An den Werkrealschulen gebe es eine Fülle von Problemen, sagt Gerhard Menrad. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Insbesondere in der Werkrealschule sind die Probleme groß. Die Bildungsreform werde dem nicht gerecht, sagt Gerhard Menrad, geschäftsführender Schulleiter in Stuttgart. Rückendeckung bekommt er von der Schulbürgermeisterin Isabel Fezer.

Gerhard Menrad sieht die Prioritäten bei der Bildungsreform falsch gesetzt und den Fokus zu sehr auf das Gymnasium gerichtet. Das sagte der geschäftsführende Schulleiter der Werkreal-, Real und Gemeinschaftsschulen in Stuttgart am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion unserer Zeitung. In manchen Werkrealschulklassen gebe es eine solche Problemfülle, dass sich die Frage stelle, ob es sich überhaupt noch um eine Regelschule oder um ein Sonderpädagogisches Bildungszentrum handle.

 

„Vor dem Hintergrund wäre es geboten, dass man darüber nachdenkt, wie man die Sekundarstufe-I-Schulen jenseits des Gymnasiums neu aufstellt. Denn unser aktuelles System wird den Anforderungen der Gesellschaft nicht gerecht“, sagte Menrad. Es seien die Werkreal-, Real und Gemeinschaftsschulen, welche die Mehrzahl der neuzugezogenen Kinder bei sich in Vorbereitungsklassen aufnehme, in ihre Regelklassen integriere und so zu einem Schulabschluss führe. Zudem würden diese Schularten einen Großteil der Inklusion stemmen, und dies meistens ohne das entsprechende Fachpersonal.

Die Bildungsreform beinhalte zu viele Kompromisse, sagte die Schulbürgermeisterin Isabel Fezer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Rückendeckung bekam Gerhard Menrad von der Stuttgarter Schulbürgermeisterin Isabel Fezer. „Manchmal macht es mich kirre, dass Eltern in Baden-Württemberg denken, dass das Gymnasium der einzige Weg zur Glückseligkeit ist.“ Es gebe viele Wege zum Abitur. Allerdings müsse das auch deutlich gemacht werden. „Das vermisse ich“, sagte Fezer. Sie hätte sich gewünscht, dass „wenn das Land G9 wieder einführt, es Schluss macht mit halben Sachen und eine ordentliche Schulgesetznovelle auf den Weg bringt“. Die aktuelle Bildungsreform beinhalte zu viele Kompromisse. So sei jetzt ein System entstanden, „das noch komplizierter ist als vorher“.

Fezer plädierte für ein zweigliedriges Schulsystem. „Und in dem konzentrieren wir all unsere Kräfte und Unterstützungsleistungen so, dass wir beide Teile wirklich gleich stark und gleich berechtigt ausstatten, und so attraktiv gestalten, damit Eltern nicht mehr denken müssen, nur auf dem Gymnasium kann mein Kind das Heil erreichen.“ Die Bürgermeisterin räumte aber auch ein, dass der Druck auf das Land, G9 wieder einzuführen, enorm groß gewesen sei.

Was die Schulreform vorsieht

Die Schulreform sieht für die weiterführenden Schulen jenseits des Gymnasium Folgendes vor:

  • Abschaffung des Werkrealschulabschlusses, Werkrealschulen bieten künftig nur noch den Hauptschulabschluss an
  • Die Realschule führt vorrangig zur mittleren Reife, zeigt aber auch einen klaren Weg zum Abitur auf
  • Unterschiedliche Schularten können Schulverbünde gründen
  • Wenn sich eine Real- und eine Werkrealschule zusammenschließen, lehren die Realschulen nur noch auf dem mittleren Niveau und nicht zusätzlich noch auf dem Hauptschulniveau
Es habe ein eindeutiges Votum für die Rückkehr zu G9 gegeben, betonte Daniel Hager-Mann, Amtschef im Kultusministerium. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Daniel Hager-Mann betonte, dass es mit der Elterninitiative „G9 Jetzt“ und dem anschließend von der Landesregierung einberufenem Bürgerforum „ein eindeutiges Votum für die Rückkehr zu G9“ gegeben habe. Von Anfang an sei aber klar gewesen, dass dies „ das gesamte Schulsystem in Baden-Württemberg verändern wird und wir den Blick auch auf die nicht gymnasialen Schularten richten müssen“, sagte der Amtschef im Kultusministerium. Darum sehe das neue Schulgesetz viele Verbesserungen für alle Schularten vor – so zum Beispiel die Stärkung der Basiskompetenzen, Informatikunterricht und mehr Demokratiebildung. „Für uns ist es kein Lippenbekenntnis, dass akademische und nicht-akademische Bildung gleichwertig sind“, sagte Hager-Mann. Gleichzeitig erlebe das Kultusministerium, dass für viele Eltern die Attraktivität einer Schulart davon abhänge, ob diese potenziell auch einen Weg zum Abitur aufzeige. Darum sehe die Reform die Stärkung kooperativer Verbünde von verschiedenen Schularten vor. Der Landtag will das neue Schulgesetz Ende Januar verabschieden.

Ein wie von Isabel Fezer vorgeschlagenes zweigliedriges Schulsystem hält Daniel Hager-Mann zwar theoretisch für möglich. Das zeigten viele Beispiele im Ausland, und auch Schleswig-Holstein mache es vor. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob dies in Baden-Württemberg gewollt ist, und zwar unabhängig von der politischen Farbenlehre.“ für einen solchen Schritt sei ein über die Regierung hinausgehender Konsens erforderlich. „Das war aktuell nicht möglich“, so seine Einschätzung.