Abitur nach 13 Jahren an. Nach der Wiedereinführung von G9 im Land sind die Zahlen konstant, in Renningen steigen sie rasant.
In den letzten Tagen vor den Sommerferien ist ganz schön was los am Gymnasium Renningen. Sporttag, Wandertage und andere Ausflüge stehen an. Zeugnisse müssen gefertigt und von Schulleiterin Gaby Bundschuh unterschrieben werden. Und wenn das alles vorbei ist, dann stehen die letzten Vorbereitungen für das neue Schuljahr an, das eine Besonderheit mit sich bringt: die Rückkehr zu G9, also dem Abitur nach insgesamt 13 Schuljahren. Zumindest für die neuen Fünftklässler.
„Wir werden das erste Mal fünf Klassen in Klassenstufe 5 haben“, berichtet Bundschuh. 128 Schülerinnen und Schüler sind für das kommende Schuljahr angemeldet. „Das ist enorm“, findet sie. In der aktuellen Klassenstufe fünf sind es 76, verteilt auf drei Klassen.
Neubaugebiet Schnallenäcker sorgt für mehr Kinder
Doch woher kommt der plötzliche Ansturm? Die Schulleiterin sieht gleich mehrere Gründe. „Zum einen schlägt bei uns jetzt das Neubaugebiet Schnallenäcker durch“, sagt Gaby Bundschuh. Das Gebiet Schnallenäcker II wurde seit 2015 bebaut und war laut Stadt Renningen „schnell aufgesiedelt“. Dorthin waren viele junge Familien gezogen. „Dass jetzt eine größere Zahl an Schülern kommt, war uns also bekannt“, erklärt Gaby Bundschuh. Ein Alleinstellungsmerkmal der Schule in der Region sei zudem der bilinguale Zug, also das bereits ab Klasse fünf einige Fächer in Englisch unterrichtet werden.
Dass die Grundschulempfehlung ab dem neuen Schuljahr verpflichtend ist, ein Kind mit einer Empfehlung für die Realschule also nicht mehr das Gymnasium besuchen darf, habe sich kaum ausgewirkt. Eher im Gegenteil. „Manche Eltern haben ihr Kind im Zweifelsfall doch am Gymnasium angemeldet statt an der Realschule, weil die Kinder durch G9 jetzt einfach mehr Zeit haben“, sagt die Schulleiterin, gerade wenn die Gymnasialempfehlung nur knapp erfolgt war.
Genug Platz für die fünf neuen fünften Klassen gibt es in Renningen. „Das liegt an der Art und Weise, wie das Schulzentrum gebaut ist. Wenn wir mehr Räume brauchen beispielsweise und die Realschule weniger, können wir das entsprechend einrichten.“ Allerdings könne man so künftig nicht jedes Jahr fünf neue Klassen aufnehmen. „Es ist aber ohnehin geplant, das Schulzentrum Renningen in den kommenden Jahren zu erweitern“, sagt Gaby Bundschuh.
Auch wenn sie selbst die plötzliche Rückkehr zu G9 anfangs nicht verstehen könnte – „man hat sich in 20 Jahren einfach daran gewöhnt und wir hatten immer sehr gute Abitur-Schnitte“ –, so freue man sich jetzt auf G9. „Das Lernen wird stressfreier, es bleibt mehr Zeit für die Entwicklung der Kinder, die die Schule viel erwachsener verlassen werden“, sagt die Rektorin. Ein Jahr mache viel aus, das habe sie auch bei ihren eigenen Kindern gesehen.
Auch im benachbarten Rutesheim sorgt die Rückkehr vom acht- zum neunjährigen Gymnasium für Veränderungen – auch wenn die Schule bereits seit 2013 als einzige Schule im Kreis Böblingen wieder G9 anbieten durfte. „Wir haben die Gelegenheit genutzt, um unser pädagogisches Profil zu schärfen“, sagt Schulleiter Jürgen Schwarz. So werde es künftig in Klasse 5 und 11 ein Grundlagentraining in Mathematik und Deutsch geben, damit alle auf dem gleichen Stand sind. Auch die Stundtafel habe man standardisiert.
Für das „neue“ G9 habe man nur ganz wenige Sachen ändern müssen. So weiche etwa in wenigen Fächern die wöchentliche Stundenzahl etwas ab. „Aber 90 Prozent sind so, wie wir das bisher schon hatten“, sagt Schwarz. Der Bildungsplan, also die Inhalte der Fächer, sei auch gleich geblieben.
Zehn Prozent Schüler weniger wegen Grundschulempfehlung
Obwohl G9 nun wieder an allen Gymnasien möglich ist, sind die Anmeldezahlen für das neue Schuljahr in Rutesheim nicht wesentlich zurückgegangen. 167 Kinder wurden bis März für das kommende Schuljahr angemeldet, zwei sind noch dazugekommen. Aktuell hat das Gymnasium 185 Fünftklässler. „169 Schüler in sechs Klassen sind eine solide Zahl, da müssen wir keine 30er-Klassen bilden“, erklärt Schwarz.
Den minimalen Rückgang der Anmeldungen begründet Jürgen Schwarz mit der Verbindlichkeit, die künftig wieder für die Grundschulempfehlung gilt. „Bisher hatten immer rund zehn Prozent der Fünftklässler keine Empfehlung fürs Gymnasium. Das kommt also in etwa hin“, sagt der Schulleiter. Das G9-Angebot habe vielleicht in den Anfangsjahren eine Rolle gespielt, in der jüngeren Vergangenheit seien aber nur vereinzelt Schüler aus Renningen oder Leonberg gekommen. „Wir haben uns schon immer auf unsere Gründungskommunen konzentriert.“ Rutesheim hatte sich mit Weissach sowie den Enzkreis-Kommunen Heimsheim, Friolzheim, Mönsheim und Wimsheim zusammen geschlossen und 1997 das Gymnasium gegründet. Der Schulneubau wurde schließlich 1999 bezogen.
Von den umliegenden Schulen habe sich keine in Rutesheim Rat geholt für die Ausgestaltung des eigenen G9. „Wir waren aber im Austausch mit dem Kultusministerium, was gut gelaufen ist und sich bewährt hat“, sagt der Leiter des Rutesheimer Gymnasium. Dass es künftig nur noch eine Schule im ganzen Bundesland gibt, die G8 anbietet, sieht er skeptisch. „Es hat beides seinen Platz. Man kann gutes G8 und schlechtes G9 machen. Aber die Vorgaben, beides parallel anzubieten, sind einfach sehr schwer umzusetzen“, kritisiert Schwarz.
Rückkehr zu G9
Anmeldezahlen
Für folgende Schulen liegen uns Anmeldezahlen der fünften Klassen für das Schuljahr 2025/26 vor: Albert-Schweitzer-Gymnasium Leonberg 103 (2024/25: 88), Johannes-Kepler-Gymnasium Leonberg 105 (129), Gymnasium Renningen 127 (76), Gymnasium Rutesheim 167 (185), Johannes-Kepler-Gymnasium Weil der Stadt 91 (108).
Von G8 auf G9
Das Abitur nach insgesamt 12 Schuljahren wurden zum Schuljahr 2004/05 eingeführt, der erste Jahrgang machte 2012 Abitur. Bereits im folgenden Schuljahr wurde an 22 Modellschule G9 testweise wieder angeboten. Ein Jahr später kamen 22 weitere Gymnasien dazu, je Landkreis eines. Im Kreis Böblingen war dies das Gymnasium Rutesheim. Nach wachsender Kritik an G8 und einem Bürgerbegehren für die Rückkehr zu G9 beschloss die grün-schwarze Landesregierung dies im vergangenen Jahr ab dem Schuljahr 2025/26. Den ersten Abi-Jahrgang wird es 2031 geben. Nur das Karlsgymnasium in Stuttgart bietet noch G8 an.